Illustration Vielfalt und Begegnung
© Diakonie/Francesco Ciccolella
Neue Studie veröffentlicht

"Deutschland ist nicht einfach gespalten"

Eine neue Studie der evangelischen Arbeitsstelle midi zeigt: Die gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen komplexer als zwischen „links“ und „rechts“ oder „für“ und „gegen“ Demokratie.

11.09.2026

Die deutsche Gesellschaft zerfällt nicht schlicht in zwei Hälften – weder entlang der Trennlinie „links oder rechts“ noch der Trennlinie „für oder gegen die Demokratie“. Das zeigt die neue Analyse „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.“ der evangelischen Arbeitsstelle midi. Die repräsentative Untersuchung identifiziert vier annähernd gleich große Grundhaltungen. Vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt, wo die AfD am 6. September 2026 stärkste Fraktion wurde, liefert die Studie wichtige Erklärungsansätze für die Dynamik gesellschaftlicher Polarisierung. 

Die vier Gruppen unterscheiden sich vor allem in ihren konkreten Sorgen, ihrer Haltung zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit sowie im Empfinden, ob die eigene Meinung gesellschaftlich gehört wird. Dennoch gibt es eine deutliche Gemeinsamkeit quer durch das Spektrum: das Gefühl, die Politik kümmere sich nicht um die Belange der Bevölkerung. In den demokratieskeptischen Gruppen sind weniger als vier Prozent der Ansicht, Politiker nähmen sich der Sorgen einfacher Bürgerinnen und Bürger an. Doch selbst in den Gruppen, die die Demokratie befürworten, teilt nur knapp ein Fünftel diesen Eindruck. 

„Wir müssen anerkennen, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, von der Politik übersehen zu werden“, erklärt Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch. „Wenn Menschen auf dem Land monatelang auf Arzttermine warten, Züge unzuverlässig fahren oder die Mieten und Energiekosten das Budget sprengen, muss die Bundesregierung das ernst nehmen. Wir brauchen eine Sozialpolitik, die konkrete Lösungen für den Alltag bietet und zeigt, dass die Nöte der Menschen wahrgenommen werden. Mit Blick auf die aktuellen Reformvorhaben gibt es da spürbar Luft nach oben.“ 

Die vier Grundhaltungen im Überblick 

Meinungsfreiheit und Dialogräume als Schlüssel 

Die tiefste Kluft zeigt sich bei der Frage nach der Redefreiheit: Während 79,5 Prozent der „Enttäuschten Ungehörten“ angeben, man könne in Deutschland seine Meinung nicht mehr ohne Sanktionen oder sozialen Druck äußern, stimmen dem bei den „Progressiven Gerechtigkeitskritikern“ lediglich 15,1 Prozent zu. 

„Wer schon vor einem Gespräch befürchtet, die eigene Position nicht offen aussprechen zu können, wird Dialogangebote kaum als aufrichtig wahrnehmen“, betont Studienleiter Daniel Hörsch. Eine breite Mehrheit der Befragten knüpfe gelingende Gespräche an Vertrauen, faire Regeln und eine neutrale Moderation. 

Genau hier setzten Initiativen wie die Verständigungsorte von Diakonie und Kirche an. „Ein konstruktives Gespräch beginnt nicht mit einem Konsens, sondern mit dem Vertrauen darauf, dass man ausreden darf und ernst genommen wird“, so Hörsch. „Räume für diesen Austausch offenzuhalten, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.“ 

Über die Studie 

Die Untersuchung „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt“ stützt sich auf eine Forsa-Befragung unter 2.014 Personen ab 18 Jahren aus dem Jahr 2024. Auf Basis von 29 Einstellungsitems wurden drei Dimensionen gebildet, aus denen die vier Grundhaltungen hervorgehen. Diese beschreiben Werthaltungen und Dynamiken, keine starren Milieugrenzen. 

Weitere Informationen

Kontakt

© Diakonie/Hermann Bredehorst

Kathrin Klinkusch

Pressesprecherin

030 652111780

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