Kitas als Integrationskraftwerke
Nachhaltige Integration braucht Investitionen in Kitas und Bildung. Ein Beitrag von Johannes Brandstäter
Migration ist auf dem Arbeitsmarkt ein Erfolg. Im Bereich Bildung geht noch entschieden mehr als bisher. Vor allem Kitas haben mit dem starken Auftrag der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung das Potenzial als Integrationsmotor, weil Bildung ein entscheidender Schlüssel für soziale Teilhabe ist. Der Schlüssel zur eigenen Befähigung im späteren Leben, gerade wenn Eltern unter Einwanderungsbedingungen ihren Kindern Chancengleichheit nicht mit in die Wiege legen können.
Eine Freundin von mir ist Erzieherin in meiner Heimatstadt Hamburg im Stadtteil Horn. Gerade erzählte sie mir wieder von ihrem stets turbulenten Arbeitsalltag. Zwölf Kinder sind in ihrer Krippengruppe, die von ihr und zwei weiteren Erzieherinnen, manchmal aber auch nur einer, betreut werden. Zehn der Kleinen kommen aus Familien nichtdeutscher Herkunft. Die Erwartungen prasseln von allen Seiten auf sie ein: von Kindern, die auf den Arm genommen werden wollen, von Eltern, die ihre Kinder auch bei Krankheit bringen, von der Politik, die die Kita als Lernort für Deutsch will und von den Behörden, die keine Mittel für mehr Personal einplanen. Fürs Bilderbuch bleibt meist keine Zeit. 34 Prozent der Kinder von 3 bis 6 sind es in Hamburger Kitas, deren Eltern nicht vorwiegend deutsch sprechen. In Frankfurt am Main sind es sogar 58 Prozent, und im Bundesdurchschnitt 22 Prozent. Die Kinder sind sehr ungleich auf die einzelnen Kitas verteilt. So gibt es zum Beispiel in Bremen in 10,7 Prozent der Kitas gar keine Kinder mit Migrationsgeschichte, aber in 11,3 Prozent sind es mindestens drei Viertel.
Gute Kitas mit ausreichender Ausstattung kosten Geld, viel Geld. In der Zeitenwende ist das jedoch knapp. Internationale Fachkräfte- und Erwerbspersonengewinnung ist politisches Programm. Doch wer A sagt, muss auch B sagen, und B steht hier für die Bildung der Kinder der gewonnenen Erwerbstätigen, nicht zuletzt in der Kita. Das muss Haushaltspolitik nunmehr berücksichtigen – auch wenn sie es über Jahrzehnte vorher nicht getan hat. Ich fühle mich mit meiner migrationspolitischen Fachmeinung nicht allein. Sogar Karin Prien wünschte sich 2025, kurz bevor sie Bundesbildungsministerin wurde, die Kita als „Integrationskraftwerk“.
Bildungsort Kita in der Einwanderungsgesellschaft
So hoch ist der Anteil von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte im frühkindlichen Bereich: 43 Prozent der Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren haben einen Migrationshintergrund. Ein Viertel davon, eine knappe Million Kinder, kommen aus Familien, in denen nicht deutsch gesprochen wird. Längst nicht alle haben Zugang zu einer Kindertagesstätte. Die Betreuungsquote für 3-6Jährige mit Migrationshintergrund sank 2023, nachdem mehrere hunderttausend Kinder aus der Ukraine und anderen EU-Drittstaaten zugewandert waren, auf nur noch 77 Prozent. Gleichaltrige Kinder ohne Migrationshintergrund besuchen zu 99 Prozent eine Kita.
Menschen mit Migrationshintergrund sind keineswegs grundsätzlich bildungsbenachteiligt. Vor allem in zwei Gruppen sind jedoch die Bildungsunterschiede ausgeprägt: Bei Kindern (mit oder ohne Migrationshintergrund) aus sozioökonomisch benachteiligten Familien sowie bei zugewanderten Kindern mit geringen Deutschkenntnissen, und insbesondere Geflüchteten.
Kinder mit Fluchthintergrund haben, wie alle anderen Kinder, einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Betreuungsplatz. Bei Asylsuchenden wird dieser allerdings in den meisten Ländern erst umgesetzt, nachdem die Familien die Erstaufnahmeeinrichtung haben verlassen können. Bei der Kita-Suche stoßen die Eltern häufiger auf Hürden wie Gebühren oder schwierige Erreichbarkeit der Kita. Es gibt auch die Sorge vor einer fehlenden kultursensiblen Betreuung sowie einer Diskriminierung bei der Platzvergabe.
Wie werden Kitas zu „Integrationskraftwerken“?
Alle Kinder, die in unserm Land aufwachsen, sind eine Chance. Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht, das zur Selbstbestimmung und zur gesellschaftlichen Mitwirkung befähigt. Doch nur jede siebte Kindertagesstätte verfügt über genug Fachkräfte für eine gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung aller Kinder, mit erheblichen Unterschieden nach Region und Standort. Der Lagebericht der Bundesintegrationsbeauftragten nennt auf Seite 89/90 die Verbesserung der Betreuungsquote für Einwanderungskinder als vorrangiges Ziel für mehr Teilhabe. Kommunen, Länder und Bund müssen also Ressourcen für deutlich mehr Personal aufbringen. Besonders neu zugewanderte Familien und wirtschaftlich benachteiligte Haushalte sollten davon profitieren können. Allerdings braucht es noch mehr:
Brennpunkt-Kitas: Das Startchancenprogramm der Bundesregierung will laut Koalitionsvertrag Kitas in Stadtteilen mit besonders hoher Einwanderung zusätzlich unterstützen. Eine gute Idee. Denn bisher werden nur Schulen gefördert, an 4.000 Standorten.
Breite Einigkeit besteht darüber, ein bedarfsgerechtes, qualitativ hochwertiges Bildungs- und Betreuungsangebot in Kitas verlässlich sicherzustellen. Die frühkindliche Sprachförderung sollte zum zentralen pädagogischen und auch mehrsprachigen Profil der Kita werden, damit jedes Kind mit anderer Muttersprache in der Kita spielend Deutsch lernt und hinreichend auf den Schuleintritt vorbereitet ist. „In der Kita werden Sprachdefizite schneller und einfacher behoben als in jedem anderen Lebensbereich“, hat Bildungsministerin Prien 2025 erklärt. Positiv: Die Koalition plant, das Sprach-Kita-Programm wieder aufzulegen.
In der Arena der Zeitenwende, die ein Kampf rund ums Geld ist, gehören die Kita und das Bildungssystem in die erste Liga. Damit die Migration nicht den sozialen Frieden sprengt. Kann die Republik sich höhere Bildungsausgaben leisten? Wenn es nach den Wirtschaftsstiftungen und der OECD geht, ja. Weil die Kinder, sobald sie erwachsen sind, dann höhere Einkommen erzielen und mehr Steuern zahlen.
Weitere Informationen
- Sachverständigenrat für Integration und Migration, Bildung als Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe, November 2025
- Karin Prien, Zur Reform der Bildungssysteme in Deutschland: Was jetzt zu tun ist oder „what works best“, Seite 86 ff.
- Bertelsmann-Stiftung, Worauf es bei der Bildung und bedarfsgerechten Förderung von Kita-Kindern ankommt
- Ländermonitor der Bertelsmann-Stiftung
- Bundesverband Evangelischer Tageseinrichtungen e.V.: Evangelisches Bildungsverständnis und die Zukunft der Kitas