KI & diakonische Ethik
KI ist längst Teil des Alltags und wird auch in der diakonischen Arbeit immer wichtiger. Das entbindet uns nicht davon, genau hinzuschauen: Wo KI die persönliche Beziehung, die Selbstbestimmung oder die Würde von Menschen gefährdet, ist ihr Einsatz nicht nur kritisch zu prüfen, sondern grundsätzlich zu begrenzen.
KI ist nicht neutral
KI ist kein neutrales Werkzeug. Je nach Training, trägt sie Wertvorstellungen in Arbeitsabläufe ein. Ihre Art „zu denken“ ist geprägt von Daten, Standards und Effizienz. Das kann Werten wie Zuwendung, Individualität und Offenheit, die diakonisches Handeln leiten, widersprechen: Problematisch ist also nicht eine einzelne KI-Anwendung, sondern die Gefahr, dass die datengetriebene Logik der KI zum Maßstab für ein gelingendes Miteinander wird und Regeln definiert, die am Menschenbild der Diakonie vorbeizielen.
Diakonische Werte zur ethischen Orientierung
Die Idee der Gottesebenbildlichkeit besagt, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist und deshalb einen besonderen Wert, unverlierbare Würde sowie Anspruch auf Respekt und Selbstbestimmung hat. Menschenwürde, Nächstenliebe und Sorgekultur sind diakonische Werte, die dabei helfen können, technologische Entwicklungen zu beurteilen und ihren Einsatz zu begrenzen.
Würde, Selbstbestimmung und Beziehung
Würde konkretisiert sich unter anderem im Erleben von Selbstbestimmung, Anerkennung und Beziehung. KI kann dazu beitragen dieses Erleben zu ermöglichen und zu verbessern, zum Beispiel als Assistenz für Menschen mit Einschränkungen. Sie kann aber auch das Gegenteil bewirken, wenn Menschen zu Objekten algorithmischer Verarbeitung werden oder wenn Interaktion an Maschinen delegiert wird.
Zum Beispiel könnte eine KI-Software Würde gefährden, wenn Pflegebedarfe berechnet werden, ohne dass eine Pflegefachkraft die Entscheidung für jeden Einzelfall überprüft. Hingegen kann eine KI-Anwendung, die Pflegekräfte bei administrativen Tätigkeiten wie Dokumentation entlasten und mehr Zeit für persönliche Gespräche schaffen. Gleichzeitig eröffnen diese KI-Nutzungen in der Praxis neue ethische Abwägungsprozesse, denn sie verletzen möglicherweise Persönlichkeitsrechte, etwa bei Sprachaufnahmen von sensiblen Inhalten in Anwesenheit Dritter.
Gleichberechtigung & Inklusion
KI schafft nicht automatisch mehr Teilhabe, denn sie existiert in einer Welt mit bestehenden Ungleichheiten: Zugänge, Ressourcen und Fähigkeiten sind unterschiedlich verteilt. Wenn Entwickler*innen und Anwender*innen nicht bewusst für inklusive Lösungen sorgen, können KI-Systeme Menschen weiter ausgrenzen.
Praktische Anwendungen
Andererseits öffnen sich für Menschen mit Behinderungen neue Möglichkeiten der Teilhabe: KI kann Assistenz bieten, z. B. durch Sprachsteuerung und Untertitelung. Damit das gelingt, müssen Betroffene bereits in die Entwicklung einbezogen werden. Es entstehen neue Bedarfe für Schulungen und einfache Zugangsmöglichkeiten. Die KI-Assistenz wird die menschliche Assistenz nicht einfach ersetzen.
Menschliche Interaktion und Beziehung
KI verändert nicht nur den Arbeitsalltag, sondern auch, wie Menschen miteinander umgehen. Soziale Arbeit lebt von persönlicher Begegnung, Resonanz und Anerkennung. KI ist in der Diakonie verantwortbar, wenn sie diese Beziehungen stärkt — zum Beispiel indem sie Routinearbeit übernimmt und so Zeit für persönliche Gespräche schafft. Sie ist problematisch, wenn Begegnungen durch standardisierte Abläufe ersetzt oder Kommunikation zu sehr technisch vermittelt wird.
Konkretes Beispiel: Chatbots
So können Chatbots beispielsweise erste Infos geben oder Termine organisieren. Wenn sie aber statt einer echten Beratung eingesetzt werden, verlieren Menschen echte Unterstützung. Richtig genutzt, entlasten Chatbots Mitarbeitende, bleiben aber klar als Hilfsmittel erkennbar — nicht als Ersatz für menschliche Beratung. Ungeklärt ist beispielsweise auch, was es für Beratungsprozesse bedeutet, wenn menschliche Fähigkeiten wie Empathie auf Sprechereignisse reduziert werden.
Einladung zur Mitgestaltung
Dieser Text ist ein erster Ausgangspunkt für gemeinsame Diskussionen: Im folgenden Abschnitt finden Sie Literatur, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Weiter unten haben wir Leitfragen zusammengestellt, die im Projekt vertieft werden. Wir laden Sie herzlich ein, sich mit Ihren Perspektiven über die untenstehenden Kanäle einzubringen.
Materialsammlung zu ethisch-theologischen Fragen rund um Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz in diakonischen Unternehmen. Diakonie reflektiert – Band 3
Die Publikation der midi-Arbeitsstelle verbindet theologische Reflexion mit praktischen Perspektiven auf KI in der Diakonie. Sie bietet konkrete Orientierung für eine wertegeleitete KI-Nutzung im diakonischen Kontext.
Leitlinien zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz im EWDE (März 2024)
Diese Leitlinien des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung setzen konkrete (ethische) Standards für die KI-Nutzung. Sie zeigen, wie diakonische Werte wie Menschenwürde und Selbstbestimmung in technischen Entscheidungen verankert werden können.
Orientierungspapier Künstliche Intelligenz in der Kinder- und Jugendhilfe
Die Publikation des Evangelischen Fachverbands Kinder, Jugend und Familie der Diakonie Württemberg liefert einen Beitrag zur Weiterentwicklung einer menschenzentrierten, inklusiven und gerechten digitalen Praxis.
KI-Leitlinie für die württembergische Landeskirche
Die Leitlinien der evangelischen Landeskirche Württemberg legt dar, wie KI gemeinwohlorientiert und ethisch fundiert genutzt werden kann. Dabei werden auch Aspekte der Ökologie und Nachhaltigkeit einbezogen.
Diakonie und KI: Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz für die Sozialdiakonie
Die Diakonie Schweiz analysiert Chancen und Risiken differenziert und bietet einen reflektierten Überblick über die ethischen Dimensionen der KI-Nutzung.
Theologie im digitalen Zeitalter: Prof. Dr. Birte Platow zur Rolle von KI und Ethik (Video)
In diesem Vortrag verbindet Birte Platow theologische Grundkonzepte mit den aktuellen KI-Herausforderungen. Sie zeigt, wie christliche Ethik und Menschenbilder uns bei der Bewertung von KI-Systemen leiten können.
Digitale Ethik verstehen: Der "Ethik Digital"-Reader zu KI, Plattformen und Digitalisierung
Der "Ethik Digital"-Reader von Sonntags.Bayern bietet einen umfassenden Überblick über Chancen und Risiken der Digitalisierung aus evangelischer Perspektive. Ein Ausgangspunkt für ethische Diskussionen in diakonischen Teams.
Tod, Sterben, Chatbots, Avatare, Trauer
Dieses Interview mit Pfarrer Rainer Liepold kreist um die Frage, wo KI-Systeme in der Trauerarbeit echte Unterstützung bieten können – und wo sie das Menschliche gefährden. Ein Impuls für sehr persönliche Lebensbereiche.
KI, Ethik und Gemeinwohl: Monika Ilves über Chancen für NGOs und Zivilgesellschaft Monika Ilves erläutert im Interview konkrete Möglichkeiten, wie Organisationen KI für mehr Gerechtigkeit nutzen können ohne dabei ihre Werte zu kompromittieren.
Interview: „Der Diskurs zu KI hat quasi-religiöse Züge" - LMU München
Dr. Christoph Heilig, Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe „Focalization in Early Christian Stories“ an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU, analysiert die „quasi-religiösen Erwartungen" an KI.