KULTURWANDEL GESTALTEN: AKTIV GEGEN SEXUALISIERTE GEWALT

Der Schutz vor sexualisierter Gewalt und die Unterstützung von Betroffenen gehören zu den zentralen Aufgaben von evangelischer Kirche und Diakonie. Damit sich nachhaltig etwas verändert, müssen Prävention, Aufarbeitung und Anerkennung gemeinsam gedacht werden. Die Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland trägt dazu bei, Strukturen weiterzuentwickeln und Verantwortung zu stärken. Ihre Arbeit wirkt an einem Kulturwandel mit, der in vielen Bereichen bereits sichtbar ist.

Aufarbeitung als Grundlage institutionellen Lernens

Illustration sexualisierte Gewalt

Fälle sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie müssen konsequent und unabhängig aufgearbeitet werden. Dazu wurden im März 2025 Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommissionen (URAK) geschaffen. In den bundesweit neun Kommissionen arbeiten Betroffenenvertretungen, unabhängige Wissenschaftler:innen sowie Vertreter:innen der Institutionen zusammen. Sie analysieren nicht nur konkrete Fälle und Tatkontexte, sondern auch institutionelle Bedingungen, die Gewalt ermöglicht oder begünstigt haben. Der Anspruch dahinter: auch für strukturelle Versäumnisse Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für individuelles Fehlverhalten. Ab 2026 legen die Kommissionen öffentliche Jahresberichte vor. Ihre Arbeit ist zunächst auf vier Jahre angelegt.

Ein wichtiger Schritt: Im April 2026 kamen in Wolfsburg die Betroffenenvertretungen in den URAKs zu einem bundesweiten Vernetzungstreffen zusammen. Wie wichtig die Betroffenenperspektive ist, um sexualisierte Gewalt glaubwürdig aufzuarbeiten und nachhaltig etwas zu verändern, hat dieser Austausch deutlich gezeigt.

Aufarbeitung dient nicht allein dazu, vergangenes Unrecht zu rekonstruieren. Sie schafft die Grundlage für institutionelles Lernen und hilft zu verstehen, welche Strukturen, Haltungen und Machtverhältnisse Gewalt begünstigen können. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Prävention.

Anerkennung von Leid und Verantwortung

Auch im Bereich der Anerkennung sexualisierter Gewalt gab es wichtige Fortschritte. Die Anerkennungsrichtlinie der EKD wurde von allen Gliedkirchen und Landesverbänden beschlossen. Um die Richtlinie umzusetzen, entstehen bundesweit zehn Anerkennungskommissionen, die in einheitlichen Verfahren über Anträge von Betroffenen entscheiden. So erhalten diese vergleichbare und nachvollziehbare Entscheidungen, unabhängig von regionalen Zuständigkeiten – ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz, Verlässlichkeit und Gerechtigkeit. Um eine möglichst einheitliche Bewertungspraxis zu sichern, soll auf Basis hypothetischer Fallkonstellationen eine Orientierungshilfe entstehen. Hier sind wir in einem wichtigen Prozess der Aushandlung.

Anerkennung bedeutet mehr als eine finanzielle Leistung. Sie ist Ausdruck der Verantwortung von evangelischer Kirche und Diakonie gegenüber den Betroffenen und macht deutlich, dass erlittenes Leid gesehen, benannt und ernst genommen wird. Einheitliche Verfahren stärken das Vertrauen. Die Perspektive der Betroffenen steht konsequent im Mittelpunkt.

  • Porträtfoto von Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland
    © Diakonie/Die Hoffotografen

    Die Diakonie bekennt sich klar zur Aufarbeitung, Anerkennung, Prävention und Intervention für alle Fälle sexualisierter Gewalt. Wir haben dazu Regelungen erarbeitet, die für unseren gesamten Verband verbindlich werden.

    Rüdiger Schuch Präsident der Diakonie Deutschland

Prävention als Ausdruck eines Kulturwandels

Verschiedene Bücher zur Prävention sexualisierter Gewalt liegen auf einem Tisch aus

Um sexualisierter Gewalt präventiv zu begegnen, bietet die Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland Multiplikator:innenschulungen, digitale Workshops sowie Fortbildungen zu Schutzkonzepten. Diese Angebote werden weiterhin stark nachgefragt und erreichen Mitarbeitende sowie Leitungskräfte in ganz Deutschland.

Das zeigt: Prävention wird zunehmend als Führungs- und Organisationsaufgabe verstanden. Viele Einrichtungen setzen sich intensiv mit Fragen von Macht, Grenzachtung, Beteiligung und Beschwerdemöglichkeiten auseinander. Sie entwickeln Schutzkonzepte weiter, regeln Verfahren verbindlich und benennen klare Verantwortlichkeiten.

Darin wird ein Kulturwandel sichtbar, der weit über einzelne Maßnahmen hinausgeht. Wo sexualisierte Gewalt früher häufig tabuisiert wurde, wächst heute die Bereitschaft, Risiken offen anzusprechen und Verantwortung zu übernehmen. Schutz vor sexualisierter Gewalt wird zunehmend als Qualitätsmerkmal professionellen Handelns und als Bestandteil guter Organisationskultur verstanden.

Beteiligungsforum in gemeinsamer Verantwortung von EKD und Diakonie

Logo des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie in den Farben grün, blau und violett

Die Entwicklungen des vergangenen Jahres machen deutlich: Prävention, Aufarbeitung und Anerkennung werden in evangelischer Kirche und Diakonie als zusammengehörige Aufgaben und gemeinsame Verantwortung begriffen. Deshalb ist die Diakonie Deutschland seit Januar 2026 nun gleichrangig mit der EKD Trägerin des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt, das entsprechend in „Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie“ umbenannt wurde. Perspektiven sowie Herausforderungen der diakonischen Landesverbände und Einrichtungen können nun noch stärker eingebracht werden. Das Beteiligungsforum bleibt ein zentraler Ort des Dialogs zwischen Betroffenen, Kirche und Diakonie.

Kulturwandel ist sichtbar

Die aufgebauten Strukturen, die stärkere Beteiligung von Betroffenen und die hohe Bereitschaft zur Qualifizierung zeigen, dass Verantwortung heute bewusster übernommen wird. Der Schutz vor sexualisierter Gewalt wird zunehmend als gemeinsame Aufgabe aller Ebenen verstanden. Der Kulturwandel ist ein längerer Prozess, der bereits jetzt sichtbare Spuren zeigt.

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Dr. Marlene Kowalski – Leiterin der Fachstelle „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt“ der Diakonie Deutschland

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