„Wie Hausarzt“: Migrationsberatung genießt Vertrauen
Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft wirkt durch #AnkommenUnterstützen. Ein Kongress zur MBE in Potsdam zeigt es auf. Anmerkungen dazu von Johannes Brandstäter
„Wie Hausarzt“: Migrationsberatung genießt Vertrauen
#StarkeMigrationsberatung - „Die MBE ist wie ein Hausarzt: zum Hausarzt geht man mit allen Problemen, die man hat.“ Über solche Äußerungen zeigte die #Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) am 11. Juni 2026 in der freundlichen Atmosphäre des Synagogenzentrums Potsdam, was sie ist und wo sie steht. Eindrücke vom Kongress und Überlegungen zu den Perspektiven des bundesgeförderten Programms, das jährlich fast eine halbe Million Menschen erreicht, von Johannes Brandstäter.
In den Anfangsjahren schien die MBE nur ein Ergänzungsprogramm zur Förderung des Deutschlernens und der Integrationskurse zu sein. Doch einmal mehr zeigt der Kongress zur von der Freien Wohlfahrtspflege durchgeführten Migrationsberatung: Als Angebot der Sozialen Arbeit verfolgt sie einen ganzheitlichen Anspruch. Mehrfach kam bei den 150 Teilnehmenden das Bild vom Hausarzt auf. Wie beim Hausarzt lassen sich bei der MBE erst einmal alle Probleme vorbringen. Die Beratung von Person zu Person, derzeit mit knapp 1.000 Vollzeitkräften, befähigt zu selbständigem Handeln und schafft „Empowerment“, so BAMF-Vizepräsident Dr. Michael Griesbeck, die Beratenden bewiesen „Engagement und Leidenschaft“. Ihr zentraler Ansatz ist, Zugänge zu sozialer Teilhabe zu schaffen über das individuelle Case Management, um die mit Aufgaben überforderte Verwaltung und die Schwerfälligkeit der Bürokratie zu überwinden. Wenn etwas nicht klappt, wird nachgehakt. So wie die Diakonie ihre Soziale Arbeit auch für alle anderen Arbeitsfelder anlegt.
Zwar kann man heute auf alle möglichen Fragen im Internet eine Antwort finden, sogar mit fremdsprachiger Übersetzung. Doch ist sie korrekt und wie ist diese zu bewerten? Wie ist die besondere Situation in meiner Stadt oder meinem Landkreis? Was heißt das für mich ohne Erfahrung und Fähigkeit das einzuordnen? KI und Digitalisierung können hilfreich sein bei der Beratungsstellensuche und verdienen „strategisch genutzt“ zu werden, stellte Sozialforscher Prof. Hannes Schammann fest. Doch sie kann nicht das, was persönliche Beratung von Mensch zu Mensch leistet. Empathie und Erfahrungswissen sind nicht automatisierbar. Hannes Schammann konstatierte bei der Digitalisierung außerdem: bei Ausländerbehörden gebe es „grundsätzlich ein Erreichbarkeitsproblem“.
Der Kongress zeigte auch: in ländlichen Gegenden, in denen nicht alle Regelangebote vorhanden sind, spielt die Migrationsberatung mit ihrer „Hausarztfunktion“ eine besondere Rolle. Von kommunalen Stellen ist zu hören: „wir lieben unsere MBE.“ Die Angebote der Wohlfahrtspflege werden dort dringend gebraucht. Das machte auch die Bürgermeisterin von Torgelow, Kerstin Pukallus, deutlich. Eine aktive Zivilgesellschaft befördert in der Kleinstadt in Vorpommern die Integration. Der Stadtrat spielt mit, obwohl dort migrationskritische Parteien dominieren.
Migrationsberatung rechnet sich
Der Kongress in Potsdam half, die MBE zu stärken und den Bund einmal mehr zu ermuntern, dieses Bundesprogramm bedarfsgerecht auszustatten, auch in schwierigen Zeiten. Jeder Euro für die MBE verringert die Staatsverschuldung in der Zukunft, indem er die privaten Einkommen erhöht und die nötigen Sozialtransfers verringert. Umgekehrt heißt das aber auch: jeder Euro, der dafür jetzt nicht eingesetzt wird, belastet zukünftige Haushalte. Die #Migrationsberatung wirkt tatsächlich. Beim Kongress wurde über neue Erkenntnisse dazu aus der Diakonie Württemberg gesprochen.
Integration als Pflichtaufgabe – aber wer muss Migrationssozialarbeit eigentlich bezahlen?
Die MBE findet vor Ort statt, dort wirkt sie als Partner der Kommunen im Integrationsgeschehen. Doch die Städte und Gemeinden befinden sich gerade stark in den Grenzen dessen, was sie finanziell stemmen können. Auf der anderen Seite will der Bund mit der MBE nur noch ein zeitlich befristetes Angebot in den ersten drei Aufenthaltsjahren bezahlen. "Fokussieren" will der Bund seine Rolle. Doch die Länder halten sich teilweise sehr zurück mit Anschlussangeboten. Unsicher ist, was passiert, wenn sich einzelne Länder nach den kommenden Landtagswahlen ganz der Einwanderungsrealität verweigern sollten und Migrationssozialarbeit gar nicht mehr fördern. Brigitte Meier, Beigeordnete der Stadt Potsdam, drückte beim Kongress ihre Sorge aus: „Die Unterstützung der Integration darf nicht einfach nach drei Jahren aufhören.“
Prof. Dr. Hannes Schammann äußerte sich skeptisch zum Funktionieren der „Beratungsketten“ vom bundesgeförderten zum landesgeförderten Angebot. „Nicht alle Angebote sind überall vorhanden.“ Er plädierte für ein Konzept der "Raumdeckung“ und fragte: „Sollten wir die Angebote nicht lieber an Situationen und Orten ausrichten statt an Zielgruppen?“
Schließlich ist Integration, wie schon 1979 im Kühn-Memorandum postuliert, eine gemeinschaftliche Aufgabe (GG) von Bund und Ländern. Das Streiten über die Aufteilung der Finanzierung der gemeinschaftlichen Aufgabe und von Integration als Pflichtaufgabe gehört zur Demokratie - aber über das Streiten kommt es auch zu Einschnitten auf Kosten der Beratung. Die Kleinstadt Torgelow zum Beispiel kann nur 5 Prozent ihrer Mittel für freiwillige Aufgaben ausgeben. Und Brigitte Meier von der Stadt Potsdam fragte: „Warum muss ein Wohlfahrtsverband Eigenmittel leisten? Integration ist staatliche Aufgabe!“ Solange es keine bundesgesetzliche Regelung gibt, braucht es Selbstverpflichtungen der Länder zu Angeboten nachhaltiger Integration. In den Kommunen setzt sich die Einsicht, dass Migrationsberatung einen wirtschaftlichen Standortvorteil bedeutet, noch nicht überall durch.
Wie geht es weiter?
Dazu drei Punkte.
- Hannes Schammann empfahl den Teilnehmenden, sich krisenfester zu machen durch starke Allianzen zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Die bundesweit 1.200 Beratungsstellen wissen das. Sie setzen sich für eine #StarkeMigrationsberatung ein und führen seit 2018 bundesweit Aktionstage und Aktionswochen durch. Aus der „Migrationswende“ darf nicht auch noch finanziell eine Integrationswende werden.
- Nach Katarina Niewiedzial, Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, muss Integration zu einer „Regelaufgabe“ werden. Ohne ihre gesetzliche Verankerung „geht es nicht“, denn es brauche eine bessere Grundlage, die, die jetzt schon lange da sind, endlich umfassend in Lohn und Brot zu bringen. Dazu braucht es in der Tat neue Diskussionen: Vielleicht könnte eine Verbesserung der rechtlichen Grundlagen im Aufenthaltsgesetz die MBE absichern helfen, so dass wirklich allen Menschen in prekären Lebenslagen ein bedarfsgerechtes Grundberatungsangebot zur Verfügung steht.
- Aus Sicht der Träger braucht es neben der Verstetigung der Finanzierung auch eine inhaltlich #StarkeMigrationsberatung. „Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession. Sie ist berufsethischen Grundsätzen und dem Wohlergehen ihrer Klient*innen verpflichtet“, erinnerte BAGFW-Präsident Meyer auf der Heyde beim Kongress in Potsdam. Für die Diakonie gehört zu den berufsständischen Standards, niemanden, der bei ihr anklopft, wegzuschicken. Zum professionellen Case Management passt keine Wegschickberatung. Als Grundberatungsangebot muss die MBE zu allen Lebenslagenfragen, die durch das Aufenthaltsrecht hervorgerufen oder maßgeblich mitbestimmt werden, bis hin zur Einbürgerung, zu der es ansonsten kein entsprechendes Angebot gibt, wie eine „Hausärztin“ beraten können.
Migrationsberatung – eine Visitenkarte der Diakonie
Mit der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) und den Jugendmigrationsdiensten (jmd) zeigt #Diakonie: sie ist breit in Diversität und Vielfalt unterwegs. Sie ist den Menschen zugewandt, die in der Einwanderungsgesellschaft Unterstützung brauchen. Mit ihrem Engagement für die Migrationsberatung seit den Siebzigerjahren (so lange schon gibt es die InterkulturelleWoche!) hat sie früh erkannt, dass die Gesellschaft aufgrund von millionenfacher Einwanderung in einen tiefgreifenden Wandel eingetreten ist, der begleitet und gestaltet werden muss.
Die Migrationsberatung ist eine Visitenkarte für Neuzugewanderte, wo sie Diakonie als „Wesens- und Lebensäußerung der Kirche“ erleben. 2025 wurden allein über die MBE 42.000 Menschen in Person-zu-Person-Kommunikation erreicht, mit Familienangehörigen zusammen 82.000. Bundesweit schaffen 229 Beratungsstellen für diese Menschen Verbindung und Zugehörigkeitsgefühl. 60 Prozent der Ratsuchenden kommen derzeit aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan und afrikanischen Ländern.
Eine neue Entwicklung seit Einrichtung der MBE 2005 ist die Verringerung der kirchlichen Eigenmittel. Dennoch bleibt die Einbindung in kirchliche Strukturen eine Stütze. Das Engagement für Geflüchtete und die Migrationssozialarbeit hat die Kirche zu ihrer Sache gemacht, unter anhaltendem freiwilligen Engagement.
Zum Weiterlesen
- Wissen kompakt: Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte
- Homepage der Trägerverbände zur MBE
- Infos zur BAGFW Aktionswoche Migrationsfachdienste
- Berufsethisches Leitbild der MBE
- Studie der Uni Hildesheim zur Integration als Pflichtaufgabe
- Analyse des „Social Return on Investment“ der Liga Baden-Württemberg