WENN SELBSTBESTIMMUNG ZUR ERWARTUNG WIRD:

Über Lebensenge, Sterbewünsche und die Frage, was Menschen wirklich brauchen

Dr. Jutta Ataie | 17.02.2026

Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) hat ihre Fallzahlen für 2025 veröffentlicht: 898 vermittelte Freitodbegleitungen – so viele wie noch nie zuvor und ein erneuter deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren.

Solche Zahlen lassen sich auf verschiedene Weise lesen. Als Ausdruck von Selbstbestimmung. Als Hinweis auf wachsende Akzeptanz. Als Zeichen dafür, dass sich etwas verschiebt.

Mich beschäftigt beim Blick darauf vor allem eine andere Frage:

Was passiert in einem Leben, bevor der Tod für manche Menschen als Ausweg erscheint?

Wenn Leben eng wird

Die Antworten darauf sind selten so eindeutig, wie es öffentliche Debatten manchmal erscheinen lassen.

Viele Menschen, die über einen assistierten Suizid nachdenken, sprechen nicht zuerst davon, dass sie sterben wollen. Viel häufiger sagen sie etwas anderes:
„So wie es jetzt ist, halte ich es nicht mehr aus.“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein entscheidender Unterschied.

Der erste richtet sich auf den Tod.
Der zweite beschreibt ein Leben, das eng geworden ist – durch Krankheit, Verlust von Selbstständigkeit, Einsamkeit oder die Angst, anderen zur Last zu fallen – und durch die Erfahrung, nicht mehr als Mensch mit eigener Würde wahrgenommen zu werden, sondern vor allem Teil von Abläufen und Versorgungsstrukturen zu sein.

Vielleicht geht es in vielen dieser Situationen weniger um den Wunsch, nicht mehr zu sein, sondern um den Wunsch, nicht mehr so leben zu müssen.

Leben als gestaltbares Projekt

Um das besser zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Art, wie wir heute über ein gelungenes Leben denken.

Unsere Gegenwart ist stark geprägt von der Vorstellung, dass das eigene Leben gestaltbar ist. Arbeit, Beziehungen, Gesundheit und persönliche Entwicklung erscheinen als etwas, das geplant und verbessert werden kann. Auch Alter und Lebensende geraten zunehmend in diese Logik: Man soll nicht einfach alt werden, sondern möglichst lange selbstständig bleiben. Nicht einfach krank sein, sondern „das Beste daraus machen“. Und auch das Sterben soll möglichst vorbereitet und kontrolliert verlaufen.

Diese Entwicklung hat vieles erleichtert. Zugleich entsteht aber ein neuer Druck: Wenn Leben als gestaltbar gilt, fühlt sich der Verlust von Selbstständigkeit schnell wie persönliches Scheitern an.

Wenn Selbstbestimmung zur Erwartung wird

Hinzu kommt eine weitere, oft kaum wahrgenommene Verschiebung: Selbstbestimmung ist in unserer Gesellschaft nicht nur ein Recht, sondern zunehmend auch eine Erwartung.

Unabhängig zu sein, Entscheidungen selbst zu treffen, das eigene Leben im Griff zu behalten – all das gilt als Ausdruck eines gelungenen Lebens.

Schwierig wird es, wenn das nicht mehr gelingt. Wenn man merkt, dass vieles langsamer geht, unsicherer wird, Hilfe nötig ist oder vertraute Rollen wegfallen.

Wer dauerhaft Unterstützung braucht, erlebt dann leicht das Gefühl, nicht mehr richtig ins eigene Leben zu passen oder anderen zur Last zu fallen.

Manche Menschen erleben dann weniger einen Wunsch zu sterben als die Hoffnung, aus einer Situation herauszukommen, in der sich das eigene Leben nicht mehr stimmig und würdevoll anfühlt. Der assistierte Suizid erscheint manchen in dieser Lage als letzte Möglichkeit, noch einmal selbst entscheiden zu können, wenn vieles andere bereits entgleitet.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Entsteht ein Sterbewunsch wirklich aus freier Entscheidung – oder auch aus einem inneren Druck, nicht mehr so leben zu müssen, wie es gerade geworden ist?

Was Suizidprävention dann bedeutet

Vor diesem Hintergrund bekommt auch Suizidprävention eine andere Bedeutung.

Sie richtet sich nicht zuerst gegen eine Entscheidung, sondern auf die Situation, aus der heraus ein Sterbewunsch entsteht. Sie fragt nicht nur, ob jemand sterben möchte, sondern was ein Leben so eng gemacht hat, dass der Tod als einziger Ausweg erscheint.

Suizidprävention versucht deshalb, Räume wieder zu öffnen und Situationen wieder beweglich werden zu lassen – damit Menschen erleben können, dass sie auch in schwierigen Lebensphasen dazugehören und Krankheit, Krisen oder Alter nicht als persönliches Scheitern erfahren müssen.

Was daraus folgt

Genau hier setzt auch die Arbeit der Diakonie an. In diakonischen Diensten und Einrichtungen erleben Mitarbeitende und Ehrenamtliche täglich, wie sich Sterbewünsche verändern können, wenn Menschen jemanden finden, der mit ihnen aushält, was gerade schwer geworden ist.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, dass besonders ältere Menschen immer häufiger in Situationen geraten, in denen ihr Leben eng und belastend erscheint. Umso wichtiger ist es, dass Hilfen und Begleitung frühzeitig erreichbar sind – bevor der Eindruck entsteht, der Tod sei die einzige verbleibende Entscheidung.

Selbstbestimmung und Schutz müssen dabei nicht gegeneinander stehen. Beides gehört zusammen: die Freiheit jedes einzelnen Menschen – und die Verantwortung einer Gesellschaft, Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht allein zu lassen.

Denn hinter vielen Sterbewünschen steht nicht nur der Wunsch zu gehen, sondern auch die leise Hoffnung, bleiben zu dürfen.

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