Bild: Brandstäter. Der Anschlagsort des CSD im Berliner Tiergarten

CSD in der Einwanderungsgesellschaft

Zur Integration gehört auch die Freiheit zu queeren Lebensweisen. Das führt zu Debatten. Aus aktuellem Anlass ein Blogbeitrag von Johannes Brandstäter

12.08.2026

CSD in der Einwanderungsgesellschaft

Ein Mensch wurde getötet und 29 weitere verletzt, als beim Berliner Christopher-Street-Day (CSD) ein junger Mann unter einem mutmaßlich islamistischen Motiv mit seinem Lieferwagen in eine Menschenmenge fuhr. Der Täter, ein in Berlin geborener Deutscher, wurde danach beim Versuch seiner Festnahme von der Polizei getötet. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern. Als Diakonie Deutschland stehen wir fest an der Seite der queeren Community. Heute, morgen, für immer.  

Queerfeindliche Gewalt attackiert den Zusammenhalt der Einwanderungsgesellschaft. Angehörige aller queeren Communities sind von dieser Gewalt betroffen, nicht nur aus der weißen Mittelschicht. Da ist Schmerz, da ist Wut, da ist das Bedürfnis nach Sicherheit. In deutschen Großstädten üben die CSDs eine Integration schaffende Funktion aus. Bei der CSD-Party am Brandenburger Tor, gerade einmal 500 Meter entfernt vom Tatort, sah ich viele muslimische Frauen mit Kopftuch und arabisch gelesene Männer. Der CSD schafft Verbindung, ist ein Ort, an dem mit Familienangehörigen zusammen gefeiert wird. 

Der Fall wird wieder einmal für migrationsabwehrende Politiken missbraucht. Obwohl der Tatverdächtige kein Migrant, sondern Deutscher war, hierzulande geboren, aufgewachsen, erzogen und in die Schule gegangen, wenn auch mit familiären Wurzeln im Libanon. Das nutzt nur denen, die menschenverachtend nach „Remigration“ schreien. Ich kann diese Reflexe nicht mehr hören. 

Im persönlichen Umfeld werde ich gefragt: wie kannst du dich für Menschen, aus deren Reihen solche Taten begangen werden, einsetzen? Muss Integrationsarbeit neu gerechtfertigt werden? Gar keine Frage, nein, muss sie nicht. Diakonie ist für alle Menschen da. Keiner darf verloren gehen. Soziale Arbeit ist keine Belohnung für „die richtigen Menschen“, sondern ein Dienst für Menschen, die Unterstützung brauchen, um ihr Leben zu organisieren, Konflikte zu bewältigen, Bildung und Arbeit zu finden, in Regeln hineinzuwachsen und Zugang zu Schutz zu erhalten.  

Aber das ist nicht das Einzige, was mich bewegt. 

Bild: Brandstäter. Szene vom CSD Berlin 25. Juli 2026

Tathintergrund Islamismus?  

Die Angreifer sehen queere Menschen "oft als Bedrohung für traditionelle Geschlechterrollen und heteronormative Familienstrukturen", erklärt das Bundeskriminalamt in seinem "Lagebild zur kriminalbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*". Studien zeigen demzufolge häufig Unterschiede nach Faktoren wie Bildung, Alter, Religiosität oder religiöser Praxis.  

Queere Menschen aller Hautfarben und Herkünfte fühlen sich gefährdet von muslimischen jungen Männern, besonders in den stark von Einwanderung geprägten Stadtteilen. Maßgeblich sind Einflüsse des Islamismus, die über das Internet verbreitet werden, auch im vorliegenden Fall, wenn auch die genauen Tathintergründe noch der Aufklärung harren. Der Islam gehört zu Deutschland, erklärte 2010 Bundespräsident Wulff. Das gilt. Doch „die meisten Muslime lehnten Homosexualität klar ab“, sagt der Islamwissenschaftler Bülent Uçar. Aus integrationspolitischer Sicht braucht es daher eine Auseinandersetzung vom deutschen Islam mit Gender und Queerness, es braucht eine ebenso sensible wie entschlossene Gestaltung von Religionspolitik. 

Aber es geht auch um den Bereich Bildung: Ich erinnere mich an die Erfahrungen eines schwulen Lehrers in Berlin-Moabit, zwei Kilometer von meiner Arbeitsstelle entfernt, der von durch islamistische Ideologie manipulierten Schülern wegen seines Coming-Outs attackiert wurde und von Schulleitung und Bildungsverwaltung keinen Schutz erhielt. "Du Schwuler, geh weg von hier, der Islam ist hier der Chef" – solches Mobbing ist wohl kein Einzelfall. Wie unpassend ist es daher, dass die Bundesregierung zum Jahresende das auf Prävention zielende Programm der Respect Coaches einstellt! Stattdessen braucht es einen Ausbau begleitender Schulsozialarbeit. Auch die Kitas brauchen Stärkung. Kitas gilt es zu "Integrationskraftwerken“ zu machen. Kleinkinder benötigen von früh an Zugang, und der Personalschlüssel muss so verbessert werden, dass die Kita ihren Bildungsauftrag zum Erlernen des Umgangs miteinander in Vielfalt und Unterschiedlichkeit umsetzen kann.  

Aber da ist noch etwas zu sagen.  

Die Gefahr von Rechts 

Ein prominenter Vertreter aus der Schwulenbewegung in Hamburg meint: Die Fokussierung auf Islamisten ist zu eng gedacht. Größere Gefahr droht durch Rechtsextreme, besonders im Blick auf CSD-Paraden in kleineren Städten. Die Kriminalstatistik bestätigt diese Erfahrungen. Ein Fünftel der Tatverdächtigen bei queerfeindlichen Straftaten sind danach ausländisch, vier Fünftel sind deutsche Staatsangehörige. Sofern etwas über die Tatmotivationen ermittelt wurde, ordnete die Polizei sie in der überwiegenden Mehrheit dem Rechtsextremismus zu, nur in geringen Teilen dem Islamismus. Frauen- und queerfeindliche Haltungen gibt es in allen Teilen der Gesellschaft, übrigens auch in anderen Einwanderungsgruppen als muslimisch geprägten. 

Hier braucht es ebenso entschlossenes Handeln. Es gilt, neben strafrechtlicher Ahndung von rechtsextremer Gewalt, Zugänge zu Schutz, Beratung und weiteren Hilfen gegen Rechtsextremismus zu verbessern, das Bundesprogramm Demokratie Leben stärken und die Zugänglichkeit für zivilgesellschaftliche Träger zu gewährleisten. Angebote wie vom queeren Jugendverband Lambda dürfen nicht zusammengestrichen werden. Es geht außerdem auch darum, Radikalisierungsrisiken früh zu erkennen und professionell gegenzusteuern, ohne dabei pauschal ganze Communities unter Generalverdacht zu stellen. 

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