Diakonie Katastrophenhilfe

Die Geschichte der Diakonie Katastrophenhilfe

Am Anfang stand die eigene Katastrophe

Die Idee einer „Nothilfe“ der evangelischen Kirchen entstand bereits in den 1940er Jahren im Rahmen der Planungen für ein evangelisches Hilfswerk. Anlass waren zunächst die prekären Verhältnisse im eigenen Land. Das besiegte Deutschland war eine Krisenregion, in der die politischen Verhältnisse in Ost und West grundlegend neu geordnet wurden. Millionen Flüchtlinge und Obdachlose mussten versorgt werden, die Menschen litten Hunger.

Als  „ökumenisches Wunder“ bezeichneten Vertreter der Kirchen, dass – ungeachtet der deutschen Geschichte – Hilfslieferungen aus der ganzen Welt kamen. Selbst in Lateinamerika sammelten Menschen Spenden für Deutschland. Die Unterstützung hinterließ einen bleibenden Eindruck. Herbert Krimm, ab 1951 Nachfolger von Eugen Gerstenmaier als Direktor des Hilfswerks schrieb:

„Wer sich einmal in seiner Not hat helfen lassen aus den Spenden von Menschen, die ihn nicht kennen, deren Land er nie gesehen hat, der hat sich damit bereit erklärt, sobald er nur kann, an anderen Menschen, die er auch nicht kennt, deren Land er auch nie betreten hat, so zu handeln, wie an ihm gehandelt worden ist.“

1954 – das Gründungsjahr

In den 50er Jahren ging es den Deutschen besser. Sich von der „nehmenden zur gebenden Kirche“ zu entwickeln, war innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine notwendige Konsequenz. 1951 gab das Hilfswerk eine erste Spende an den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. 1953 kam eine größere Hilfsaktion für die Opfer der Flutkatastrophe in Holland zustande.

Sie wurde zur Initialzündung: 1954 war das einschneidende Jahr in der Entstehungsgeschichte der DKH. Unter dem Titel „Drei Meilensteine. Der Weg des Hilfswerks durch das neue Jahr“ mahnte Herbert Krimm die evangelischen Christen in Deutschland mit Nachdruck zu einer „Gesamtverantwortung für die Not, einer Verantwortung, die nicht begrenzt ist nach Ländern, Erdteilen und Hautfarben, nicht billig abzuschütteln durch einen Seitenblick auf die Verschiedenheiten des Kulturstandes und der zivilisatorischen Lebensansprüche.“

Im gleichen Jahr wurden die Ökumenische Diakonie als Abteilung des Hilfswerks gegründet und das Ökumenische Notprogramm ins Leben gerufen. Erstmals wurde die Aufgabe einer Katastrophenhilfe für das Ausland institutionalisiert. Was heute die Diakonie Katastrophenhilfe ist, war damals das Ökumenische Notprogramm, die Aktion „Kirchen helfen Kirchen“ oder wurde unter dem allgemeinen Begriff der „Nothilfe für das Ausland“ zusammengefasst.

"Fly now, pray later" – erste große Herausforderungen

Mit den politischen Unruhen in Ungarn 1956 und der daraus resultierenden Flüchtlingswelle von über 200.000 Menschen nach Österreich erreichten die Spenden erstmals Millionenhöhe. Das war der Durchbruch der Katastrophenhilfe wie es in innerkirchlichen Kreisen hieß. Danach entwickelte sich die Not- und Katastrophenhilfe unter ihrem Koordinator Ludwig Geißel zu einem festen Bestandteil des 1957 aus Hilfswerk und Innerer Mission hervorgegangenen Diakonischen Werkes der EKD mit Sitz in Stuttgart. Unter dem später selbstgewählten Motto „Fly now, pray later“ setzte Ludwig Geißel sich für eine schnelle und pragmatische Reaktion im Katastrophenfall ein:

„Menschen, Zeit, Geld, Gelegenheiten – das sind alles lauter Gaben Gottes, mit denen die Diakonie haushalten muss und für die sie Verantwortung trägt. Das schließt die Risikobereitschaft ein, auch dort zu helfen, wo die Ergebnisse von vornherein fraglich sind. Rückschläge oder Erfolge, Dank oder Kritik müssen angenommen werden.“

Katastrophenhilfe in Konflikten

Neben weltweit zunehmenden Naturkatastrophen waren es immer auch politische Konflikte, die den Einsatz der Diakonie Katastrophenhilfe (DKH), wie sie seit den 1990er Jahren heißt, erforderten. Trotz massiver politischer Kritik engagierte sie sich in den 1960er Jahren sowohl in Nord- als auch in Südvietnam. Anlässlich des Völkermordes in Biafra (Nigeria), der annähernd 14 Millionen Menschen bedrohte, organisierte Ludwig Geißel 1968 trotz zahlreicher Widerstände eine Luftbrücke, um Lebensmittel in die Krisenregion zu fliegen und kranke Kinder zu evakuieren.

Die andauernde Not und politische Instabilität auf dem afrikanischen Kontinent, insbesondere die Bürgerkriege im Sudan, in Somalia und die Gewaltexzesse in Ruanda und Liberia sind seit den 1970er Jahren Schwerpunkte der Arbeit der DKH. Die Hungerkatastrophen in Afrika in den 1980er Jahren schufen neue Dimensionen der humanitären Hilfe. 150 Millionen Menschen waren vom Hungertod bedroht. Neben der Soforthilfe setzt die DKH zunehmend auf nachhaltige Strategien.

Mit dem Ende des Kalten Krieges kam in den 1990er Jahren auch Europa wieder auf die Agenda der Hilfsorganisation. Schon 1988 war die Diakonie Katastrophenhilfe eine der wenigen Organisationen, die nach einem Erdbeben in Armenien in der UdSSR tätig werden konnten.

Die Not in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und vor allem der Krieg auf dem Balkan machten langjährige Einsätze nötig. Sie führten zu dem Konzept einer „kontextgerechten Katastrophenhilfe“. Aber auch die „vergessenen Katastrophen“ geraten nicht aus dem Blickfeld: So ist die DKH eine der wenigen Organisationen, die sich weiter in Kolumbien und in Somalia engagiert.

Neue Herausforderungen

Die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 haben eine neue globale Bedrohung vor Augen geführt. Der „Krieg gegen den Terror“ hinterlässt Länder mit ungewisser Zukunft. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat in Afghanistan und im Irak umfangreiche Hilfsprogramme durchgeführt. Auch innerstaatliche Konflikte vor allem in Afrika verursachen Not und Elend. Jüngstes Beispiel ist die Region Darfur im Westen des Sudan, wo etwa zwei Millionen Menschen vor den gewalttätigen Übergriffen arabischer Milizen auf der Flucht sind.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Naturkatastrophen weltweit zu. Extreme Niederschläge und extreme Hitze vermitteln auch in Europa einen Eindruck der verheerenden Folgen des Klimawandels: Bei der „Jahrhunderflut 2002“ verloren Hunderttausende Menschen in Ostdeutschland und Osteuropa ihre Häuser und ihren Besitz. Dank der überwältigenden Spendensumme von knapp 60 Millionen Euro (ein Rekord in ihrer 50-jährigen Geschichte) konnte die Diakonie Katastrophenhilfe den Flutopfern von der ersten Stunde der Not bis zum Wiederaufbau von Häusern, Geschäften und sozialen Einrichtungen zur Seite stehen.

Tsunami und die Folgen

Die Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 markierte einen weiteren Einschnitt in der Geschichte der Diakonie Katastrophenhilfe. Niemals zuvor waren so viele Menschen in so vielen Ländern gleichzeitig von einer einzigen Naturkatastrophe betroffen. Die Not und das Leid der Überlebenden, die Verwandte und Freunde, ihre Arbeit und ihr Zuhause verloren hatten, rief eine überwältigende Hilfs- und Spendenbereitschaft hervor: Rund 44 Millionen Euro gingen allein an die Diakonie Katastrophenhilfe.

Gemeinsam mit ihren lokalen Partnern in Indien, Indonesien, Somalia und Sri Lanka setzte sie mehr als 80 Hilfsprojekte um. Neben der Soforthilfe in den ersten Wochen nach der Flutwelle unterstützten die Helfer die Tsunami-Opfer dabei, ihre Häuser wieder aufzubauen und wirtschaftlich wieder auf die Füße zu kommen. Zugleich verknüpft die Diakonie Katastrophenhilfe mit dem Wiederaufbau die Katastrophenvorsorge. Länder wie Indien, Indonesien und Sri Lanka und dort vor allem die arme Bevölkerung werden künftig besonders schwer unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Wirbelstürme und Überschwemmungen nehmen voraussichtlich in Häufigkeit und Ausmaß zu. Mit ihrem Programm „Klimawandel und Katastrophenhilfe“ trägt die Diakonie Katastrophenhilfe dazu bei, die Menschen besser vorzubereiten und damit die oft verheerenden Folgen dieser Naturkatastrophen zu lindern. Das Spektrum der Maßnahmen reicht von Schutzbauten über Mangrovenaufforstung, Frühwarnsysteme und flutsichere Saatgutspeicher bis hin zur Verteilung von salztolerantem Saatgut.

Kontextgerechte humanitäre Hilfe

Mit ihrer heutigen Strategie einer kontextgerechten humanitären Hilfe hat die DKH international Maßstäbe gesetzt. Wirksame Unterstützung kann sich nicht auf die Soforthilfe beschränken und darf nicht über die Köpfe der Menschen hinweg geschehen. Ziel ist es vielmehr, tragfähige Lebensbedingungen wiederherzustellen und Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Deshalb fördert die Diakonie Katastrophenhilfe  Wiederaufbau- und Selbsthilfeprogramme. Maßnahmen zur Katastrophenvorbeugung sind ebenfalls wesentlicher Bestandteil der Arbeit.

So finanzierte die DKH nach dem Erdbeben in Armenien 1988 eine Fertighausfabrik in Edschmiadsin. Im ehemaligen Jugoslawien unterstützte sie den Aufbau von Infrastruktur wie Stromnetze, Schulen, oder lieferte Saatgut. In Asien beteiligt sie sich an Programmen zur Krisenprävention. Das umfasst die Ausbildung von Katastrophenhelfern oder den Bau von Taifun-Schutzbauten – damit das Leben weitergeht. Das ist heute das Motto, unter dem die Katastrophenhilfe weltweit im Einsatz ist.

Lokale Partner und das internationale Netzwerk

Kontextgerechte Hilfe bedeutet auch, in Kriegs- und Krisengebieten mit lokalen Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten. Die DKH nutzt lokale Ressourcen und das Wissen der Bevölkerung vor Ort. Sie gibt aktiv Hilfe zur Selbsthilfe. Wie seit Beginn in den 1950er Jahren kann sich die DKH auf zuverlässige kirchliche Strukturen in aller Welt stützen. Sie ist Mitglied im weltweiten ökumenischen Verbund ACT (Kirchen helfen gemeinsam), der vom Ökumenischen Rat der Kirchen und dem Lutherischen Weltbund 1995 gegründet wurde, um die kirchliche humanitäre Hilfe besser zu koordinieren.

National arbeitet sie seit den 60er Jahren erfolgreich mit der evangelischen Schwesterorganisation „Brot für die Welt“ und über Konfessionsgrenzen hinweg mit Caritas international zusammen. In Gebieten, die immer wieder von Krieg oder Naturkatastrophen betroffen sind, unterhält die DKH unterhält eigene Regionalbüros. Sie befinden sich in Nairobi (Kenia), Bogotá (Kolumbien) und Monrovia (Liberia). Sie dienen auch in Zukunft der besseren Koordinierung umfangreicher Hilfsprojekte und gewährleisten, dass die DKH in Notfällen schnell präsent ist.

Zuverlässiger Partner für Menschen in Not

Die DKH leistet unabhängig und unparteiisch humanitäre Hilfe. Ihre Unterstützung in Katastrophenfällen orientiert an der Not der Menschen – ohne Ansehen von Rasse, Religion, politischer Überzeugung oder Nationalität und ohne den Anspruch, politische oder religiöse Einstellungen beeinflussen zu wollen.

Die Diakonie Katastrophenhilfe setzt die ihr anvertrauten Spenden effizient und wirkungsvoll ein und legt darüber öffentlich Rechenschaft ab. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen erkennt ihr dafür seit 1993 jährlich sein Spendensiegel zu.

Autorin: Gesine Wolfinger