VON DER EXPERIMENTIERPHASE ZUR STRATEGISCHEN REIFE: KI IN DER DIAKONIE

Sie sind steil, verzweigt und haben unterschiedliche Geschwindigkeiten – die bemerkenswerten Lernkurven, die diakonische Einrichtungen, Träger und Landesverbände seit einigen Jahren im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) machen: Überblick zu behalten, ist schwierig. Dabei wäre auch in diesem Bereich das Von- und Miteinanderlernen ressourcenschonend und gewinnbringend. Die vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderten Digitalisierungsprojekte im Arbeitsprogramm der Diakonie Deutschland setzen genau hier an und sollen dazu beitragen, Synergien zu schaffen.

In vielen Tätigkeitsfeldern der Diakonie ist der Einsatz von KI bereits ein neues Normal: In Büroorganisation und Verwaltung werden generative Tools für Protokolle, Berichte oder Förderanträge erprobt, in der Pflege werden Dokumentationstools und digitale Assistenzsysteme getestet, in Beratungskontexten Übersetzungslösungen im Erstkontakt ausprobiert.

KI-Einsatz braucht konkrete Herausforderungen

Obere Hälfte eines menschenähnlichen Roboters mit Mütze

Bewährt hat sich KI dort, wo sie präzise auf ein bestimmtes Problem zugeschnitten ist.

Sensorbasierte Systeme zur Sturzprävention in der Pflege erkennen Risiken frühzeitig und ermöglichen präventives Handeln. In der Behindertenhilfe werden KI-basierte Kommunikationshilfen eingesetzt, die Menschen mit eingeschränkter Sprachfähigkeit eine aktivere Teilhabe ermöglichen und dabei auf individuelle Muster und Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Auch in der Robotik oder in bildgebenden Verfahren der Medizin hat KI längst bewiesen, was möglich ist, wenn Technologie und fachlicher Bedarf wirklich zusammenpassen.

Und die Ethik?

Aber mit der wachsenden Erfahrung im Umgang mit KI stellen sich auch neue Fragen: Wie kommt man zu Entscheidungen, ob der Einsatz von KI sinnvoll ist? Wie gehen wir mit den Kosten um? Welche Sicherheitsfragen stellen sich im Umgang mit KI? Wie abhängig machen wir uns von Techkonzernen außerhalb Europas? Was ist mit dem Klimaschutz? Oder auch: Wie passen KI und christliches Menschenbild zusammen? Diese Fragen verhandeln wir im Projekt KI,OK? Gemeinsam unterwegs – Was geht mit Menschen und KI in der Diakonie?!

Derzeit beobachten wir, dass die Phase des breiten Experimentierens im Verband in eine Phase der strategischen Orientierung und Schwerpunktsetzung übergeht. Mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Als Diakonie müssen wir in diesem Prozess technische Möglichkeiten und operative Notwendigkeiten auch mit unseren Werten in Einklang bringen, im Horizont von Nächstenliebe, Teilhabegerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung.

Eine wichtige Leitfrage ist: Was dient den Menschen, die wir in Notlagen begleiten?

Enthusiasmus als Ausgangspunkt

Foto eines geöffneten Laptops mit buntem Bildschirmhintergrund

Rückblende: 2024/25 öffnete das KI-Verbundprojekt der Diakonie Deutschland in einer vornehmlich digitalen Workshop-Reihe Experimentierräume, in denen Teilnehmende aus dem Gesamtverband gemeinsam erste Erfahrungen mit den Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz sammeln und grundlegende Kompetenzen zur Anwendung erwerben konnten. In dieser Zeit entstand auch die verbandsweite Peer-Community, die sich bis heute zu KI-Themen austauscht und gegenseitig unterstützt. Um die dabei gewonnenen Erkenntnisse – unter anderem zu KI-Assistenzen, Prompting-Skills und KI im diakonischen Arbeitsalltag – für alle Interessierten nutzbar zu machen, wurde aus dem Experimentieren eine Learning Journey, die für Mitarbeitende der Diakonie zugänglich ist. Der geführte Lernpfad auf der diakonie-internen Plattform EASY ermöglicht es, die Texte, Tutorials und Vorträge des KI-Verbundprojekts selbstständig und in eigenem Tempo zu entdecken.

KI-Einsatz systematisieren

Illustration einer Zielscheibe mit einem Pfeil in der Mitte

Um das volle Potenzial von KI-Lösungen auszuschöpfen, wird es zukünftig darauf ankommen, den Enthusiasmus für die beeindruckenden technischen Möglichkeiten mit nüchterner Problemanalyse zu verbinden. Und so den Blick dafür zu schärfen, welche Herausforderungen tatsächlich mithilfe von KI gelöst werden können.

Vor diesem Hintergrund bot der Bundesverband im Frühjahr 2026 einen Strategieworkshop für Führungskräfte an. Die Ergebnisse wurden im Anschluss als Selbstlernmaterial auf der diakonie-internen EASY-Plattform veröffentlicht. Die Arbeitsblätter regen dazu an, zuerst eine Standortbestimmung per Selbstcheck durchzuführen, auf dieser Grundlage ein Zielbild zu formulieren und anschließend einen ersten Anwendungsfall zu beschreiben. Fragen, die eine Antwort brauchen, sind beispielsweise:

  • Wie kann man den Prozess einer Implementierung von KI systematisieren, um tatsächlich Arbeitsentlastung zu erreichen?
  • Welche Fragen müssen vor dem KI-Einsatz geklärt werden?
  • Wo bieten sich andere Lösungen an?
  • Welche Bedeutung haben die Führungsebenen für Erfolg und Misserfolg von KI?

Ein wichtiges Ergebnis: KI ist kein Selbstläufer. Strategische Initiativen mit dem Ziel, KI sinnvoll und nachhaltig in alltägliche Arbeitsprozesse zu implementieren, benötigen nicht nur sichtbare Leitungspatenschaften, sondern auch Budgets und personelle Kapazitäten.   

So gelingt strategische Einführung von KI

Ein Positivbeispiel für eine strategische Einführung von KI ist die Diakonie Baden: Nach einer Pilotphase mit wissenschaftlicher Begleitung durch das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen hat sich der Landesverband für eine schrittweise, ressourcenbewusste Implementierung von Microsoft Copilot entschieden; alle Mitarbeitenden wurden für die kostenfreie Web-Version geschult, während Premium-Lizenzen bedarfsorientiert durch die Führungskräfte vergeben werden, begleitet von Multiplikator:innen aus allen Bereichen.

Beschleunigt habe diesen Prozess, so Stephan Geller, Abteilungsleiter IT und Digitalisierung der Diakonie Baden, dass die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangegangen seien: „Sie nutzen KI und berichten transparent von ihren Erfahrungen, positiven wie negativen.“ So öffnen sie auch den Mitarbeitenden einen fehlerfreundlichen Raum fürs Ausprobieren. Regelmäßige Workshops und Austauschformate begleiteten den Prozess. Auch dass die Mitarbeitendenvertretung (MAV) von Beginn an eingebunden war, wertet Geller positiv.

Maßgeschneiderte Lösungen

Vor allem aber habe überzeugt, dass im Arbeitsalltag der konkrete Nutzen der neuen KI sofort erfahrbar war und als entlastend erlebt wurde. Bei den konkreten Anwendungsfällen setzt die Diakonie Baden nun auf maßgeschneiderte Lösungen – etwa speziell konfigurierte Copilot-Agenten für die Prüfung von Gewaltschutzkonzepten. Gellers Fazit: 

  • Die KI, die wir aktuell einsetzen, ist die schlechteste, die wir jemals nutzen werden. Je früher der Mehrwert in der Organisation verstanden wird, umso schneller können neue Entwicklungen adaptiert und für die Arbeit genutzt werden.

    Stephan Geller Abteilungsleiter IT und Digitalisierung der Diakonie Baden

Ressourcen ernst nehmen – in jeder Hinsicht

Illustration einer Erdkugel, die von drei Menschen umarmt und gehalten wird

Allerdings bleiben auch bei gelingender Implementierung von KI in den Arbeitsalltag ethische Fragen offen, etwa beim Thema Nachhaltigkeit. Große KI-Sprachmodelle, mit denen auch der Copilot arbeitet, verbrauchen erhebliche Mengen an Energie und Rechenleistung. Allein sie zu nutzen, ist nicht nur eine technische, sondern auch eine ökologisch-ethische Entscheidung. Schon heute benötigen Rechenzentren weltweit circa 650 Terawattstunden Strom pro Jahr, was mehr als dem gesamten deutschen Strombedarf entspricht. Die CO₂-Bilanz ist schon jetzt verheerend, bis 2030 wird der Energieverbrauch von KI-Rechenzentren voraussichtlich elfmal höher sein als 2023. Dazu kommt der Verbrauch von Wasser und anderen Ressourcen wie seltenen Erden.

Gemeinsam lernen und gestalten

All das sind politische, aber auch verbandspolitische Themen, die bereits diskutiert werden und weiter diskutiert werden müssen. Eines der Ziele des Arbeitsprogramms zur Digitalisierung in der Diakonie Deutschland ist, die Ergebnisse und Zwischenergebnisse auch solcher Diskussionen verbandsintern zugänglicher zu machen, um eine ethisch reflektierte Haltung zum Umgang mit KI und ihren Grenzen zu entwickeln. Damit auch der Prozess, zu einer ethischen Haltung zu finden, zu einer gemeinsamen Ressource werden kann.

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Jasmin Rocha und Hannes Harthun – Referat Digitalisierung der Diakonie Deutschland

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