„MEHR PRÄVENTION SCHÜTZT FRAUEN VOR GEWALT“
Häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein massives gesellschaftliches Problem. Alle vier Minuten wird in Deutschland eine Frau Opfer von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. 187.128 Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen wurden laut Bundeskriminalamt 2024 registriert – ein Anstieg um 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und dies ist nur das „Hellfeld“, das die angezeigten Fälle umfasst. Die Dunkelfeldstudie zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland (Lesubia) ergab, dass bei Partnerschaftsgewalt weniger als fünf Prozent der Taten angezeigt werden. Die Diakonie Deutschland fordert seit Jahren mehr Schutz und Hilfen für betroffene Frauen, aber auch mehr Präventionsarbeit. Dazu Stefanie Leich, Referentin Gewaltschutz für Frauen der Diakonie Deutschland, im Interview.
Die Zahl der registrierten Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen steigt seit Jahren kontinuierlich an, auch die Zahlen der Dunkelfeldforschung sind alarmierend – was wurde versäumt?
Stefanie Leich: Der Blick war bislang zu einseitig. Für die Betroffenen von Partnerschaftsgewalt hat sich – bei aller Kritik, die man äußern kann – eine Menge getan. Was kaum geschah, ist, die andere Seite zu betrachten und diejenigen, die Gewalt ausüben, in die Verantwortung zu nehmen. Deswegen verändert sich meines Erachtens auch so wenig. Es gibt zwar mittlerweile Täterberatungsstellen, aber sehr wenige. Versäumnisse gibt es auch bei der Gleichstellung. Es ist gut und wichtig, Unterstützungsangebote für von Gewalt betroffene Frauen auszubauen. Aber wir müssen auch ihre Situation verbessern. Eine ungleiche Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit in der Partnerschaft kann beispielsweise dazu führen, dass Frauen in eine finanzielle Abhängigkeit geraten und sich nicht aus einer gewaltvollen Beziehung lösen können.
Was sind die Ursachen für dieses hohe Maß an Gewalt gegen Frauen?
Leich: Das hat unterschiedliche Gründe. Es gibt natürlich Männer, die einfach Macht ausüben wollen und denken, es sei ihr Recht, Gewalt und Kontrolle auszuüben. Anderen geht es darum, dem zu entsprechen, was von Männern – vermeintlich – erwartet wird. Dahinter stecken patriarchale Rollen und Geschlechterstereotype. Es gibt nach wie vor eine große Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Fühlt sich ein Mann möglicherweise nicht stark – etwa weil er in keiner guten finanziellen Position ist –, kann er versuchen, das durch Gewalt gegen andere zu kompensieren. Wenn Männer Privilegien aufgeben müssen, und das müssen sie, wenn wir mehr Gleichstellung erreichen wollen, dann muss diese „Lücke“ gefüllt werden. Dann muss etwas anderes das Gefühl schaffen: „Ich bin jemand.“ Das gilt auch für Veränderungen wie den Renteneintritt oder eine schwere Krankheit. Plötzlich verliere ich meine Position – und dann wird häufig auch Gewalt ausgeübt, um sich wieder mächtig zu fühlen. Das ist dann eher Ausdruck von Schwäche und Hilflosigkeit, die dadurch kompensiert werden sollen.
Warum suchen viele Frauen erst Hilfe, wenn die Gewalt in der Partnerschaft schon eskaliert ist?
Leich: Man muss Gewalt erstmal als Gewalt erkennen. Die fängt ja nicht mit der Ohrfeige an, sondern in der Regel langsam. In Gewaltbeziehungen bemerken Frauen zwar, dass es kleine Veränderungen gibt – der Partner ist zum Beispiel oft gereizt. Das wird aber nicht als beginnende Gewalt bewertet. Diese Gewalt baut sich oft in ganz kleinen Schritten auf. Und wenn die Schritte in einer Beziehung von Gereiztheit bis zu permanenten Beleidigungen und Misshandlungen so klein sind, dann ist der Unterschied nicht mehr groß. Dann ist der Punkt, an dem etwas wirklich nicht mehr „in Ordnung“ ist, ganz schwer wahrzunehmen. Oft ist es auch eine komplexe Dynamik aus Entschuldigungen und Versöhnung – dann baut sich wieder Spannung auf und eskaliert. Das ist schwer zu durchbrechen. Darüber hinaus hält der Wunsch nach einer „heilen“ Familie Frauen häufig von einer Trennung ab. Und auch fehlendes Wissen über Beratungs- und Unterstützungsangebote trägt dazu bei, dass Frauen eine von Gewalt geprägte Beziehung nicht verlassen.
Können sich Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden und Hilfe suchen, darauf verlassen, diese auch zu erhalten?
Leich: Nicht sicher, nein. Denn ganz klar: Angesichts der wirklich dramatischen Zahl an Frauen, die von Gewalt betroffen sind, gibt es nicht genug Beratungsangebote und Schutzplätze. Es fehlen Frauenhausplätze und Kapazitäten in den Beratungsstellen. Hinzu kommen besondere Bedürfnisse, beispielsweise von Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. So kommt es dazu, dass Frauenhäuser Schutzsuchende abweisen müssen – weil sie schlicht keinen Platz haben.
Welche Hilfen bietet die Diakonie für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder?
Leich: Die Diakonie hat 39 Frauenhäuser, die gewaltbetroffenen Frauen einen geschützten Ort und Sicherheit bieten. Außerdem gibt es etwa 35 Fachberatungsstellen der Diakonie, die Frauen dabei unterstützen, ihre Situation zu klären. Dabei wird stets auch auf die Kinder geachtet. In Familien mit Kindern sind ja nicht nur allein die Frauen betroffen. Dann müssen auch die Kinder in einem Frauenhaus untergebracht werden. Ihre Situation wird an vielen Stellen vernachlässigt. Dabei ist bekannt, dass Kinder, die häusliche Gewalt zwischen ihren Eltern oder Bezugspersonen miterleben, ein erhöhtes Risiko haben, auch im späteren Leben Gewalt zu erfahren oder selbst auszuüben. Es können sich geschlechtsspezifische Muster zeigen: Mädchen sind insbesondere einem erhöhten Risiko späterer Viktimisierung (eigener Gewalterfahrung) ausgesetzt, Jungen einem erhöhten Risiko, später selbst Gewalt auszuüben. Deshalb brauchen diese Kinder mehr Unterstützung. Und das nicht nur, weil sie akut Hilfe benötigen, sondern auch für ihr späteres Leben.
Die Diakonie Deutschland setzt sich auch in ihrer sozialpolitischen Arbeit für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder ein. Gemeinsam mit anderen Wohlfahrtsverbänden ist sie Mitglied im Verein Frauenhauskoordinierung (FHK), dessen Vorsitzende ich derzeit bin. Die FHK unterstützt deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen bei ihrer politischen Arbeit, aber auch in fachlicher Hinsicht, etwa mit Fortbildungen.
Das neue Gewalthilfegesetz, das im Februar 2025 in Kraft getreten ist, sieht einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder vor, der ab 2032 gilt. Was muss geschehen, damit dieser auch wirklich umgesetzt werden kann?
Leich: Die Diakonie hat sich seit Jahren für den Rechtsanspruch stark gemacht. Es ist ganz schlicht: Wir bräuchten ausreichend Schutzplätze in Frauenhäusern und genug Beratungsangebote. Wenn nicht alle schutzsuchenden Frauen und deren Kinder auch einen Platz finden oder Beratung erhalten können, funktioniert ein Rechtsanspruch nicht. Derzeit erstellen die Bundesländer Bedarfsanalysen, um dann – so die Idee – entsprechende Angebote und Kapazitäten aufzubauen.
Ist es realistisch, bis 2032 die Lücken im System zu schließen?
Leich: Der Bund beteiligt sich ab 2027 erstmals mit insgesamt 2,6 Milliarden Euro am Ausbau des Gewalthilfesystems. Das klingt nach unfassbar viel Geld. Um jedoch 12.000 Frauenhausplätze und ausreichend Fachberatungsstellen aufzubauen, reicht das nicht. Deshalb müssen Länder und Kommunen trotzdem Geld in die Hand nehmen. Ob es realistisch ist, bis 2032 genügend Kapazitäten aufzubauen, ist fraglich. Angesichts der knappen Haushaltslagen kann ich mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen.
Der Bundestag hat im Mai 2026 den Entwurf für die Änderung des Gewaltschutzgesetzes vorgelegt. Dieser sieht auch die Einführung einer elektronischen Fußfessel zur Aufenthaltsüberwachung von Gefährdern vor. Ist das ein richtiger Ansatzpunkt?
Leich: Gewalt gegen Frauen ist – zunehmend auch medial – ein hoch emotionales Thema. Der Ansatz, härter durchzugreifen und zu strafen, resultiert oft aus dem Wunsch, schnell und öffentlichkeitswirksam zu handeln. Wir müssen aber genau hinschauen, was wirklich hilft. Die elektronische Fußfessel kann in Einzelfällen eine gute Schutzmethode sein, ist aber ein hoher Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und muss verhältnismäßig und gerechtfertigt sein. Zudem setzt sie erst dann an, wenn Gewalt bereits stattgefunden hat. Voraussichtlich wird sie nur in sehr wenigen Fällen angewendet. Sinnvoll wäre sie auch nur, wenn sie in eine Gesamtstrategie eingebaut ist, die mehr präventiv arbeitet.
Wie sollte diese Präventionsarbeit denn aussehen, wo muss sie ansetzen?
Leich: Präventive Arbeit muss in der Kindheit beginnen und Menschen bis ins hohe Alter erreichen. Es geht darum, Gewalt als solche überhaupt zu erkennen und zu lernen, wie ich anders als mit Gewalt reagieren kann. Und es geht auch darum, die Ursachen zu betrachten, also Gleichstellung, Gesetze und die Rechtsumsetzung zu verbessern. Viele familienpolitische Regelungen fördern die wirtschaftliche Abhängigkeit von Frauen – und damit ungleiche Machtverhältnisse. Für den Gewaltschutz bräuchte es eine partnerschaftliche Verteilung von Care Arbeit. Darüber hinaus muss die geschlechtsspezifische Lohnlücke geschlossen werden (Gender Pay Gap).
Gibt es Angebote für Männer, die selbst merken, dass sie ein Gewaltproblem haben, und deshalb Hilfe suchen?
Leich: Ja – aber noch viel zu wenige. Die Diakonie hat 15 Beratungsstellen für Gewaltausübende. In der Regel kommen die Männer dorthin eher über Jugendämter oder Gerichte, ihnen wird also eine Beratung nahegelegt. Es gibt zwar auch Selbstmelder, also Männer, die von sich aus zu den Beratungsstellen kommen, weil sie merken, dass ihnen der Druck zu groß wird und sie sich nicht so verhalten, wie sie möchten. Diese Gruppe sollte man aber – beispielsweise durch Kampagnen – viel mehr ansprechen. Denn bei ihnen ist die Chance hoch, etwas zu verändern, weil sie selbst das Gefühl haben, sich nicht richtig zu verhalten. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist vielen Menschen durch Plakate und Kampagnen bekannt. Aber eine Telefonnummer für Gewaltausübende? Habe ich noch nie gesehen. Darin läge ein großes Potenzial.
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Interview: Sarah Spitzer – Redakteurin der Diakonie Deutschland