WOHNUNGSLOSIGKEIT ÜBERWINDEN
Wohnungslosigkeit ist eine der extremsten Formen von Armut und längst kein Randphänomen mehr. Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland sind wohnungslos, ihre Zahl wächst weiter. Zunehmend sind auch Erwerbstätige oder Familien mit Kindern betroffen. Allein im vergangenen Winter sind mindestens 14 wohnungslose Menschen auf der Straße erfroren. Mit einer sozialen Wohnungspolitik und wirksamer Prävention ließe sich Wohnungslosigkeit überwinden. Die Diakonie wirkt aktiv daran mit. Doch es bleibt noch viel zu tun.
Als wohnungslos gelten Menschen, die in überlassenem Wohnraum, Sammelunterkünften oder Einrichtungen für Wohnungslose der Kommunen oder der freien Wohlfahrtspflege untergebracht sind.
Die Zahl dieser Menschen lag zum Stichtag 31.01.2026 bei 452.900, mehr als ein Viertel (28 Prozent) sind Geflüchtete aus der Ukraine. Außerdem gilt als wohnungslos, wer bei Angehörigen, Freunden oder Bekannten unterkommt, also verdeckt wohnungslos ist (rund 60.400 Personen), oder auf der Straße oder in Behelfsunterkünften lebt (rund 47.300 Personen).
Insgesamt gibt es damit mehr als eine halbe Million wohnungsloser Menschen (545.000) in Deutschland.
Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, denn es gibt eine hohe Dunkelziffer. Bestimmte Gruppen – etwa Menschen, die in Pflege- oder Jugendhilfeeinrichtungen leben, oder Frauen in Frauenhäusern – werden von der Wohnungslosenstatistik nicht erfasst. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) geht in einer Hochrechnung von mehr als einer Million wohnungsloser Menschen in Deutschland aus. Die Zahl könnte in den kommenden Jahren weiter steigen, warnt sie.
Fehlender bezahlbarer Wohnraum, zu hohe Wohnkosten, wachsende Armut
Wie lässt sich die hohe und steigende Zahl wohnungsloser Menschen erklären? Die zentralen Gründe: zu wenig bezahlbarer und bedarfsgerechter Wohnraum sowie steigende Armut. Armut wiederum verschärft sich insbesondere durch hohe Wohnkosten, wie eine Studie zu Wohnarmut in Deutschland zeigt.
Gleichzeitig reicht der vorhandene Wohnungsbestand nicht aus, um die stetig steigende Nachfrage zu decken. Besonders der Rückgang an Sozialwohnungen ist problematisch. Dabei sind diese Wohnungen im geförderten Segment unabdingbar für Menschen mit niedrigen Einkommen.
Miet- und Energieschulden sind der häufigste Grund, warum Menschen wohnungslos werden. Ausgelöst werden Mietschulden meist durch einschneidende Ereignisse, etwa weil Menschen ihren Job verlieren, sich trennen oder scheiden lassen. Nach einer Trennung kann es beispielsweise passieren, dass die Person, die in der Wohnung bleibt, die Miete allein nicht mehr bezahlen kann. Dadurch entstehen Mietschulden, die schließlich zur Kündigung des Mietvertrags führen können.
Viele Gesichter: vom Randphänomen in die Mitte der Gesellschaft
Inzwischen trifft Wohnungslosigkeit immer häufiger auch erwerbstätige Menschen und Familien mit Kindern. Das zeigt: Sie ist kein Randphänomen mehr. Die Probleme am Wohnungsmarkt mit steigenden Mieten vor allem in den Großstädten und Ballungsgebieten führen dazu, dass Wohnungslosigkeit mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft reicht und verschiedene Gesichter hat.
Und nicht selten haben diese Gesichter inzwischen weibliche Züge: Während zwar immer noch deutlich mehr Männer als Frauen obdachlos auf der Straße leben, bleiben Frauen eher verdeckt wohnungslos – oft mit negativen, weil ausbeuterischen Folgen. Oder sie leben in einer Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe, um sich vor den Gefahren der Straße zu schützen. Was jedoch für alle gilt: Wer einmal wohnungslos ist, findet nur schwer wieder eine eigene Wohnung.
Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit soll Perspektiven schaffen
Um Wohnungslosigkeit bis zum Jahr 2030 zu überwinden, hat die alte Bundesregierung 2024 einen Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP-W) beschlossen. An diesem war die Diakonie Deutschland als Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) maßgeblich beteiligt. Zur Umsetzung wurde das „Nationale Forum Wohnungslosigkeit“ gegründet. In drei Facharbeitsgruppen zu Prävention, Wohnraumversorgung sowie Hilfen und Notversorgung erarbeiten seitdem staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure Maßnahmen, um Wohnungslosigkeit zu bekämpfen. Der Referent für Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Deutschland wirkt als Vorsitzender der Facharbeitsgruppe Prävention mit und vertritt dort die BAGFW. Alle Akteure des NAP-W haben sich zudem verpflichtet, jährlich Maßnahmen gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit umzusetzen. So entstand etwa die Broschüre für eine bessere Kooperation von Wohnungswirtschaft und Wohnungsnotfallhilfe, die die BAGFW im vergangenen Jahr mit der BAG W und dem GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen veröffentlicht hat.
Wandel zur sozialen Wohnpolitik nötig
Angesichts der dramatischen Wohnungslosenzahlen reichen die bisherigen Maßnahmen des Bundes, der Länder und Kommunen und der Zivilgesellschaft jedoch bei weitem nicht aus, um Wohnungslosigkeit zu reduzieren, geschweige denn zu überwinden. Aus Sicht der Diakonie Deutschland und des Evangelischen Bundesfachverbands Existenzsicherung und Teilhabe (EBET) braucht es einen grundlegenden Wandel hin zu einer sozialen Wohnungspolitik. Sie fordern ausreichend bezahlbaren Wohnraum als Grundvoraussetzung, um Wohnungslosigkeit zu beseitigen. Dazu muss der soziale Wohnungsbau noch stärker als bisher gefördert werden. Außerdem braucht es Investitionszuschüsse für die sogenannte „Neue Wohngemeinnützigkeit“ (NWG), damit auch soziale Träger in bezahlbaren Wohnraum investieren. Was ebenfalls dazu beitragen könnte, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten: Wohnungsbestand rekommunalisieren, vorhandenen Leerstand erschließen und mehr Gewerbe- in Wohnimmobilien umbauen.
Mehr Wohnraum allein reicht nicht aus
Klar ist aber: Durch die hohe Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt reicht mehr bezahlbarer Wohnraum allein nicht aus, um Menschen aus der Wohnungslosigkeit zu holen. Sie brauchen aus Sicht der Diakonie Deutschland und des EBET einen besseren Zugang zu Wohnraum – beispielsweise durch Quotenregelungen für wohnungslose Menschen oder indem Kommunen sich das Recht sichern, freie Wohnungen gezielt an Wohnungslose zu vermitteln.
Außerdem setzt sich die Diakonie dafür ein, die Notunterkünfte für Wohnungslose menschenwürdig zu gestalten und an die verschiedenen Bedürfnisse anzupassen – etwa von Frauen, Familien, Jugendlichen oder psychisch erkrankten Menschen. In allen Notunterkünften muss es eine sozialrechtliche Beratung geben, die den Menschen Perspektiven aufzeigt.
Vor Wohnungsverlust schützen
Um zu verhindern, dass Menschen überhaupt wohnungslos werden, brauchen sie außerdem besseren Schutz vor Wohnungsverlust.
Die Diakonie Deutschland setzt sich dafür ein, Fach- und Präventionsstellen flächendeckend auszubauen, damit Menschen in einer Wohnungsnotfallsituation kompetente Hilfe erhalten. Zudem sollte das Mietrecht so angepasst werden, dass Menschen besser als bisher vor Mietsteigerungen und Wohnungskündigungen geschützt werden.
Es ist möglich, Wohnungslosigkeit gesellschaftlich zu überwinden. Dies erfordert aber massive Anstrengungen aller relevanten Akteure und eine soziale Wohnungspolitik, die das Menschenrecht auf angemessenen Wohnraum verwirklicht.
Die Diakonie Deutschland wird sich in ihrer politischen Arbeit auch weiterhin dafür einsetzen.
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Lars Schäfer – Referent Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe der Diakonie Deutschland