KI-Dokumentation in der Pflege
Wie sprachgesteuerte Dokumentation den Pflegealltag verändert und warum Entlastung erst mit neuen Arbeitsabläufen entsteht, erklärt Doreen Boniakowsky, bei der Diakonie Nord Nord Ost in Lübeck verantwortlich für Wohnen und Pflege für Senioren.
Frage: Wie weit ist KI-gestützte Sprachdokumentation bei Ihnen im Einsatz?
Doreen Boniakowsky: Wir haben neun vollstationäre Pflegeeinrichtungen und neun ambulante Dienste, und hier arbeiten die Mitarbeitenden mit der KI-gestützten, sprachbasierten Pflegedokumentation. Über ein Förderprogramm haben wir zusätzlich personelle Ressourcen, um sie in der Praxis zu begleiten. Das heißt, wir haben zwei Projektmitarbeitende, die direkt in die Einrichtungen gehen und die Pflegekräfte im Alltag begleiten – also Training on the Job. Sie schauen: Was funktioniert nicht? Was hindert die Nutzung? Daraus entwickeln wir gemeinsam Lösungen und kurze Schulungssequenzen. Diese Begleitung ist über drei Jahre angelegt und endet dieses Jahr.
Frage: Bringt die KI echte Entlastung oder zunächst neue Belastung?
Boniakowsky: Im Ergebnis ist es eine Entlastung. Die Technik spart sofort Zeit – aber erst, wenn wir akzeptieren, dass wir anders arbeiten als vorher. Genau daran entscheidet sich Erfolg oder Scheitern. Die Mitarbeitenden können nach einer Versorgung direkt ins Telefon sprechen und müssen nicht mehr am Rechner sitzen und tippen. Die KI ordnet ihre Eingaben automatisch der richtigen Person zu und sortiert sie an die richtige Stelle in der Dokumentation, zum Beispiel Vitalwerte oder Pflegebericht. Früher mussten sich die Pflegekräfte durch verschiedene Masken klicken. Das fällt jetzt weg. Am Ende prüfen sie alles und bestätigen es. Insgesamt gewinnen sie also Zeit, die sie wieder für die Pflege nutzen können. Aber der Weg dorthin ist erstmal ein Lernprozess, weil sich Arbeitsweisen und Abläufe verändern und die müssen die Mitarbeitenden erst lernen und einüben.
Frage: Was ist die größte Herausforderung bei der Einführung?
Boniakowsky: Die digitale Transformation ist ein Prozess der Organisationsentwicklung. Es reicht nicht, ein neues Tool zur Verfügung zu stellen und zu sagen: „Nutzt das jetzt.“ Die Arbeitsabläufe verändern sich komplett. Man muss gemeinsam mit den Mitarbeitenden schauen, wie Prozesse künftig funktionieren und diese neu gestalten. Früher hat man im Dienstzimmer dokumentiert und den gesamten Dienst Revue passieren lassen. Jetzt dokumentiert man in Echtzeit, direkt nach der Versorgung. Das wirft praktische Fragen auf: Mache ich das im Bewohnerzimmer, vor der Tür oder im Dienstzimmer? Auch Themen wie Datenschutz spielen da eine Rolle. Das sind alles Veränderungen, die neu gedacht werden müssen. Ein großes Thema war die Anmeldung, vor allem bei Gruppentelefonen, also Geräten, die von mehreren Mitarbeitenden gemeinsam genutzt werden. Da mussten viele Passwörter eingegeben werden – das war zu umständlich. Viele haben gesagt, bis ich diese ganzen Passwörter und das alles eingetippt habe, da gehe ich lieber an den Rechner, setze mich ins Zimmer und mache das selbstständig. Also haben wir alle Mitarbeitende bei uns mit einem personalisierten Diensttelefon ausgestattet. Das können sie entsperren über Face ID oder Fingerprint beispielsweise. Das ist schon mal eine Hemmschwelle, die wir genommen haben, damit die Mitarbeitenden eine nutzungsfreundliche Möglichkeit haben, sich überhaupt erstmal auf dem Gerät anzumelden. Dann haben wir geschaut: Was sind weitere Hindernisse oder Hürden, warum Mitarbeitende das nicht durchgängig nutzen? Rückmeldung von den Mitarbeitenden war, ich muss immer die Dokumentation manuell starten, muss dazu das Telefon in die Hand nehmen. Dann hat die Softwarefirma einen Freihandmodus entwickelt, der die Pflegedokumentation per Sprache startet. Über das Wort „dokumentiere“ beginnt automatisch die Aufzeichnung und ich kann per Spracheeingabe dokumentieren, ohne das Telefon in die Hand zu nehmen.
Frage: Verändert sich durch die KI auch die Qualität der Dokumentation?
Doreen Boniakowsky: Ja, das ist eine Rückmeldung, die wir selbst auch von Pflegekräften bekommen haben. Sowohl Quantität als auch Qualität steigen. Durch Spracheingabe erfolgt die Dokumentation direkt in der Situation, das bedeutet, weniger Erinnerungsfehler und höhere Aktualität. Auch haben manche Mitarbeitende Hemmungen beim Schreiben – das fällt mit Sprache weg. Die KI korrigiert außerdem Schreibfehler und erkennt auch Akzente oder Dialekte und ist ein lernendes System. Wichtig ist in der gesamten Anwendung von digitalen Medien oder auch KI insbesondere, dass wir dabei nicht vergessen, dass immer nochmal die menschliche Überprüfung Bestandteil sein muss. Also man kann sich nicht ausschließlich darauf verlassen, was die KI macht. Es bedarf immer nochmal der Kontrolle durch die Pflegekraft. Die menschliche Instanz muss die letzte Entscheidung treffen.
Interview: Diakonie/Ulrike Pape