Miteinander reden ist besser
Konflikte in der Einwanderungsgesellschaft nachhaltig zu bearbeiten ist besser als gesellschaftliche Polarisierung. Zum Beispiel Nahost. Ein Beitrag von Johannes Brandstäter
11.05.2026
Miteinander reden ist besser
Zu Deutschlands Einwanderungsgesellschaft gehören eine Vielzahl von diasporischen Communities. Was mit sich bringt, dass aktuelle internationale Konflikte in die Gesellschaft hineinwirken und dabei auf Hinterlassenschaften der deutschen Geschichte stoßen. Und Kolonialismus und Faschismus werden von Communities je nach Herkunft ganz anders erlebt als von den Alteingesessenen. Bei der Klausurtagung des Forums Menschenrechte in Wuppertal im Januar lernte ich zwei beeindruckende Leute kennen, die diese Fragen zu ihrem Thema machen und sich der gerade besonders aktuellen konfliktiven Lage zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen stellen. Was die beiden (und auch noch Andere) an Verständigungsarbeit machen, klingt erzählenswert, vor allem inspirierend. Miteinander verständigen müssen sich letztlich sogar drei Seiten, woran ich in der Einleitung erinnern will.
Einleitung: Europarat blickt auf Menschenrechte in Deutschland
Der Menschenrechtskommissar des Europarats Michael O Flaherty bemängelte im April 2026 in einem Memorandum Einschränkungen bei den demokratischen Freiheitsrechten um die Auseinandersetzung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Bei friedlichen Demonstrationen, insbesondere bei pro-palästinensischen Protesten, gebe es Berichte über übermäßige Gewaltanwendung durch Sicherheitskräfte, stellte er fest. Auch die Meinungsfreiheit sei zuletzt unverhältnismäßig eingeschränkt worden, etwa auf Demonstrationen und in Debatten über palästinensische Rechte oder Kritik an der israelischen Regierung. Der Kommissar warnte davor, legitime Kritik an staatlicher Politik mit Antisemitismus gleichzusetzen. Das Memorandum geht auf ein Klima ein, in dem Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 in der gesamten Gesellschaft zunimmt, und in dem die starke Ablehnung gegen den Staat Israel in palästinensischen oder arabischen Communities eine besondere Bedeutung erfährt.
Der Kommissar empfiehlt deshalb u.a., Deutschland solle ein Umfeld fördern, das vielfältige Ansichten, offene Debatten und Diskussionen ermöglicht, und inklusive Beratungsprozesse führen, um Gleichheit, interkulturellen Dialog, Verständnis und Toleranz zwischen und innerhalb der betroffenen Gemeinschaften zu fördern. Außerdem sollten Maßnahmen ergriffen werden, um negative Stereotype gegenüber jüdischen, muslimischen, palästinensischen und arabischen Menschen abzubauen, insbesondere in Wissenschaft, Schulen und den Medien.
Ansatz: Interkulturelle Woche schafft Verständigung und neue Räume
Die Interkulturelle Woche setzt sich schon lange für Verständigung ein. Sie hat sich als Ziel gesetzt, neue Räume zu schaffen. Damit will sie einen respektvollen und diskriminierungsfreien Diskurs ermöglichen. Das ist keine leichte Aufgabe, insbesondere beim Nahostkonflikt, wurde bei einem Thementisch während der Bundestagung der Interkulturellen Woche im Februar 2026 festgestellt: Die hohe Komplexität sowie die starke Emotionalität sind herausfordernd. Beide Faktoren können das Gesprächsklima bereits im Vorfeld belasten. Häufig fehlt es an Sprachfähigkeit, Hintergrundwissen und begrifflicher Klarheit, um mit unterschiedlichen historischen Narrativen und politischen Deutungen angemessen umzugehen. Politische Kontroversität kann jedoch kein Ausschlussgrund sein für eine Veranstaltung im Rahmen der Interkulturellen Woche. Die Grenze verläuft dort, wo Rassismus, Antisemitismus, Intoleranz oder die Legitimation von Gewalt auftreten. Es braucht eine gute Vorbereitung und Sensibilität gleichermaßen für jüdische und palästinensische Menschen und ihre Belange.
Eine gute Möglichkeit der Annäherung bietet übrigens die Karte der Verständigungsorte von Kirche und Diakonie. Sie macht Initiativen sichtbar, die Raum für eine „Entfeindung“ in der Gesellschaft schaffen. Ein Beispiel dafür ist die Refo Moabit, wo an einem Abend Menschen der jüdischen und der palästinensischen Community zusammenkamen. Die evangelischen „Verständigungsorte“ ermöglichen es auch Menschen aus diasporischen Communities, mit ihren prägenden Erfahrungen wahrgenommen zu werden. Explizite Formate zu Konfliktsituationen wie Israel-Palästina bzw. Ukraine-Russland sind allerdings nur in wenigen Fällen umgesetzt.
Gegenseitige Akzeptanz: So kann sie funktionieren
Doch es braucht tiefergehende Ansätze. Yael Michael lebt als Israelin in Deutschland und organisiert Verständigung, ebenso wie Slieman Halabi. An einer ersten Dialoggruppe 2023 nahmen 20 Interessierte teil, jüdische und palästinensische Israelis, aber auch Palästinenser aus Gaza, dem Westjordanland oder aus Syrien. Sie alle leben seit etlichen Jahren in Deutschland oder anderen europäischen Ländern, oder sind sogar hier geboren. Das von der School for Peace entwickelte Format umfasst gemeinsame Online-Workshops und mehrtägige Präsenztermine über viele Monate hinweg. Die Themen werden nicht vorgegeben, sondern von den Leuten mitgebracht. Es geht um die Geschichte, über Zionismus, palästinensische Identität, über Narrative, über den Krieg. Es sind sehr ungleiche Lebensgeschichten, die sich die Teilnehmenden gegenseitig erzählen, so wie eben ihre Hintergründe sich sehr unterscheiden. Viele sind mit Narrativen aufgewachsen, die den anderen als Feind und Gegner betrachten.
Yael Michael erzählte mir: Die größte Schwierigkeit besteht darin, zu akzeptieren, dass der Schmerz der anderen nicht unbedingt im Widerspruch zum eigenen steht. Alle können gleichzeitig im selben Raum existieren und sollten mit der gleichen Ernsthaftigkeit respektiert werden. Es kommt zu einer Art Identitätskrise, weil viele Menschen verstehen, dass die Erzählung, mit der sie aufgewachsen sind, plötzlich ins Wanken gerät. Vom Opfer zum Partner zu werden gelingt nur, wenn sich alle dieser wechselseitigen Narrative, die seit Jahrzehnten von israelischen und palästinensischen Menschen weitergetragen wird, bewusst werden. Anders als in der Heimat scheint dieser kathartische Prozess in der Ferne leichter möglich – doch er ist schmerzhaft, berichtet Slieman Halabi. Polarisierende rassistische Diskurse in Deutschland leisten dafür keine Hilfe, denke ich.
Menschenrechte: Verständigung statt Polarisierung
Slieman Halabi ist an der Uni Wuppertal sozialpsychologisch unterwegs und wuchs in der Konfliktregion auf. Er befindet sich mitten in der Planung einer festen Dialogstruktur in der europäischen Diaspora. Im Rahmen der in der Konfliktregion ansässigen School for Peace will er in Deutschland nicht nur Qualifikationskurse für den Dialog anbieten, sondern das Netzwerk auch so aufstellen, dass friedenspolitische Alternativen gegen die Polarisierung daraus entspringen können. Halabi sagt: “Innerhalb Deutschlands ist der politische Diskurs ziemlich polarisiert und das wird immer stärker. Dies riskiert, Minderheiten zu marginalisieren und gesellschaftliche Spaltungen zu schaffen. Politische Führungspersönlichkeiten müssen diese Risiken berücksichtigen, wenn sie den israelisch-palästinensischen Konflikt angehen.”
Klar ist: solche Ansätze müssen stark verbreitert werden. Statt die Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu beinträchtigen, sollten Räume für Zivilgesellschaft gestärkt werden. Wir müssen das Gelände dafür energisch zurückerobern. Es braucht Demokratieförderung und Integrationsförderung. Letztlich geht es um etwas noch viel Größeres, um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, zu erringen über die internationale multilaterale Ordnung, unter Achtung und Gewährleistung der Menschenrechte. Es mag utopisch klingen. Es braucht dafür ein Friedensbündnis über die scheinbar unversöhnlichen Lager hinweg.