INTEGRATION GESTALTEN
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wirtschaft und Sozialstaat sind schon aus demografischen Gründen auf Zuwanderung angewiesen. Doch gelingende Integration braucht auch bei regulärer Migration verlässliche Begleitung. Und zwar von Anfang an. Genau dort setzt die Arbeit der Diakonie an. Die klassische Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) und andere Angebote werden durch die Internationale Migrationssozialarbeit vor der Einreise ergänzt. Die Diakonie Deutschland engagiert sich auf Bundesebene dafür, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Migration den Menschen eine rasche Integration in Arbeit und Gesellschaft ermöglichen.
Ein innovatives Instrument für gelingende Integration ist die Migrationssozialarbeit vor der Einreise. Sie ebnet reguläre Wege der Migration und unterstützt Menschen mit Ausreisewunsch darin, ein realistisches Bild von Chancen und Risiken ihres Vorhabens zu gewinnen und sich entsprechend vorzubereiten.
Zu dieser sogenannten „Vorintegration“ gehört auch, überzogene Erwartungen zu dämpfen – durch frühzeitige Informationen über das Alltagsleben, die Arbeit und Ausbildung in Deutschland oder den Spracherwerb.
Es geht nicht zuletzt darum, eine Vorstellung davon zu entwickeln, ob und für wen Auswanderung sinnvoll ist und wie es gelingen kann, in Deutschland eine selbstverantwortete Existenz aufzubauen.
Migrationsberatung schon im Herkunftsland
Bereits 2009 startete die Diakonie Baden zusammen mit der Diakonie Württemberg ihr Angebot der Migrationsberatung vor der Einreise. In zwölf Staaten – von Albanien über Nigeria bis zur Türkei – unterstützen inzwischen 33 Fachkräfte Menschen, die sich für eine Zuwanderung nach Deutschland interessieren. Gefördert wird dieses von kommerziellen Interessen unabhängige Angebot durch den Europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds. Es umfasst nicht nur persönliche und ergebnisoffene Beratung durch eine Instanz des Vertrauens, sondern befähigt und begleitet auch bei der sprachlichen und organisatorischen Vorbereitung. Die Beratungsstellen im Herkunftsland arbeiten mit lokalen Partnern aus der Zivilgesellschaft, den Goethe-Instituten und Stiftungen zusammen. Enger Kontakt besteht mit Auslandshandelskammern, Sprachschulen und Visastellen.
Außerdem kooperieren sie mit Migrationsberatungsstellen und Jugendmigrationsdiensten an den Zielorten, Welcome Centern und migrantischen Organisationen. So erfahren die zuwandernden Menschen bereits vor der Einreise, an wen sie sich bei Fragen und Problemen am neuen Wohnort in Deutschland verlässlich wenden können. Das beschleunigt und vereinfacht das Ankommen in der neuen Heimat.
Die Diakonie Deutschland unterstützt seit 2020 die transnationale Vernetzung mit Integrationsakteuren in Deutschland. Ihre Initiative wurde als Kernvorhaben in den Nationalen Aktionsplan Integration der Bundesregierung aufgenommen.
Ankommen in Deutschland
Angekommen in Deutschland, hilft die klassische Migrationsberatung der Freien Wohlfahrtspflege den Zugewanderten weiter. Sie ist seit 2005 ein zentraler Bestandteil der Integrationsangebote des Bundes. Die Beraterinnen und Berater unterstützen beim Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt, beraten zu Sprachkursen sowie beruflichen Anerkennungsverfahren und helfen individuell in prekären Lebenslagen weiter.
Sowohl Geflüchteten als auch EU-Staatsangehörigen steht das Angebot offen. 60 Prozent der Ratsuchenden kommen derzeit aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan und afrikanischen Ländern. Hinzu kommen die Jugendmigrationsdienste, die sich an junge eingewanderte Menschen unter 28 Jahren wenden.
MBE als Visitenkarte der Diakonie für Einwandernde
An 229 Standorten engagieren sich Träger der Diakonie in der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE), jährlich 82.000 Menschen einschließlich ihrer Familienangehörigen wenden sich dorthin. „Die MBE ist wie ein Hausarzt: Zum Hausarzt geht man mit allen Problemen, die man hat“, schildern Beratende. Durch die Migrationsberatung entwickeln die Zugewanderten nicht nur Vertrauen und ein Zugehörigkeitsgefühl, sondern sie erleben auch eindrucksvoll Diakonie als „Wesens- und Lebensäußerung der Kirche“.
Derzeit stecken die MBE viel Zeit und Engagement in die psychosoziale Begleitung der Ratsuchenden, da stockende Integrationsprozesse viel Frustration oder Resignation verursachen. Ursache seien häufig bürokratische, sprachliche oder soziale Zugangsbarrieren, erläutert MBE-Berater Sebastian Atmer vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Lübbecke. Er hofft, dass die transnationale Zusammenarbeit mit den Vorintegrationsstellen im Ausland bewirken werde, dass Ratsuchende nicht nur sehr motiviert, sondern bereits gut vorbereitet seien – so dass der Beratungsprozess zügiger an ihre Ziele, Kompetenzen und Möglichkeiten vor Ort anknüpfen könne. „Diese zielgerichtete Entfaltung individueller Potenziale im Rahmen der MBE begleiten zu dürfen, ist für mich als Berater eine besondere persönliche Bereicherung“, so Atmer. „Sie beschleunigt die Integrationsprozesse der Ratsuchenden und macht sie erfolgreich.“
Willkommenskultur und Perspektiven stärken
In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck steht, trägt Migrationssozialarbeit entscheidend zu einem gelingenden Ankommen bei. Sie verbessert die Chance der zugewanderten Menschen, sich in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zu integrieren. Eine Investition, die sich lohnt: nicht nur für die Migrantinnen und Migranten, sondern auch für den Sozialstaat und unsere Gesellschaft. Jobs werden qualifiziert besetzt, erzeugen höhere Einkommen und leisten damit Beiträge für das Gemeinwesen. Wenn zugewanderte Menschen so begleitet werden, dass sie sich eine gute Perspektive in Deutschland aufbauen können, entlastet das auch die sozialen Sicherungssysteme, da weniger Transferleistungen erforderlich sind.
Mit ihrem Engagement für die Migrationsberatung seit den Siebzigerjahren hat die Diakonie früh erkannt, dass unsere Gesellschaft aufgrund von millionenfacher Einwanderung in einen tiefgreifenden Wandel eingetreten ist, der begleitet und gestaltet werden muss – den Menschen zugewandt. Damit Vielfalt gelingt.
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Maja Kliem – Referentin Internationale Migrationssozialarbeit, Mitglied im Steuerungsteam „Vorbereitet und erfolgreich nach Deutschland – Migrationsberatung vor der Einreise“
Johannes Brandstäter – Referent für Migrationspolitische Grundsatzfragen der Diakonie Deutschland