Vorschau zu einer Postkarte an den Bundeskanzler zum Thema "Wer jetzt kürzt, zahlt später drauf."
Wer jetzt kürzt, zahlt später drauf.

Auswirkungen der Sparpläne auf die Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe

Für Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung und ihre Familien steht mit den Sparvorschlägen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe auf dem Spiel.

Wir wenden uns mit unserer Postkarte direkt an Bundeskanzler Merz und an Politikerinnen und Politiker, die über diese Kürzungsvorschläge entscheiden werden und appellieren an sie: Lassen Sie keinen Kahlschlag zu!

Die Sparvorschläge hätten gravierende Auswirkungen auf Schutz, Beteiligung und Entwicklungschancen von Kindern, Jugendlichen, jungen Menschen, Menschen mit Behinderung und ihren Familien wie unsere Beispiele zeigen.

Was es heißt,

Wenn alleine leben nicht „wirtschaftlich angemessen“ ist

Viele Menschen mit Behinderung brauchen Unterstützung, damit sie allein leben können. So kommt etwa mehrmals pro Woche ein ambulanter Dienst zu den Menschen nach Hause. Die Fachkraft hilft den Menschen zum Beispiel dabei, Geld abzuheben oder andere Alltagssituationen zu meistern. Oder sie erklärt beispielsweise, wie man ein Zimmer aufräumt und unterstützt dabei. Diese Hilfe macht dann ein eigenständiges Leben für die Betroffenen erst möglich.

Doch genau solche Hilfen könnten künftig stärker unter Kostendruck geraten. Denn nach den aktuellen Sparplänen sollen Leistungen stärker danach bewertet werden, ob sie „wirtschaftlich angemessen“ sind.

Das könnte bedeuten: Nicht mehr allein die individuell passende Unterstützung steht im Mittelpunkt, sondern stärker die Frage nach der günstigsten Lösung. Für Menschen mit Behinderung kann das weitreichende Folgen haben. Darf ich noch alleine leben? Oder muss ich umziehen in ein Heim, in dem es günstiger wäre?

Wir sagen: Menschen mit Behinderung sollten weiter Unterstützung bekommen, um so zu leben, wie sie es möchten!

 

Wenn der Unterhaltsvorschuss zurückgedreht wird

Vielen Alleinerziehenden – meistens Müttern – droht Armut, wenn das andere Elternteil keinen Unterhalt für die Kinder zahlt. Deshalb ist der Unterhaltsvorschuss vom Staat so wichtig.

Maria* ist alleinerziehend, hat drei Kinder (8, 12, 14 Jahre) und arbeitet 30 Stunden pro Woche. Der Staat gewährt ihr Unterhaltsvorschuss, weil der Vater keinen Unterhalt zahlt ­­– wie bei über 850.000 Kindern bundesweit. Für Maria ist der Vorschuss eine wichtige finanzielle Unterstützung für die Familie und ermöglicht es den Kindern, überall mitzumachen und nicht ausgegrenzt zu sein.

In den Sparplänen der Bundesregierung steht allerdings, dass die Reform des Unterhaltsvorschusses von 2017 abgewickelt werden sollte. Das heißt: 

  • Der Staat zahlt den Unterhaltsvorschuss künftig nur noch für Kinder unter 13 Jahren und maximal 72 Monate.
  • Jugendliche von 13 bis 18 Jahren verlieren dadurch den Anspruch.

Hier soll eine Milliarde Euro eingespart werden. Aber zu welchem Preis? Es wären circa 400.000 Alleinerziehende betroffen, die keinen Unterhaltsvorschuss mehr bekämen. Alleinerziehende und ihre Kinder sind bereits jetzt die Familienform mit der höchsten Armutsquote. Kürzt der Staat den Unterhaltsvorschuss, würde das für Maria und hunderttausende andere Alleinerziehende weniger Geld, mehr Existenzangst und ein erhöhtes Armutsrisiko bedeuten.

Wir sagen: Kinder zu haben, darf kein Armutsrisiko sein!

* Es handelt sich hier um ein fiktives Beispiel, das auf Erfahrungen aus unseren Beratungsstellen basiert.

Wenn individuelle Hilfen durch Standardlösungen ersetzt werden

Familien brauchen Unterstützung – und zwar in den eigenen vier Wänden. In einer Krise können sie sich an das Jugendamt wenden. Auch wenn Nachbarn oder Bekannte sich Sorgen machen, wenden sie sich an das Jugendamt, das dann konkrete Hilfe auf den Weg bringt. Bisher wird geschaut: Was braucht diese Familie konkret?

Ergebnis kann zum Beispiel eine sozialpädagogische Familienhilfe sein: Eine Fachkraft kommt regelmäßig nach Hause, sieht, was wirklich los ist, und hilft ganz praktisch – bei Erziehung, Alltag, Konflikten. Diese Hilfe ist individuell, verbindlich und rechtlich abgesichert.

Doch genau diese passgenauen Hilfen sollen künftig nachrangig werden. Stattdessen sollen Familien vorrangig auf allgemeine Angebote verwiesen werden – etwa Kitas, Beratungsstellen oder Jugendzentren. Diese Angebote haben aber einen Haken: Die Familien müssen selbst hingehen. Und wer nicht kommt, wird nicht gesehen. Das Ergebnis: Niemand sieht, was wirklich zu Hause passiert. Niemand greift ein, wenn Situationen eskalieren.

Wir sagen: Kinderschutz muss vor Ort in den Familien passieren!

Wenn Inklusion in der Bildung weggespart wird

Viele Kinder haben große Schwierigkeiten im Schulalltag und brauchen Unterstützung im Unterricht. Nicht irgendwann. Jetzt. Deshalb gibt es bisher die Möglichkeit der 1:1-Begleitung im Schulalltag – individuell, direkt, wirksam. Doch diese Hilfe soll künftig die Ausnahme werden. Stattdessen: Unterstützung durch wenige Fachkräfte für mehrere Kinder gleichzeitig, also Standardlösungen für viele gleichzeitig. Und wenn Eltern doch eine individuelle Unterstützung wollen? Sie müssen sie aufwendig begründen, Nachweise liefern, die schwer zu erbringen sind und Wochen oder Monate auf Entscheidungen warten. Zeit, die das Kind nicht hat.

„Ohne seine Schulassistenz könnte Mylo nicht am Unterricht teilnehmen.“

Mylo ist 8 Jahre alt und besucht die erste Klasse einer Regelschule. Er lebt mit seinen Eltern und seiner großen Schwester zusammen. Aufgrund eines frühkindlichen Autismus und einer komplexen Entwicklungsstörung ist er im Schulalltag auf eine feste Schulassistenz angewiesen.

Für Mylo sind Veränderungen nur schwer auszuhalten. Wechselnde Bezugspersonen verunsichern ihn stark. Deshalb kann er sich seine Schulassistenz nicht mit anderen Kindern teilen. Er braucht eine vertraute Person an seiner Seite, die ihm Struktur gibt, ihn bei sozialen Situationen unterstützt und Gefahren rechtzeitig erkennt.

Besonders belastend sind für ihn Geräusche und unruhige Situationen im Klassenraum. Kommt es zu einer Reizüberflutung, muss Mylo den Raum sofort verlassen können – gemeinsam mit seiner Assistenz. Auch beim Schwimmunterricht wäre eine Teilnahme ohne individuelle Begleitung nicht möglich, da er Gefahren im Wasser nicht zuverlässig einschätzen kann.

Hinzu kommen alltägliche Herausforderungen: Mylo benötigt Unterstützung beim An- und Ausziehen und Hilfe bei der Auswahl passender Kleidung, weil er Wärme und Kälte nur eingeschränkt wahrnimmt.

Schon heute kostet ihn der Schulalltag enorme Kraft. Ohne die Unterstützung seiner Assistenz wäre er nach dem Unterricht so erschöpft, dass notwendige Therapien am Nachmittag kaum noch möglich wären. Stattdessen zieht er sich zurück, vermeidet soziale Kontakte und verbringt den Rest des Tages alleine in seinem Zimmer.

Die geplanten Kürzungen bei Teilhabeleistungen würden genau Kinder wie Mylo treffen. Schulassistenz soll künftig häufiger als Gruppenangebot organisiert werden. Für Mylo würde das bedeuten: weniger Sicherheit, weniger Teilhabe und deutlich schlechtere Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben.

Wir sagen: Inklusion von Kindern in der Schule darf nicht ausgebremst werden!

Wenn Fahrdienste für Menschen mit Behinderung gestrichen werden

Menschen mit Mobilitätseinschränkung sind auf regelmäßige Fahrdienste angewiesen, um zur Arbeit, zu Therapien und zu sozialen Treffen zu gelangen. So wie Leo Drinceanu. Er ist 28 Jahre alt und arbeitet seit 2019 im inklusiven Social-Media-Team der Evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach. Für die rund vier Kilometer lange Strecke zur Redaktion und wieder zurück nach Hause nutzt er einen Fahrdienst. 

"Wenn der Fahrdienst wegfallen würde, wäre das richtig blöd."

  • Porträt von Leo

    "Der Fahrdienst bedeutet für mich Freiheit und Verlässlichkeit. Nur weil ich jeden Tag pünktlich zu Hause abgeholt und auch wieder zurückgebracht werde, kann ich in unserem Social Media Team arbeiten, was mir sehr viel Spaß macht."

    Leo Drinceanu nutzt den Fahrdienst, um zur Arbeit zu gelangen
Leo sitzt im Rollstuhl und ist im Rückteil eines Busses des Fahrdienstes, der die Rollstuhlrampe ausgefahren hat

"Wenn der Fahrdienst wegfallen würde, wäre das richtig blöd. Denn ich müsste dann den ÖPNV nutzen und Bus fahren. Grundsätzlich könnte ich das. Aber allein die Vorstellung macht mich wirklich nervös. Denn manchmal kommt der Bus gar nicht oder zu spät oder er ist so voll, dass ich mit meinem Rollstuhl gar nicht mehr hineinpasse. Außerdem kann ich nicht selbstständig Bus fahren, sondern muss fremde Menschen um Hilfe fragen. Das ist kein schönes Gefühl… Hinzu kommt, dass nicht alle Haltestellen barrierefrei sind. Meine körperliche Verfassung ist auch nicht immer stabil, sodass es an manchen Tagen sein kann, dass ich einfach nicht Bus fahren kann. Ohne Fahrdienst wäre mein Alltag überhaupt nicht mehr planbar. 

Ehrlich gesagt finde ich es sehr respektlos und wenig empathisch, dass überhaupt darüber nachgedacht wird, beim Fahrdienst zu sparen. Ich gehe schließlich jeden Tag gerne arbeiten, und es macht mich sauer, dass mir das vielleicht erschwert werden soll. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Kürzungsvorschläge so nicht umgesetzt werden. Ich fühle mich während der rund 15 Minuten Fahrt mit dem Fahrdienst einfach sehr wohl, auch weil ich die Fahrer alle gut kenne und mich gerne mit ihnen unterhalte, zum Beispiel über Fußball und meinen Lieblingsverein Borussia Mönchengladbach. Ich hoffe wirklich, dass ich den Fahrdienst auch in Zukunft  nutzen kann.“ 

Fahrdienste, wie der für Leo, schaffen Vertrauen, denn sie kommen pünktlich, mit Rollstuhlrampe und bei Bedarf mit Begleitperson – ein Angebot, das Sicherheit, Teilhabe und soziale Kontakte ermöglicht. Nun sollen diese individuellen Fahrten durch Budgetpauschalen und reduzierte Leistungszeiten ersetzt werden. Pauschalen ersetzen nicht die Flexibilität, Verlässlichkeit und persönliche Unterstützung eines echten Fahrdienstes.

Wenn Fahrdienste gekürzt werden, droht der Wegfall der Mobilität und damit soziale und psychische Isolation.

Wir sagen: Teilhabe ist kein Sparposten!

Wenn qualitative Jugendhilfe gekürzt wird

Junge Menschen ohne ein verlässliches Elternhaus brauchen Unterstützung auf dem Weg ins eigene Erwachsenenleben. Bisher begleiten pädagogische Fachkräfte diesen Übergang: Gemeinsam werden Mietverträge geprüft, wird die erste eigene Wohnung eingerichtet und in Momenten der Überforderung – etwa bei Behördengängen oder Krisen – steht jemand bereit. Diese Beziehungsarbeit schenkt Sicherheit und ersetzt das fehlende familiäre Netz.

Jetzt sollen diese Hilfen für junge Erwachsene als „verzichtbar“ erklärt und massiv gekürzt werden. Die Folge: Abrupte Übergänge und eine zu frühe Verselbstständigung bereits mit 18 Jahren, oft ohne Rücksicht darauf, ob die jungen Menschen den Anforderungen gewachsen sind. Doch eine bloße Vermittlung in Wohnraum ohne pädagogische Flankierung ersetzt nicht die Unterstützung, die erklärt, Halt gibt und bei psychischen Belastungen interveniert. Die Folgen können sein: Obdach- oder Wohnungslosigkeit, Abbruch von Bildungsgängen und soziale Isolation.

  • © KI

    "Ohne die Unterstützung durch das Jugendamt und meine Betreuer von der Diakonie, würde ich heute wahrscheinlich in der Notschlafstelle pennen oder Couchsurfing betreiben."

    Jonas* (19) *Dieses Beispiel ist fiktiv, entspringt aber dem Erfahrungsschatz der Kinder- und Jugendhilfe.

Jonas (19)*: „Mit 15 Jahren bin ich von zuhause abgehauen. Bis ich 18 war, habe ich dann in einer Wohngruppe gelebt. Seit etwa einem Jahr lebe ich einer Wohngemeinschaft mit drei weiteren Jungs zwischen 18 und 20 zusammen. Die Wohnung wird von der Diakonie angemietet. Einmal am Tag kommt einer unserer Betreuer für 1-2 Stunden vorbei. Hier bequatschen wir alles. Ganz alltägliche Sachen, aber auch Sachen, wo wir noch Unterstützung brauchen. Zum Beispiel den Wocheneinkauf planen, Putzpläne erstellen, Bewerbungen schreiben, Probleme mit der Berufsschule besprechen, Termine beim Amt vorbereiten oder auch, was wir in unserer Freizeit so machen. Ohne die Unterstützung durch das Jugendamt und meine Betreuer von der Diakonie, würde ich heute wahrscheinlich in der Notschlafstelle pennen oder Couchsurfing betreiben. Tagsüber würde ich dann wahrscheinlich schnorren oder dealen. Da kenne ich einige, denen es so ergangen ist.“ 

Seit 2021 besteht ein verbindlicher Anspruch auf Nachbetreuung für junge Erwachsene, die keine Eltern haben, die ihnen helfen können. Dieser stellt sicher, dass Fachkräfte den Übergang ins Erwachsenenleben pädagogisch begleiten. Nun soll diese Hilfe laut geleakten Sparplänen massiv eingeschränkt werden. Die Folge wären weniger individuelle Hilfe, ein früheres Alleinlassen und brüchige Übergänge in Wohnung, Ausbildung und Alltag. Weniger pädagogische Begleitung bedeutet eine höhere Gefahr von Wohnungslosigkeit, Ausbildungsabbrüchen und sozialer Isolation. 

Wir sagen: Junge Erwachsene brauchen verlässliche Hilfe beim Erwachsenwerden.

Darum, sehr geehrte Verantwortliche in der Bundesregierung, investieren Sie in Bildungs- und Teilhabechancen!

Statt kurzfristiger Einsparungen zu Lasten von Menschen, die dringend Unterstützung benötigen, brauchen wir tragfähige Reformen, die soziale Sicherheit, Bürokratieabbau und Kosteneffizienz nachhaltig miteinander verbinden.

Wer jetzt kürzt, zahlt später drauf!

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