SUIZIDPRÄVENTION STÄRKEN: DAMIT MENSCHEN IHREN PLATZ BEHALTEN
Viele Menschen, die einen Sterbewunsch äußern, wünschen sich nicht in erster Linie den Tod. Sie wünschen sich, dass etwas Unerträgliches aufhört. Oft sind es Schmerzen, Einsamkeit, Angst oder Überforderung. Oft ist es die Sorge, anderen zur Last zu fallen. Oft ist es der Wunsch, auch in Krankheit, Alter oder Verletzlichkeit weiterhin dazuzugehören. Genau hier beginnt für die Diakonie Suizidprävention. Sie gründet auf der christlichen Überzeugung, dass jeder Mensch in seiner unveräußerlichen Würde von Gott gewollt ist und sich seine Daseinsberechtigung nicht „verdienen“ muss.
Suizidprävention beginnt nicht erst in der akuten Krise, sondern dort, wo Menschen spüren, dass sie zählen – auch dann, wenn sie Hilfe brauchen. Sie beginnt dort, wo Menschen Unterstützung finden, bevor die Verzweiflung zum einzigen Begleiter wird.
Mehr als eine individuelle Krise
Oft wird Suizid vor allem als individuelles Problem betrachtet. Doch Sterbewünsche entstehen nicht nur in einzelnen Menschen. Sie entstehen auch in gesellschaftlichen Verhältnissen. Wir leben in einer Zeit, in der Selbstbestimmung, Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit einen hohen Wert haben. Das ist zunächst etwas Positives. Problematisch wird es, wenn daraus die Vorstellung entsteht, ein gelungenes Leben müsse bis zuletzt selbstbestimmt, aktiv und unabhängig bleiben. Demgegenüber erinnert die christliche Perspektive daran, dass es zum Menschsein dazugehört, auch verletzlich zu sein und Unterstützung zu benötigen. Wir sind von Gott so angenommen, wie wir sind.
Was geschieht, wenn Menschen schwer erkranken? Wenn sie Unterstützung brauchen? Wenn sie pflegebedürftig werden oder sich nicht mehr so in die Gesellschaft einbringen können wie früher? Dann ist nicht nur die Erkrankung selbst belastend. Viele Menschen erleben zugleich die Angst, anderen zur Last zu fallen, ihre Würde zu verlieren oder nicht mehr dazuzugehören. Die Diakonie setzt sich deshalb für eine Suizidprävention ein, die nicht nur individuelle Krisen in den Blick nimmt, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen solche Krisen entstehen.
Sterbewünsche entstehen nicht im luftleeren Raum
Die Erfahrungen aus Hospizarbeit, Pflege, Beratung, Seelsorge und sozialer Arbeit zeigen immer wieder: Hinter einem Sterbewunsch stehen häufig Fragen, die nicht mit einem Ja oder Nein beantwortet werden können. Menschen fragen nach Sinn, Zugehörigkeit, nach Entlastung und der Gewissheit, weiterhin willkommen zu sein.
Diese Fragen entstehen nicht im luftleeren Raum. Menschen leben in Beziehungen. Sie übernehmen Vorstellungen darüber, was ein gutes Leben ausmacht, was Würde bedeutet, wann Hilfe angenommen werden darf und wie viel Abhängigkeit zumutbar ist.
Diese Vorstellungen entstehen in Familien, Freundeskreisen, Institutionen und gesellschaftlichen Leitbildern. Sie prägen, wie Menschen sich selbst sehen – und wie sie ihr eigenes Leben bewerten.
Kinder und Jugendliche im Blick
Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Suizid gehört in dieser Altersgruppe zu den häufigsten Todesursachen. Psychische Belastungen, Einsamkeit, Leistungsdruck und Zukunftsängste treffen junge Menschen oft in einer Lebensphase, in der Orientierung und Zugehörigkeit besonders wichtig sind.
Deshalb braucht es niedrigschwellige Hilfsangebote – etwa Kinder- und Jugendtelefone, Online-Beratung oder andere leicht erreichbare Anlaufstellen – ebenso wie vertrauenswürdige Ansprechpersonen in Schule, Jugendhilfe und bei Freizeitangeboten. Vor allem aber brauchen junge Menschen Erwachsene, Gleichaltrige und Orte, die ihnen vermitteln: Du gehörst dazu – auch dann, wenn es dir gerade nicht gut geht.
Auch hier gilt: Suizidprävention beginnt lange bevor ein junger Mensch keinen Ausweg mehr sieht.
Selbstbestimmung braucht mehr als Entscheidungsfreiheit
Die Debatte um den assistierten Suizid hat die Frage nach Selbstbestimmung am Lebensende neu ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch die Diakonie beteiligt sich seit vielen Jahren an dieser Diskussion. Für die Diakonie gehört zur Selbstbestimmung jedoch mehr als die Freiheit, Entscheidungen treffen und zwischen vorhandenen Optionen wählen zu können. Sie setzt auch voraus, die eigenen Wünsche, Motive und Handlungsmöglichkeiten zu verstehen und zu reflektieren.
Selbstbestimmung braucht Perspektiven
Gerade deshalb ist die Diakonie überzeugt, dass Menschen, die einen assistierten Suizid in Erwägung ziehen, die Möglichkeit haben sollten, ihren Sterbewunsch in einem unabhängigen Gespräch zu reflektieren. Nicht um ihn zu bewerten oder zu korrigieren, sondern um ihn zu erkunden und einzuordnen. Deshalb setzt sich die Diakonie dafür ein, dass Menschen vor einer so weitreichenden Entscheidung eine unabhängige psychosoziale Beratung erhalten. Ein solcher Gesprächsraum bietet die Chance, Belastungen, Ängste und Hoffnungen offen anzusprechen und zu reflektieren. Die Erfahrung aus Hospizarbeit und Seelsorge zeigt: Nicht jede Not lässt sich lösen. Manchmal braucht es einfach Menschen, die bleiben, zuhören und mit aushalten. Dies kann dazu beitragen, neue Perspektiven wahrzunehmen und mögliche Alternativen sichtbar zu machen. Aus Sicht der Diakonie ist dies kein Hindernis auf dem Weg zu einer Entscheidung, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Selbstbestimmung tatsächlich gelebt werden kann.
Positionierung der Diakonie
Die Diakonie Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den weitreichenden ethischen, sozialen und praktischen Fragen rund um Sterbewünsche, assistierten Suizid und Suizidprävention auseinandergesetzt. In bundesweiten Veranstaltungsreihen wurden diese Themen mit Fachkräften, Einrichtungen und Diensten diskutiert. Aus den Erkenntnissen sind praxisnahe Materialien entstanden – darunter die Orientierungshilfe zum Umgang mit Sterbewünschen, suizidalen Gedanken und Wünschen nach Suizidassistenz sowie das Impulskartenset Suizidprävention. Sie unterstützen Mitarbeitende dabei, Gespräche offen zu führen und Menschen in existenziellen Krisen zu begleiten.
Die Erfahrungen aus dieser Arbeit prägen auch die politische Positionierung der Diakonie. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Suizidprävention zu stärken und gesetzlich zu verankern sowie zugleich einen verantwortungsvollen rechtlichen Rahmen für die Suizidassistenz zu schaffen, der Selbstbestimmung ermöglicht, Schutz gewährleistet und Raum für Reflexion eröffnet. Psychosoziale Unterstützungsangebote müssen ausgebaut werden. Ebenso muss die Hospiz- und Palliativversorgung so gestärkt werden, dass Menschen sich sicher sein können, auch in schwerer Krankheit und am Lebensende die Hilfe zu erhalten, die sie sich wünschen.
Selbstbestimmung setzt voraus, verschiedene Möglichkeiten und Wege überhaupt zu kennen. Die Diakonie setzt sich deshalb für eine bundesweite Informationskampagne über hospizliche und palliative Angebote ein. Eine solche Kampagne kann dazu beitragen, Ängste abzubauen, das gesellschaftliche Bild vom Sterben zu verändern und Menschen zu ermutigen, sich frühzeitig mit ihren Vorstellungen vom Leben und Sterben auseinanderzusetzen.
Eine Gesellschaft, die niemanden aufgibt
Die Diakonie macht sich stark für eine Gesellschaft, die niemanden aufgibt. In ihrem täglichen Handeln richtet sie den Blick besonders auf diejenigen, die Gefahr laufen, übersehen zu werden – Menschen in Krisen, Einsame, Pflegebedürftige, Jugendliche ohne Halt und Menschen mit Sterbewünschen. Die biblischen Geschichten erzählen von einer Gemeinschaft, in der gerade die Ausgeschlossenen und Übersehenen einen Platz am Tisch haben. Diese Erfahrung von Zugehörigkeit ist auch heute unverzichtbar. Menschen dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass sie verschwinden sollten, weil sie krank, alt, abhängig oder belastend geworden sind. Dazu gehört auch, Einsamkeit und sozialer Isolation entschlossen entgegenzutreten – etwa durch Quartiersarbeit, Begegnungsorte und organisierte Nachbarschaftshilfe.
Eine menschenfreundliche Gesellschaft erkennt den Wert eines Menschen nicht an seiner Leistungsfähigkeit, Gesundheit oder Unabhängigkeit. Sie erkennt ihn in seiner unveräußerlichen Würde.
Mit Mut und Zuversicht
Mut und Zuversicht entstehen, wenn Menschen erleben, dass sie nicht allein tragen müssen, was ihr Leben schwer macht. Die Arbeit der Diakonie zeigt jeden Tag, dass Krisen nicht das letzte Wort haben müssen. Wo Menschen Unterstützung erfahren, entstehen neue Perspektiven. Wo Zugehörigkeit erlebt wird, wächst Hoffnung.
Suizidprävention ist deshalb mehr als die Verhinderung von Suiziden. Sie ist Ausdruck einer Gesellschaft, die Menschen auch in Zeiten von Krankheit, Abhängigkeit und Krise nicht aufgibt, sondern sie begleitet.
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Dr. Jutta Ataie – Referentin für Hospiz und Palliative Care der Diakonie Deutschland