Der Central-Ausschuss für die Innere Mission

Voraussetzungen der Arbeit, 1810-1948

Die Anfänge der sozialen Arbeit der Inneren Mission lagen zwischen 1810 und 1848, als die Folgen der Frühindustrialisierung deutlich wurden. Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit und Alter führten zu einer neuen Form von Armut (Pauperisierung), die vor allem große Teile der Bevölkerung in Preußen traf und die von der traditionell kirchlich gebundenen Armenpflege nicht mehr zu bewältigen war. Die Evangelische Kirche und ihre prominenten Vertreter deuteten das Aufbegehren der Bevölkerung bei der Märzrevolution 1848 gegen Elend und Armut als „Gottlosigkeit” und ihre materielle und soziale Notlage als Ausdruck von „Sittenlosigkeit”. In diesem Kontext entstanden die ersten Einrichtungen der Inneren Mission, die im Unterschied zur bisherigen Armenpflege „freie Liebestätigkeit” in Vereinen, Genossenschaften, Stiftungen und Einrichtungen organisierte, wobei soziale und kulturelle Zuwendung verbunden war mit dem Anliegen der Rechristianisierung und Stabilisierung der Gesellschaft.

Entstehung, Entwicklung und Konsolidierung, 1848 - 1871

Die Geschichte der organisierten Diakonie begann mit dem ersten Evangelischen Kirchentag in Wittenberg (21./22.9.1848). Dort stellte der Hamburger Pfarrer und Anstaltsleiter des „Rauhen Hauses” Johann Hinrich Wichern in Reaktion auf die 48er-Revolution die Bedeutung der Inneren Mission als neuartiges Netzwerk protestantischer Sozial- und Kulturarbeit innerhalb des zu begründenden evangelischen Kirchenbundes heraus. Er regte die Gründung eines Koordinierungsgremiums an, um das Nebeneinander zahlreicher christlicher Initiativen und Vereine zugunsten einer überregional tätigen protestantischen Hilfsorganisation zu überwinden. Nach seinem Programm sowie den Statuten des Politikers Moritz August von Bethmann Hollweg und des Juristen Friedrich Julius Stahl konstituierte sich am 9. Januar 1849 der Central-Ausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche (C.A.), der Vorgänger des heutigen Diakonischen Werkes. Seine Mitglieder waren Protestanten aus Wissenschaft und Rechtspflege, Theologen sowie höhere Staatsbeamte der preußischen Ministerialbürokratie. Als Mitteilungsblatt dienten die „Fliegenden Blätter des Rauhen Hauses”. Der erste C.A., mit Sitz in Hamburg und Berlin, wurde von dem ehrenamtlich tätigen Präsidenten Bethmann Hollweg geleitet. Ihm zugeordnet war ein kleiner Verwaltungsapparat, bestehend aus einem Vizepräsidenten, einem Sekretär und sieben Mitgliedern. Bis 1849 waren dem C.A. 12 Vereine und 62 Agenten aus verschiedenen Gebieten, Provinzen und Kreisen des Deutschen Bundes beigetreten, die die Ideen der Inneren Mission nach außen trugen. Der C.A. diente als Koordinierung- und Stabsstelle diakonischer Arbeit, der die einzelnen Tätigkeitsfelder der rechtlich selbstständigen, sozialpädagogischen, fürsorgerischen und pflegerischen Heime, Anstalten und Einrichtungen wissenschaftlich begleitete und Kontakte zu Regierungen, Magistraten und Parlamenten sowie zu anderen Wohlfahrtsorganisationen herstellte. Die Einrichtungen waren durch die Mitgliedschaft in dem als freien Verein verfassten C.A. locker miteinander verbunden. Eine Weisungsbefugnis gegenüber den von ihm hierarchisch organisierten Verbindungen zwischen der breiten Basis der Gemeindevereine über die Stadt-, Kreis-, Provinzial- und Landesvereine sowie der Konferenzen und Fachverbände wie etwa die Generalkonferenz der Kaiserswerther Diakonissen-Mutterhäuser (*1861) oder die Konferenz der Theologischen Berufsarbeiter der Inneren Mission (*1870) besaß der C.A. nicht. Die praktische diakonische Arbeit leisteten Einrichtungen wie Bethel in Westfalen, Stetten in Württemberg, Neuendettelsau in Bayern, Kreuznach im Rheinland, Moritzburg bei Dresden oder Hephata/Treysa in Hessen.

Debatten, Wachstum und Umbrüche, 1871 - 1918

Das duale System der Wohlfahrtspflege in Deutschland, welches konkrete Hilfestellung und volksmissionarisches Wirken miteinander verband, erhielt im Kaiserreich wesentliche Impulse von der Inneren Mission. Dementsprechend entwickelte der C.A. seine traditionellen Tätigkeitsbereiche weiter und begründete neue Arbeitsfelder wie die Körperbehindertenfürsorge, die Wandererfürsorge sowie die Jugend- und Erziehungsfürsorge. Seit den 1870er Jahren entstand die Stadtmission, die am Ende des Kaiserreichs nahezu in jeder Stadt zu finden war. Auch die Organisationsstruktur von vernetzten Fachverbänden wie die Brüderhausvorsteherkonferenz (*1876) und die Rettungshauskonferenz (*1895) bildete sich weiter aus. Dem C.A. schlossen sich in den 1890er Jahren der Gesamtverband der evangelischen Arbeitervereine (*1890), die Freie kirchlich-soziale Konferenz (*1897), die Kommission der deutschen Bahnhofsmission (*1897), das Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels (*1899) und der Deutsche Evangelische Frauenbund (*1899) an. Als Zusammenschlüsse entstanden die Landes- und Provinzialvereine für Innere Mission, die sich dem C.A. als Regionalverbände anschlossen. Dem 1897 gegründeten Deutschen Caritasverband diente der C.A. als Vorbild. 1899 erschien erstmals eine „Statistik der Inneren Mission der deutschen evangelischen Kirche”, in der Arbeitsgebiete, Vereine, Konferenzen, arbeitsorganisatorische Grundlagen und Ausbildungsstandards aufgeführt wurden.

Die Begründer des C.A. wirkten gesellschaftspolitisch und nahmen die „Verwaltung des Elends” in ihre Hände. Wicherns vorsichtiger Politisierung des Verbandsprotestantismus folgte 1884 die direkte Einmischung des C.A. in die politische Debatte über soziale Reformen. Der Jurist und Sozialreformer Theodor Lohmann sowie der Hofprediger Adolf Stoecker verfassten eine Denkschrift für den C.A., in der „die Aufgaben der Kirche und ihrer Inneren Mission gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart” dargelegt waren. Kirche und Innere Mission wurden darin aufgefordert, die Sozialdemokratie „mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchdringen.” In einer ambivalenten Verknüpfung wurden einerseits sozialrechtliche Schritte zugunsten der ArbeiterInnen gefordert, anderseits jedoch verknüpft mit der Anerkennung des christlichen Sittengesetzes. Trotz eines Erlasses des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin, dem Organ der preußischen Landeskirche, der den Geistlichen jedes sozialpolitische Engagement untersagte, bekräftigte der C.A. 1896 sein Anliegen, als überparteiliche Instanz auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einzuwirken. Bis zur Gründung des Evangelisch-sozialen Kongresses (*1890) war der  C.A. die einzige gesamtprotestantische Organisation, die über die Soziale Frage in der zunehmend industriell geprägten Gesellschaft des Kaiserreichs diskutierte.

Während des Ersten Weltkrieges machte die Verbandsentwicklung keine entscheidenden Fortschritte. Der Krieg wurde vom C.A. primär als seelsorgerische, sittliche und pflegerische Herausforderung verstanden, sodass seine organisatorische Arbeit auf diese Bereiche ausgerichtet war.

Aufschwung und Krise, 1918 - 1933

Das duale System sozialer Sicherung wurde in der Weimarer Republik zum zentralen Strukturprinzip, um den wirtschaftlichen und sozialen Notlagen zu begegnen. Der C.A. begann nach dem Ersten Weltkrieg damit, seine Organisationsstruktur in dieser Hinsicht zu modernisieren. Auf dem Kongress für Innere Mission in Breslau wurde 1920 der Central-Verband der Inneren Mission gegründet, dessen geschäftsführendes Organ und seine Vertretung nach außen der C.A. war. Zur Bearbeitung der verschiedenen Arbeitsgebiete waren vom C.A. besondere, von Direktoren geleitete Abteilungen eingerichtet wie die öffentlichkeitswirksame Abteilung für Volksmission (*1919) und die Apologetische Centrale (*1921). Am 1. Oktober 1920 wurde der Wichern-Verlag durch den C.A. als „Kommissionsverlag” des Verlags der Agentur des Rauhen Hauses in Hamburg gegründet. 1922 knüpfte der C.A. an seine bereits seit 1890 veranstalteten internationalen Konferenzen und Aktivitäten an, indem er zu einer „Kontinentalen Konferenz” mit Teilnehmern aus fast allen europäischen Staaten einlud. Innerhalb der „Deutschen Liga” (*1924), dem Zusammenschluss der freien Wohlfahrtsverbände, gehörte die Innere Mission zu den größten und einflussreichsten Gruppierungen. Das 1926 eingerichtete Fachreferat IV „Gesundheitsfürsorge und Kranken- und Pflegeanstalten” unter Leitung des Eugenikers Dr. Hans Harmsen begünstigte die Debatte und die Praxis von Krankenmorden und Zwangssterilisationen in der Zeit des Nationalsozialismus. Zur Bearbeitung seiner diakoniewissenschaftlichen Forschungsfelder wurde 1927 das Institut für Sozialethik und Wissenschaft der Inneren Mission an der Berliner Universität eingerichtet. Im selben Jahr wurde auch das alte Honoratiorenprinzip des C.A. zugunsten des Repräsentationsprinzips aller angeschlossenen Vereinigungen endgültig abgelöst. Ende der 1920er Jahre litt der C.A. ebenso wie die deutsche Gesellschaft generell unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Dies verstärkte sich, als die zum C.A. gehörende Bausparkasse „Devaheim” 1931 Konkurs anmelden musste und die Innere Mission in eine schwere finanzielle und innere Krise stürzte. Die meisten Direktorenstellen wurden aufgehoben und Rücktritte führten im April 1932 zu Vorstandsneuwahlen.

Anpassung und Selbstbehauptung, 1933 - 1945

Der C.A. und die Vereinsgeistlichen stellten sich in den Jahren 1933 bis 1945 nicht eindeutig auf die Seite der Bekennenden Kirche, wenngleich eine Mehrheit von ihnen den gemäßigten Flügel der Bekennenden Kirche persönlich unterstützte. Die Überzahl in der Inneren Mission als auch im deutschen Protestantismus nahm ein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus ein: Einerseits wurden der nationalsozialistische „Dienst am Volk”, sein Wille zur sozialen Neugestaltung und zu einem nationalsozialistischen Christentum  begrüßt, andererseits stand man der Rassenideologie, der nationalsozialistischen Kulturpolitik und der politischen Praxis der NSDAP kritisch gegenüber. Mit der Wahl des Reichsbischofs Ludwig Müller wurde die bisherige Leitung des C.A. abgesetzt und Leiter eingesetzt, die dem Kurs der Glaubensbewegung der Deutschen Christen zustimmten. In der Verfassung der neuen „deutschen Evangelischen Kirche” vom 18. Oktober 1933 waren die Beziehungen zwischen Reichskirche und C.A. geregelt. Danach waren beide eng miteinander verzahnt und in der Inneren Mission wurde das Führerprinzip eingeführt. Die Reichskirchenleitung richtete zwei Abteilungen für allgemeine und spezielle Diakonie ein, an deren Spitze die Pfarrer Karl Themel und Horst Schirmacher standen, zwei Vertreter der rigiden Kirchenpolitik der Deutschen Christen. Erst ein Jahr später, als sich die der Bekennenden Kirche nahestehenden Vertreter im C.A. sowie die der Bekennenden Kirche nahestehenden Werke und Verbände der Inneren Mission zur „Arbeitsgemeinschaft missionarischer und diakonischer Werke und Verbände” gegen den Kurs der Deutschen Christen zusammenschlossen hatten, trat der Präsident des C.A. zurück. Sein Nachfolger, Constantin Frick, vertrat in den nächsten Jahren einen eher vermittelnden Kurs gegenüber dem NS-Staat, um ihm keine Handhabe zu Eingriffen in die Arbeit der Inneren Mission oder gar zur Übernahme der Inneren Mission durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) zu geben. Die vollständige Eingliederung der Inneren Mission in die Reichskirche konnte durch den mit Härte, aber auch mit Neutralität und Vorsicht geführten Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen und Vertretern der Bekennenden Kirche verhindert werden. Mehrmalige Maßnahmen der Gestapo gegen den C.A. in Form von Bürobesetzungen, Durchsuchungen oder der Schließung der Apologetischen Centrale 1937 trugen vermutlich zur Einschüchterung des Gremiums bei.

Im Vordergrund der Auseinandersetzung zwischen NSV und Innerer Mission standen die Versuche, Diakonissen in die „Braune Schwesternschaft” einzugliedern, sämtliche Kindergärten in die Hände der NSV zu bringen sowie das generelle Verbot öffentlicher Sammlungen der Inneren Mission.

Beschämend war die Haltung des C.A. zur Bildung einer zentralen Hilfsstelle für evangelische Christen jüdischer Herkunft. Aus Furcht, die Arbeit der Inneren Mission zu gefährden, lehnte der C.A. 1938/39 die Mitarbeit und Unterstützung zur Einrichtung eines zentralen Hilfsbüros für „Judenchristen” beziehungsweise „nichtarische” Christen ab.

Wie überall in der Wirtschaft des Zweiten Weltkrieges, wo es durch die Einberufungen zur Wehrmacht zu personellen Engpässen gekommen war, hatte auch der C.A. Kenntnis über den Einsatz weiblicher und männlicher Zwangsarbeiter.

Obwohl der C.A. der Inneren Mission, seine Einrichtungen der Liebestätigkeit und der Volksmission durch den Erlass der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei vom 12. Juli 1940 zum „Bestandteil der Deutschen Evangelischen Kirche” erklärt wurden, bot dies nur relativen Schutz vor der Politik der NSDAP. Die Janusköpfigkeit des C.A. trug vermutlich mit dazu bei, dass viele Einrichtungen geschlossen wurden und Zehntausende von PatientInnen in den Einrichtungen der Inneren Mission im Verlauf der „Euthanasiemaßnahmen” ermordet und zwangssterilisiert wurden.

Veränderung und Fusion, 1945 - 1957

Als Ende August 1945 im hessischen Treysa bei der ersten Zusammenkunft von Vertretern der Landeskirchen und der Bekennenden Kirche die „Evangelische Kirche in Deutschland” (EKD) ihre vorläufige Ordnung erhielt, wurde das „Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland” unter der Leitung von Eugen Gerstenmaier ins Leben gerufen (Hauptgeschäftsstellen Ost-Berlin und Stuttgart). Obwohl zwischen dem C.A.-West mit Sitz in Bethel/Westfalen und dem C.A.-Ost mit Sitz in Ost-Berlin einerseits und den entsprechenden Hilfswerksgliederungen andererseits auf pragmatischer Ebene eine enge Zusammenarbeit bestand, stand die Innere Mission im Schatten des Hilfswerkes, welches sich auf Grund seiner praktischen Arbeit zu einem kirchenpolitischen Machtfaktor entwickelte. Mit seinem ökumenischen Programm der „Allgemeinen Hilfe” (Notsorge, Geldgaben, Flüchtlingshilfe, Gefangenendienst) und des “Kirchlichen Wiederaufbaus” (Literatur/Kultgegenstände, Finanzhilfe, Gemeindedienst, Heimstätten der Kirche) trug es den Bedingungen in den vier Besatzungszonen Rechnung. Nach jahrelangen schwierigen Verhandlungen kam es 1957 unter dem Doppelnamen „Innere Mission und Hilfswerk der EKD” zum Zusammenschluss der beiden Organisationen. Dabei übertrug die EKD die Aufgaben des Hilfswerks in einem auf zwanzig Jahre befristeten Vertrag mit dem „C.A. der Inneren Mission” dem neuen, gemeinsamen Werk. Seitdem ruhen die Organe des C.A. Durch die Gründung des „Diakonischen Werkes der EKD e.V.” im Jahre 1975 wurde das Hilfswerk der EKD formal aufgelöst.

Autorin: Regina Mentner

Literatur:

Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848-1998, hg. von Ursula Röper und Carola Jüllig im Auftrag des Deutschen Historischen Museums und des Diakonischen Werkes der EKD, Berlin 1998.

Martin Gerhardt: Ein Jahrhundert Innere Mission. Die Geschichte des Central-Ausschusses für Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche, 2 Bde., Gütersloh 1948.

Jochen-Christoph Kaiser (Hg.): Soziale Arbeit in historischer Perspektive. Zum geschichtlichen Ort der Diakonie in Deutschland. Festschrift für Helmut Talazko zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1998.