PFLEGENDE AN- UND ZUGEHÖRIGE ENTLASTEN

Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig – dreimal so viele wie 1999, als die Pflegeversicherung eingeführt wurde. Die meisten von ihnen, 5,1 Millionen, werden zuhause begleitet; davon werden etwa 55 Prozent allein durch An- und Zugehörige, also durch Familienmitglieder, Partner:innen oder andere nahestehende Menschen, unterstützt. Etwas weniger als die Hälfte der Pflegebedürftigen in der häuslichen Pflege wird entweder ausschließlich durch einen ambulanten Pflegedienst versorgt oder durch eine Kombination von ambulanten Pflegediensten und pflegenden Angehörigen. Das zeigt deutlich: Pflegende Angehörige sind eine tragende Säule in der Versorgung zuhause. Sie brauchen wesentlich mehr Unterstützung und Entlastung, aber auch mehr gesellschaftliche Anerkennung.

Eine ältere Hand und eine junge Hand liegen übereinander

Von den etwa 15 Prozent der Bevölkerung, die ihre Angehörigen pflegen oder unterstützen, übernehmen viele die Hauptverantwortung für die Betreuung eines pflegebedürftigen Partners, Elternteils oder Kindes. Auch Menschen, die keine direkte Pflege leisten, aber im Alltag unterstützen, zum Beispiel Arzttermine organisieren oder als Betreuerin oder Betreuer helfen, gehören dazu.

Die Zahl der pflegenden Angehörigen ist mit der wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen in den letzten 25 Jahren vermutlich ebenfalls gestiegen. Für die Zukunft ist absehbar, dass dieses „familiale Pflegepotenzial“ zurückgehen wird: Die Baby-Boomer-Generation hat weniger Kinder geboren, schon heute leben alte Menschen vermehrt allein. Während 2022 auf einen über 85-Jährigen insgesamt sieben 50- bis 64-Jährige entfielen, wird dieses Verhältnis im Jahr 2056 voraussichtlich nur noch rund eins zu drei betragen. Verhältnismäßig werden also künftig weniger Menschen ihre Angehörigen im Alter pflegen können.

Pflege kann positiv erlebt werden, aber auch belastend sein

Eine angehörige Person zu pflegen, kann als positiv wahrgenommen werden. Pflegende Angehörige können diese Aufgabe als bedeutsam, bereichernd und zum Wohlbefinden beitragend erleben. Die Pflegeaufgabe kann aber auch mit Belastungen verbunden sein, die sich negativ auf die Lebensqualität und Gesundheit der pflegenden Angehörigen auswirken können – auch wenn dies vielleicht nicht unmittelbar wahrgenommen wird. Zu Mehrfachbelastungen kommt es insbesondere dann, wenn die pflegenden Angehörigen zusätzlich Kindererziehung und/oder eigene Berufstätigkeit mit der Pflege in Einklang bringen müssen, oder – etwa wegen höheren Alters – selbst bereits hilfsbedürftig sind.

Diakonie-Umfrage zur Situation pflegender Angehöriger

Grafik zur Umfrage der Diakonie zur Situation pflegender Angehöriger; Im Hinblick auf die Belastungssituation der pflegenden An- und Zugehörigen wurden angegeben:  von über 50 % als häufig vorkommende Belastungen: emotionale Belastungen (74,73 %) psychische Belastungen (67,80 %), zeitliches Angebundensein (56,89 %) und körperliche Belastungen (50,72 %). von 30% bis 45 % wurden als häufig vorkommende Belastungen angeben: gesundheitliche Probleme (45,41 %), fehlendes Privatleben (43,88 %), finanzielle Belastungen (41,09 %), fehlende Unterstützung durch andere Familienmitglieder (35,14 %), Rückgang der Sozialkontakte durch die Pflege (34,99 %) und Probleme mit der Vereinbarkeit mit Beruf und Pflege (31,63 %).

Wie erleben die vielen pflegenden Menschen ihre Situation? Und was könnte sie verbessern? Dazu hat die Diakonie Deutschland Pflegeberaterinnen und Pflegeberater nach ihren fachlichen Einschätzungen befragt. An der Umfrage zur Situation pflegender An- und Zugehöriger im August und September 2025 nahmen mehr als 560 Personen teil.

Die Ergebnisse sind deutlich: Die Befragten gaben zu über 50 Prozent an, dass pflegende Angehörige unter hohen körperlichen Belastungen litten. Noch schwerer wiegen die emotionalen und psychischen Herausforderungen: Drei Viertel der Befragten seien emotional, fast 70 Prozent psychisch hoch belastet. Dazu träten der hohe Zeitaufwand, der das Privatleben, etwa den Kontakt zu Freundinnen und Freunden, dauerhaft einschränke, finanzielle Sorgen sowie die für viele Pflegende schwierige Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. 

Trotzdem zögern pflegende Angehörige häufig, professionelle Unterstützung rechtzeitig in Anspruch zu nehmen – zum Beispiel, weil die pflegebedürftige Person Unterstützung von außen ablehnt. Hindernisse sind aber auch finanzielle und bürokratische Hürden, fehlende Informationen und lange Wartezeiten bei passenden Entlastungsangeboten.

Wie könnten pflegende Angehörige besser entlastet werden? Grundsätzlich – raten die Pflegeberater:innen – wäre es wünschenswert, die Leistungen der Pflegeversicherung zu vereinfachen und den Angehörigen bereits im Vorfeld von Pflegebedürftigkeit Hilfe bei der Antragstellung anzubieten. Auch eine Beratung bei der Organisation des häuslichen Pflegesettings könne früh dazu beitragen, die anspruchsvolle Aufgabe der Pflege zu erleichtern, ebenso wie eine kontinuierliche pflegefachliche Begleitung. Genauso wichtig sei, rechtzeitig darauf hinzuwirken, dass pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen Entlastungsangebote in Anspruch nehmen. Selbstfürsorge und Erholungszeiten müssten von Anfang an mit eingeplant und gestaltet werden. Grundsätzlich – so die Pflegeberatungsprofis – müsse geklärt werden, wie Beruf und Pflege vereinbart werden können, wie pflegende Angehörige rentenrechtlich besser abgesichert werden und wie die psychosoziale Unterstützung gestärkt werden kann. Denn: Was pflegende Menschen für unsere Gesellschaft leisten, verdient eine höhere gesellschaftliche Anerkennung.

Unterstützung und Entlastung pflegender Angehöriger als wichtige diakonische Aufgabe

Illustration zweier älterer Menschen, die miteinander tanzen

Die Diakonie setzt sich seit Langem dafür ein, die Situation pflegender Angehöriger sowohl durch ihre praktische diakonische Arbeit als auch mit ihrer sozialpolitischen Lobbyarbeit zu verbessern. Pflegende Angehörige bilden eine wichtige Zielgruppe in der Arbeit der Dienste und Einrichtungen in diakonischer Trägerschaft. Insbesondere die ambulanten Pflegedienste und Diakoniestationen, die Tagespflegeeinrichtungen und Alltagshilfen sowie die Angebote der Verhinderungs- und Kurzzeitpflege üben nicht nur pflegerische Tätigkeiten bei pflegebedürftigen Menschen aus, sondern begleiten, unterstützen und entlasten auch pflegende Angehörige.

Ihre Interessenvertretung ist auch ein bedeutender Bestandteil in der sozialpolitischen Lobbyarbeit der Diakonie. Die Begleitung, Beratung und Unterstützung pflegender Angehöriger sind wichtige inhaltliche Schwerpunkte in verschiedenen Positionspapieren der Diakonie, etwa zu einer verbesserten Alterssicherung pflegender Angehöriger, in der Pflegekampagne sowie in den Stellungnahmen der Diakonie Deutschland zu den verschiedenen Reformen der Pflegeversicherung.

Kernaufgabe Pflegeberatung

Einen wichtigen Schwerpunkt hierbei bilden die Pflegeberatung, insbesondere die Beratungsbesuche (auch in Form einer Videoberatung), sowie die Anleitung und Schulung der pflegenden An- und Zugehörigen in der Häuslichkeit und die Pflegekurse. Ziel ist, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der pflegebedürftigen Menschen und ihrer Angehörigen durch auf die jeweils konkrete Situation zugeschnittene Information und Beratung zu erhalten und stärken. Diese individuell ausgerichtete, strukturierte und kontinuierliche Beratung sowie unterstützende Begleitung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige ist Kernaufgabe ambulanter Pflegedienste und Diakoniestationen.

Diakonie Deutschland und Landesverbände unterstützen die Pflegeberatung in den Diensten

Titelbild einer Arbeitshilfe zu Pflegefragen mit einer Illustration einer Hand, die zwei menschliche Figuren trägt

Die Diakonie Deutschland unterstützt in Zusammenarbeit mit den diakonischen Landesverbänden die Pflegeberaterinnen und -berater durch Arbeitshilfen, Informationsmaterialien und digitale Fortbildungsveranstaltungen.

In den Jahren 2024 bis 2026 wurden 11 digitale Fortbildungsveranstaltungen zu den nachfolgenden Themen durchgeführt: Konzeptionelle Fragen der Pflegeberatung, Videoberatung, Pflegeberatung bei pflegebedürftigen Kindern, Armut und Gewalt in Pflegehaushalten und aktuelle gesetzliche Änderungen. An den Veranstaltungen nahmen jeweils zwischen 250 und 550 Pflegeberaterinnen und Pflegeberater teil.

 

Einstieg in Pflegeberatung per Video erleichtern

Eine Pflegerin lächelt in die Kamera ihres Laptops

Immer mehr Pflegeberatungen finden per Video statt. Videoberatung kann auch Pflegebedürftige erreichen, deren Pflegeumfeld überwiegend privat organisiert ist. Angehörige und Pflegeberater:innen profitieren von einem ortsunabhängigen Einsatz und zeitlicher Flexibilität bei der Terminvereinbarung. Um diakonischen Pflegediensten und Pflegeberater:innen den Einstieg in die Videokommunikation zu erleichtern, hatte die Diakonie Deutschland bereits im Jahr 2024 in einem Pilotprojekt mit neun ambulanten Pflegediensten getestet, gelernt und Erkenntnisse gesammelt. Diese Erfahrungen kommen auch anderen Pflegediensten zugute. Durch einen Rahmenvertrag, den die Diakonie Deutschland mit einem zertifizierten Anbieter geschlossen hat, können diakonische Pflegedienste und -einrichtungen technisch unkompliziert und entsprechend der Datenschutzvorgaben in die Videoberatung einsteigen.

Ausblick: Pflegeversicherungsreform

Die Diakonie Deutschland bringt die bisherigen Positionierungen zur Stärkung und Entlastung von pflegenden Angehörigen, die Erfahrungen aus den Einrichtungen und Diensten sowie die Ergebnisse der Umfrage in die anstehende Pflegeversicherungsreform ein. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die Entlastung der pflegenden Angehörigen in den Hintergrund rückt zugunsten von Sparmaßnahmen in der Pflegeversicherung. Des Weiteren ist mit dem Pflegeneuordnungsgesetz geplant, die Pflegeberatung sowie die individuelle Anleitung und Schulung der pflegenden Angehörigen durch die Diakoniestationen ab 2029 in die Pflegebegleitung der Pflegekasse zu integrieren. Wir setzen uns dafür ein, dass die ambulanten Pflegedienste zukünftig gesetzlich verankert als Anbieter von Beratung, Schulung und Anleitung erhalten bleiben und verbindlich in die neue Pflegebegleitung eingebunden werden.

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Erika Stempfle – Referentin Arbeitsfeld ambulante gesundheits- und sozialpflegerische Dienste/ambulante Altenhilfe der Diakonie Deutschland

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