Wie ich mich für Flüchtlinge engagieren kann

2. August 2017
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Viele Menschen in Deutschland engagieren sich für Flüchtlinge. Wo und wie Sie helfen können, welches Engagement zu Ihnen passt und worauf Sie achten müssen, skizziert diese Übersicht.

Eine Frau und ein Mädchen sitzen vor Unterlagen. Sie lächeln in die Kamera
© Diakonie/Kathrin Harms

Es gibt viele Möglichkeiten sich zu engagieren – wie hier bei der Hausaufgabenbetreuung

Was bedeutet freiwilliges Engagement für Geflüchtete?

Überall in Deutschland engagieren sich Menschen für Geflüchtete. Alleine in Initiativen und Strukturen von Kirche und Diakonie sind es bundesweit circa 100.000 freiwillig Engagierte. Es gibt es viele Möglichkeiten für ein persönliches Engagement. Hilfsangebot und Bedarf der Geflüchteten müssen dabei zueinander passen. Vor Ort koordinieren unterschiedlichste Akteure das Engagement und wissen, was tatsächlich benötigt wird: Willkommensinitiativen und Bündnisse, Asyl- und Migrationsfachberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände und Flüchtlingsorganisationen, Kirchengemeinden oder Sozialdienste der Stadt oder Gemeinde. Über Iokale Initiativen und Kampagnen zur Mitwirkung informieren auch die Flüchtlingsräte der Bundesländer. In Unterkünften für Geflüchtete kann nach wie vor nach Unterstützungsmöglichkeiten gefragt werden. Die Mitarbeitenden wissen, was gerade gebraucht wird. Im Kontakt mit den Asylsuchenden gilt als oberstes Gebot: Mein Gegenüber sagt mir, welche Unterstützung er oder sie benötigt. Entscheidend ist nicht, was man selbst für angebracht hält. Das kann manchmal auseinander gehen.

Die Fachberatungsstellen für Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten sind Ansprechpartner für Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten. Aufgrund des hohen Beratungsbedarfs kann es zu zeitlichen Engpässen kommen. Deswegen ist es ratsam, einen Termin zu vereinbaren.

Wichtige Fragen im Vorfeld

 

  • Welches freiwillige Engagement werden vor Ort benötigt und wer koordiniert das?
  • Wie viel Zeit kann und möchte ich aufwenden?Wie lange soll mein Engagement andauern?
  • Welche Unterstützung kann ich konkret leisten?
  • Wo liegen meine Fähigkeiten?

 

Persönliche Voraussetzungen

Ein Engagement für Geflüchtete ist anspruchsvoll. Die Menschen kommen aus Krisen- oder Kriegsregionen, haben oft eine monatelange Flucht hinter sich, sind vielleicht traumatisiert. Auch wenn bei allem Schweren Geflüchtete immer wieder mit ihrem erstaunlichen Lebensmut verblüffen, ist es wichtig, sich vorher mit folgenden Fragen zu beschäftigen:

  • Was ist meine persönliche Motivation?
  • Sind meine Erwartungen an das Engagement realistisch?
  • Im Engagement mit Asylsuchenden begegnen mir viel Not und belastende persönliche Schicksale. Kann ich nach meinem Engagement abschalten?
  • Und welche Möglichkeiten gibt es, das Erlebte zu reflektieren?
  • Mit welchen Flüchtlingssituationen und Fluchtgeschichten möchte ich mich konfrontieren?
  • Kann ich den Menschen mit ausreichend Sensibilität und Respekt begegnen? 
  • Für die Menschen ist es wichtig, so angenommen zu werden, wie sie sind. Welche Kenntnisse habe ich von der Kultur geflüchteter Menschen und der Geschichte ihres Landes?
  • Kann ich die eigene Lebensart aufzeigen, ohne die andere mit ihrer eigenen Kultur und Religion zu bewerten? 
  • Wie gut kenne ich meine eigenen Vorurteile? Bin ich z. B. bereit, mich damit auseinanderzusetzen, welche Gefühle eine verschleierte Frau bei mir auslöst oder Erziehungsmethoden, die von meinen Überzeugungen abweichen? 
  • Kann ich mich einlassen auf die oft angespannte Situation in den Unterkünften, das Zusammenleben vieler verschiedener Menschen auf engem Raum? 
  • Kenne ich meine eigenen Grenzen? Sowohl im Hinblick auf Traumatisierung als auch bei asyl- und ausländerrechtlichen Fragen: Hier an professionelle Hilfe weiterzuleiten, ist ein Zeichen von Kompetenz.

Organisation

Ich möchte mich engagieren und habe Zeit

Geflüchtete brauchen Unterstützung im Alltag. Hauptamtliche und freiwillig Engagierte unterstützen Sie dabei, das gesellschaftliche Leben in Deutschland kennenzulernen. Sie können beispielsweise Ämtergänge begleiten, Sprachunterricht organisieren oder Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen. Aber auch in der Vorbereitung auf das Asylverfahren und in der Kommunikation mit den Behörden können freiwillig Engagierte inhaltlich und sprachlich unterstützen. Dabei ist immer zu beachten, welche Fähigkeiten sie selbst mitbringen und welche Hilfen sie leisten können.

Möglichkeiten für freiwilliges Engagement:

  • Begleitung und Unterstützung im Asylverfahren bei Behörden (z.B. Dolmetschen, Behördebriefe erklären und beantworten helfen)
  • Sprachunterricht organisieren und geben
  • Kommunikationsmittel zur Verfügung stellen (Internet, W-Lan, Handyguthaben)
  • Wie funktioniert der Alltag in Deutschland (u. a. einkaufen,  öffentliche Verkehrsmittel, Mülltrennung, örtliche Gepflogenheiten, deutsche Feste und Gebräuche)
  • Freizeitgestaltung für Flüchtlinge (z. B. Ausflüge, Sport, Handarbeit, Kochen)
  • Hilfe bei der Wohnungssuche
  • Kinder- und Hausaufgabenbetreuung
  • sich für die Belange der Flüchtlinge einsetzen: Wenn in Gemeinschaftsunterkünften Missstände auffallen, diese an die Verantwortlichen melden
  • Kommunikation herstellen bei Problemen mit der Nachbarschaft 

Was noch zu beachten ist:

  • Verschwiegenheit und Datenschutz: Freiwillig Engagierte sind selbstverständlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Angelegenheiten und Informationen, die sie in Ihrem Engagement erhalten, dürfen nicht an Dritte weitergegeben werden. 
  • Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Wenn Freiwillige mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen die Richtlinien zum Anvertrautenschutz beachtet werden (Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnen und ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen).
  • Versicherungsschutz: Liegt von Seiten der Organisation oder Initiative kein Versicherungsschutz vor, ist es ratsam, einen Haftpflicht- und Versicherungsschutz abzuschließen.

Grenzen des ehrenamtlichen Engagements

Freiwillig Engagierte können an ihre Grenze geraten, zum Beispiel bei sozialrechtlichen Ansprüchen oder Fragen im Asylverfahren kommen. Da das Asylrecht komplex ist und die Rechtsmittelfristen kurz sind, muss die  Begleitung durch professionelle Stellen abgesichert sein. Grundkenntnisse im Asylrecht sind sehr ratsam. Um zu große Belastungen zu vermeiden, ist es sinnvoll, dass eigene Engagement zeitlich zu begrenzen. Wenn Geflüchtete aufgrund von Kriegserlebnissen, Flucht- und Vertreibungserfahrungen traumatisiert sind, brauchen Freiwillige Unterstützung Seitens hauptamtlicher Stellen. Damit Freiwillige ihre Aufgabe gut erfüllen können und vor Selbstüberforderung geschützt werden, begleiten sie die Kirchen und Wohlfahrtsverbände mit ihren Fachberatungsstellen und Freiwilligenagenturen.

Sachen spenden

Sachspenden werden dringend benötigt. Dabei gilt: Erst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft oder einer anderen Stelle nachfragen, was je nach Jahreszeit und Lebenssituation aktuell gebraucht wird. Nachgefragt werden beispielsweise häufig Hygieneartikel, Kinderwagen und Decken.

Mögliche Sachspenden können sein:

  • Damen-, Herren-, Kinder- bzw. Baby-Kleidung, auch neue Unterwäsche
  • Bustickets, Telefonkarten, Rücksäcke
  • Materialien zum Basteln, Malen, Schreiben und spielen
  • Neuwertige Hygieneartikel: Duschgel, Shampoo, Deos, Zahnbürsten, Damen-Hygiene Artikel, Windeln
  • Decken, Möbel, Kinderwagen

Alle Spenden müssen sauber sein. Kleidung sollte noch tragbar, Sachspenden vollständig und nutzbar sein. 

Wohnraum anbieten

Wenn geflüchtete Menschen nach Deutschland kommen, müssen sie zunächst in Gemeinschaftsunterkünften leben. Die Dauer des Aufenthalts ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Flüchtlinge sollten dann aber schnell eigenen Wohnraum beziehen, damit sie mehr Privatsphäre haben. Ob Geflüchtete umziehen dürfen, hängt von seinem Asylstatus ab. Wer einen Geflüchteten gerne aufnehmen möchte, sollte das zuerst abklären – am besten mit den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, dem Flüchtlingsrat, den Behörden oder lokalen Initiativen. 

Wer eine freie Wohnung, ein Zimmer, ein Haus oder freistehende Immobilien anbieten möchte, wendet sich an die Stadt- oder Kreisverwaltung. Hier ist meistens das Sozialamt zuständig. Das Angebot eines WG-Zimmers ist möglich, dabei ist aber wichtig, dass ein eigener Mietvertrag abgeschlossen wird. Wenn Geflüchtete noch im Asylverfahren sind oder nach der Anerkennung noch keine Arbeit gefunden haben, übernimmt das JobCenter oder das Sozialamt die Miete.

Checkliste Wohnraum für Flüchtlinge

  • Ist der Wohnraum bewohnbar?
  • Wohnung bei Kreisverwaltung oder Kommune (meistens Sozialamt) melden
  • Amt prüft, ob Wohnung geeignet ist
  • Vermieter und Amt unterschreiben Mietvertrag
  • Geflüchete werden zugeteilt
  • In einer WG: Vereinbarungen treffen   

Hintergrund und Zahlen 

Knapp 65,6  Millionen Menschen weltweit fliehen derzeit vor Kriegen, Verfolgung und Konflikten. Das ist die höchste Zahl, die jemals vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) dokumentiert wurde. 84  Prozent der Flüchtlinge fliehen in die Nachbarländer, nur 16 Prozent werden von Industrienationen aufgenommen.

In den letzten Jahren sind viele Flüchtlinge auf der Suche nach Frieden, Schutz und Sicherheit nach Europa gekommen. 2015 stellten 1.322.825 Menschen einen Asylantrag in der EU, das ist der höchste Stand seit 1992 (eurostat Mai 2015).

In Deutschland sind  111.616 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) in den ersten sechs Monaten 2017 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eingegangen. Das sind  44,74  Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2014, als  77.109 Asylanträge eingingen. Das BAMF rechnet damit, dass 2018 bis zu 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kommen werden. 

Position der Diakonie Deutschland 

In Deutschland engagieren sich nach wie vor viele Menschen ganz selbstverständlich für Geflüchtete. „Das ist ein Schatz dieser Zivilgesellschaft, den wir gar nicht hoch genug werten können!“, sagt Diakonie-Präsident Lilie.

Die Freiwilligen brauchen Informationen über kulturelle Hintergründe, aber auch über die rechtlichen Grundlagen im Asylrecht – zumal dieses sich permanent verändert. Sie müssen auch wissen, wann eine Weiterleitung an hauptamtliche Mitarbeitende erforderlich ist, beispielsweise bei Anzeichen von Traumatisierung und bei besonderen Bedarfen. Freiwillig Engagierte müssen daher insgesamt besser informiert und ausgebildet werden.

Die Diakonie Deutschland tritt deshalb dafür ein, hauptamtliche Migrationsfachdienste und dauerhafte Engagementinfrastrukturen inkl. FreiwilligenkoordinatorInnen stärker zu unterstützen, um das freiwillige Engagement bestmöglich für die Geflüchteten und die Engagierten einbringen zu können.

Text: Diakonie/Anieke Becker