Das 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war durch umfassende gesellschaftliche Veränderungen geprägt. Da übergreifende staatliche oder gesellschaftliche Strukturen noch fehlten beziehungsweise die vorhandenen auf die neu entstehenden Nöte nur bedingt reagierten, mussten notgedrungen die kleineren sozialen Gemeinschaften, etwa die Kommunen, verstärkt Verantwortung für die neuen gesellschaftlichen Aufgaben übernehmen. Zahlreiche Städte hatten sich zumeist um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert neue Armenordnungen gegeben, die jedoch angesichts der gewaltigen Veränderungen zu kurz griffen.

Etwa zur gleichen Zeit hatten sich zum Beispiel im Gefolge der Herrnhuter Brüdergemeine oder der Basler Christentumsgesellschaft auch länderübergreifend christliche Netzwerke im Rahmen der Erweckungsbewegung gebildet. Sie reagierten relativ rasch auf eines der ersten Indizien der tiefgreifenden sozialen Veränderungen: die Zunahme der Straßenkinder. Ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, war für viele christliche Initiativen ein erster Auslöser, in einer neuen Qualität und Quantität soziale Verantwortung zu übernehmen. Die nun entstehenden "Rettungshäuser", von denen das 1833 von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) gegründete Rauhe Haus das bekannteste wurde, bildeten den Anfang zahlreicher weiterer diakonisch-sozialer Einrichtungen.

Rettungshäuser mit Familienprinzip

Die Rettungsanstalt unterschied sich deutlich vom Straf- oder Zuchthaus, was bereits das Aufnahmeritual sinnenfällig macht. Als Antwort auf seine bisherige Lebensgeschichte hörte das Kind im Rauhen Haus: "Mein Kind, dir ist alles vergeben! Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier […] diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. – Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und Menschen!"  Die bisher prägenden (Über-)Lebensstrategien sollten bewusst verändert werden.

Die Kinder wurden im Alter von elf bis zwölf Jahren aufgenommen und mit Sechzehn entlassen. Auf der Basis des Familienprinzips entstand eine christliche Kolonie kleiner Häuser. Jeweils zwölf Kinder bewohnten mit einer Bezugsperson ein eigenes Häuschen und übten in dieser Kleingruppe soziales Verhalten ein. Vom durch Schule und Arbeit geprägten Alltag waren die Sonn- und Feiertage abgesetzt; Wichern ritualisierte das Leben in strukturierendem Wechsel kindgerecht. Ziel der Erziehung war die Förderung der individuellen Fähigkeiten, der Verantwortung und der Gemeinschaftsfähigkeit der Kinder. Anfang der 1870er Jahre wurde die 1.000. Neuaufnahme eines Kindes vollzogen.

Professionalisierung der Krankenpflege

Seit den 1830er Jahren vermehrten sich diese diakonischen Initiativen und erstreckten sich auf immer mehr Handlungsfelder. Zugleich entstanden damit neue Modelle christlicher Lebensentwürfe und Berufsbilder. So nahmen sich etwa Theodor Fliedner (1800-1864) und seine Frau Friederike Fliedner (1800-1842) beziehungsweise nach deren Tod seine zweite Frau Caroline Fliedner (1811-1892) der Krankenpflege an.

Die Fliedners wussten um die katastrophalen Zustände in den damaligen Hospitälern. Theodor Fliedner hatte auf seinen Reisen viele konkrete Erfahrungen gemacht: "Die armen Kranken lagen uns längst am Herzen. Wie oft hatte ich sie verlassen gesehen, leiblich schlecht versorgt, geistlich ganz vergessen, in ihren oft ungesunden Kammern dahinwelkend, wie die Blätter des Herbstes! Denn wie viele Städte, selbst von größerer Bevölkerung, waren ohne Hospitäler! Und wo Hospitäler waren – ich hatte deren auf meinen Reisen in Holland, Brabant [Belgien], England, Schottland, wie in unserm Deutschland viele gesehen –, da fand ich die Portale und Corridors freilich bisweilen von Marmor glänzend (so eins in Manchester), aber die leibliche Pflege war schlecht, die Ärzte klagten bitterlich über die Mietlinge bei Tag, die Mietlinge bei Nacht, über die Trunkenheit und andre Unsittlichkeit bei dem männlichen und weiblichen Wartpersonal". Das von den Fliedners 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf gegründete Diakonissenmutterhaus verband eine Professionalisierung der Krankenpflege mit der Möglichkeit von Berufsarbeit und Absicherung der eigenen Existenz für unverheiratete Frauen sowie dem Angebot einer geistlichen Gemeinschaft. In seiner spezifischen, im Vergleich mit anderen zur gleichen Zeit entstehenden Modellen von Diakonissenhäusern weniger emanzipatorischen Ausrichtung traf das Kaiserswerther Modell den Nerv der Zeit und avancierte binnen weniger Jahrzehnte zu einem deutschland- und europaweit oft kopierten Original. Fliedner lehnte sich mit seinem Modell an die katholischen Pflegegenossenschaften an, übernahm aber auch aufklärerische Impulse der Krankenpflege.

Organisatorischer Rahmen

Ähnlich traditionsbildend wie die Fliedners für die so genannte weibliche Diakonie wurde Wichern für die männliche Diakonie. Seinem Rettungshaus gliederte er 1843 eine Ausbildungsstätte an. Dort bildete er seine "Brüder" aus, die man später als "Diakone" bezeichnete. Wichern galt in seiner Zeit als einer der herausragendsten Sozialexperten des Protestantismus. Das fand seinen Ausdruck in seiner Stegreifrede auf dem Wittenberger Kirchentag im September 1848. Als konkretes Ergebnis kam es zur Gründung des Central-Ausschusses für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche (CA). Damit wurde den inzwischen entstandenen Initiativen ein organisatorischer Rahmen gegeben und eine offizielle Vernetzung ermöglicht; es folgten Gründungen von Landes- und Provinzialvereinen; Reiseagenten sollten dem CA über die soziale Lage in Deutschland berichten.

Zugleich erhielt die christliche Liebestätigkeit der Zeit mit dem Stichwort "Innere Mission" einen konzeptionellen Rahmen: "Wir verstehen unter der inneren Mission eine geordnete Arbeit der gläubigen Gemeinde in freien Vereinen". Diese zielte auf die Rechristianisierung des gesamten Volkes und seiner tragenden Institutionen (Familie, Staat, Kirche) und damit letztendlich auf den Aufbau des Reiches Gottes. Grundlegend für die Innere Mission als Erneuerungsbewegung war die Praxis des allgemeinen Priestertums. "Der Organismus der Werke freier, rettender Liebe ist die innere Mission."

Christliche Armenpflege

Von der Inneren Mission unterschied Wichern die Diakonie, die christliche Armenpflege. Er legte einen Entwurf zur Neugestaltung einer gegliederten Diakonie vor: Als freie Diakonie bezeichnete er das soziale Handeln in Familien und freien Vereinen. Der bürgerlich-staatlichen Diakonie wies er die Aufgaben der Armengesetzgebung, -polizei und -steuer zu. Im Vordergrund kirchlicher Diakonie sollten die Predigt an die Armen und die Hausarmenpflege stehen. Das Herzstück in Wicherns Auffassung der kirchlichen Diakonie bildete der Diakonat. Er verstand den Diakonat als selbstständiges Amt der Kirche und als notwendige Klammer der dreifachen Armenpflege: "Ohne Diakonat gibt es keine Diakonen, so viel reichste bürgerliche oder freie Diakonie sonst auch vorhanden sein mag."  Auf der Monbijou-Konferenz wurde 1856 zwar über ein entsprechendes Amt verhandelt, zur Einführung kam es jedoch nicht.

Es ließen sich noch viele weitere Personen und Initiativen nennen, so gründete Amalie Sieveking (1784-1859) einen "Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege" in Hamburg, Wilhelm Löhe (1808-1872) gestaltete ab 1854 ein Diakonissen-Mutterhaus auf lutherischer Grundlage in Neuendettelsau; Gustav Werner (1809-1887) versuchte das Reich Gottes in der Industrie zu verwirklichen und eine christliche Fabrik in Reutlingen zu entwickeln. Mit vielen anderen erreichten sie eine Professionalisierung der diakonisch-sozialen Arbeit, etwa in der Kinder- und Jugendhilfe, Krankenpflege, Behindertenhilfe oder Gefangenenfürsorge, lange bevor der Staat oder die Gesellschaft hier stärker Verantwortung übernahmen.

Diakonissen und Diakone

Über ein Jahrhundert hinweg wurde die Arbeit der Inneren Mission vor allem von Diakonissen und Diakonen geleistet, wobei es immer deutlich mehr Diakonissen als Diakone gab. So stieg die Zahl der Diakone seit 1877 von circa 650 auf 2.500 kurz nach der Jahrhundertwende, während zum Beispiel die Schwesternschaften der Diakonissen-Mutterhäuser 1898 knapp 12.000 umfassten, wovon circa 6.400 dem Kaiserswerther Verband angehörten. Hinzu kamen noch die Schwestern des Zehlendorfer Diakonievereins.

Immer stärker wurde Innere Mission zu einem Synonym für christliche Liebestätigkeit und verlor dabei die begriffliche Trennschärfe zur Diakonie. Immer mehr Handlungsfelder wurden in Angriff genommen, immer mehr Einrichtungen entstanden, bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts hinein weitgehend durch Spenden, Kollekten, Vermächtnisse und Schenkungen finanziert. Was Wichern noch in seinem Organismus-Modell zusammen denken konnte (Amt der verfassten Kirche und Charisma/Gabe in den freien Vereinen), differenzierte sich immer stärker als ein organisatorischer Pluralismus im kirchlichen Raum aus, der sich nach und nach als eine Art Zweitstruktur neben den landeskirchlich-verfassten Strukturen manifestierte und verfestigte: als Teil des so genannten Verbandsprotestantismus.

Innere Mission und entstehender deutscher Sozialstaat

Im deutschen Kaiserreich, in dem die Industrialisierung, die Deutschland erst verzögert erreicht hatte, ihren Höhepunkt erlebte, kam es für die christliche Liebestätigkeit zu einer Veränderung in der Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Der entstehende deutsche Sozialstaat gab nun immer stärker einen Rechtsrahmen vor und kam auch für die Finanzierung sozialer Arbeit auf. Ebenso veränderte sich auch das theologische Verständnis innerhalb der Inneren Mission: Den zum Teil recht charismatischen Gründern folgten die Gestalter, die nun nicht mehr so stark und unmittelbar auf das bald hereinbrechende Reich Gottes ausgerichtet waren.

Immer mehr diakonische Initiativen verwandelten sich in Einrichtungen und Institutionen, was sich auch in der zum Teil noch heute erhaltenen Bausubstanz niedergeschlagen hat. Diese Entwicklung lässt sich auch an der Schreibweise des Wortes "innere Mission" erkennen: Wichern schrieb es im Sinne eines Organismus' immer mit kleinem "i", während die Einrichtungen immer mehr dazu übergingen, sich als Institutionen der "Inneren Mission" mit großen "I" zu verstehen.

"Stadt der Barmherzigkeit"

Von besonderer Strahlkraft war die Einrichtung Friedrich von Bodelschwinghs (1831-1910). Anfänglich nur für 150 Kranke geplant, waren es 1910 schließlich circa 2.000, ebensoviel Personal kam hinzu. "Bethel, die 'Stadt der Barmherzigkeit', galt in Kreisen der Inneren Mission jahrzehntelang als christlicher Gegenentwurf zur Verstädterung in der modernen Industriegesellschaft. […] Die 'Stadt auf dem Berge' stellte beispielhaft vor Augen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die Kräfte der Inneren Mission Säkularisierung und Entsittlichung überwunden und Familie, Kirche und politisches Gemeinwesen mit dem Geist des christlichen Denkens durchdrungen hatten.

"Es kam im Kaiserreich zu einem weiteren Ausbau bzw. zu einer fortwährenden Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Arbeitsfelder. Auch auf theoretischer Ebene wurde die neue sozialpolitische Entwicklung begleitet; es seien nur zwei Beispiele genannt: Theodor Lohmann (1831-1905), Mitgestalter der Bismarckschen Sozialgesetzgebung, verfasste 1884 für den CA eine Denkschrift: "Die Aufgabe der Kirche und ihrer inneren Mission gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Kämpfen der Gegenwart", deren Tenor in der Schlussbemerkung deutlich wird: "Dass die Kirche wieder werde das Gewissen der Völker auch für ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben, das ist das höchste Ziel ihrer inneren Mission."  Die Denkschrift ging aus von der Forderung, "dass jeder Mensch in seiner Menschenwürde anerkannt werde als Ebenbild Gottes, und dass sich diese Anerkennung, wie durch alle menschlichen Beziehungen, so auch durch die zwischen Arbeitgebern und Arbeitern hindurchziehen muss, und in der Feinfühligkeit, ja Empfindlichkeit unserer Arbeiter nach dieser Seite hin, sollten wir […] auch das Gute darin erkennen."

"Der Diakoniepfarrer Friedrich Naumann (1860-1919) entwickelte vier Jahre später Vorschläge für die Zukunft der Inneren Mission und setzte sich dann in den 1890er Jahren in Frankfurt für den Wohnungsbau ein. Auch die zu dieser Zeit aufkommenden gesellschaftlichen Fragen um Stand und Status der Frau traten in den Blick. 1899 kam es zum Beispiel zur Gründung der gemeindebezogenen Evangelischen Frauenhilfe sowie des eher gesellschaftsbezogenen Deutsch-Evangelischen Frauenbundes. Die weibliche Diakonie erfuhr 1894 durch die Gründung des Evangelischen Diakonie-Vereins durch Friedrich Zimmer (1855-1919) wesentliche neue Impulse.

Autor: Volker Herrmann

Aus: Gerhard K. Schäfer/Volker Herrmann: Geschichtliche Entwicklungen der Diakonie, in: Günter Ruddat/Gerhard K. Schäfer (Hg.): Diakonisches Kompendium, Göttingen 2005, 36-67: 56-62.