Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung

13. April 2018
  • Wissen Kompakt
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  • Vertrauliche Geburt

Beratungsstellen für Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikte bieten Unterstützung vor und nach der Geburt. Zahlen und Fakten zum gesamten Aufgabenspektrum und zur Historie liefert diese Übersicht.

Was ist eine Schwangerschafts- oder Schwangerschaftskonflikt-Beratung?

Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen unterstützen Frauen und Paare vor und nach der Geburt. Aber auch unabhängig von einer bestehenden Schwangerschaft können Frauen, Männer und Paare die Beratungsstellen aufsuchen, zum Beispiel um mit einer neutralen, qualifizierten Person über Probleme in der Liebesbeziehung, unerfüllten Kinderwunsch oder Methoden der Schwangerschaftsverhütung zu sprechen. Generell gilt: Bei der Beratung müssen die Ratsuchenden ihre Namen nicht angeben. Die Beratung ist kostenfrei und steht auch Jugendlichen und gleichgeschlechtlichen Paaren zur Verfügung. Die Mitarbeitenden unterstehen der Schweigepflicht.

Organisation und Finanzierung

Aufgaben und Angebote der Schwangerschaftsberatung

Die Mitarbeitenden

  • informieren zu sozialen und wirtschaftlichen Hilfen für Schwangere, zum Mutterschutz und weiteren besonderen Rechten im Arbeitsleben für Schwangere
  • unterstützen Schwangere bei der Suche nach einer Wohnung oder einer Möglichkeit der Kinderbetreuung sowie bei der Fortsetzung einer Ausbildung
  • beantworten Fragen zu Ansprüchen auf Leistungen der Existenzsicherung wie ALG II, Sozialhilfe, Wohngeld oder Leistungen für Asylbewerber und helfen bei der Antragsstellung
  • informieren zu einmaligen Leistungen wie schwangerschaftsbedingtem Mehrbedarf und Baby-Erstausstattung sowie familienfördernden Leistungen wie Mutterschaftsleistungen, Elterngeld, ElterngeldPlus, Elternzeit, Kindergeld, Betreuungsgeld, Kinderzuschlag oder Unterhaltsvorschuss
  • informieren über die Angebote der Bundesstiftung "Mutter und Kind - Schutz des ungeborenen Lebens" und helfen, dort Anträge zu stellen. Die Stiftung unterstützt schwangere Frauen in Notlagen mit ergänzenden finanziellen Hilfen
  • beraten über rechtliche Fragen zur Namensgebung, zum Kindesunterhalt und zum Sorge- und Umgangsrecht
  • informieren werdende Eltern zu vorgeburtlichen Untersuchungen und Fragen der Schwangerschaft und Geburt sowie zu erweiterten Möglichkeiten und Risiken der Pränataldiagnostik
  • bieten Beratung nach einem sogenannten auffälligen Befund in der Pränataldiagnostik
  • informieren über Hilfsmöglichkeiten, die vor oder nach der Geburt eines gesundheitlich gefährdeten Kindes zur Verfügung stehen
  • informieren Eltern über Entwicklungsphasen des Kindes während der ersten Lebensjahre und bieten Beratung zum Umgang mit dem Säugling und zur Förderung einer sicheren Bindung des Kindes
  • vermitteln Fachwissen der Sexualaufklärung
  • bieten Gespräche zur Verständigung über sexuelle Ängste, Wünsche, körperliches Erleben oder Unsicherheit über die eigene sexuelle Orientierung
  • informieren über Verhütungsmethoden und Möglichkeiten der Kostenübernahme für Verhütungsmittel

Aufgaben und Angebote der Schwangerschaftskonfliktberatung

Die Mitarbeitenden

  • unterstützen Frauen und jugendliche Mädchen, die sich mit dem zukünftigen Muttersein überfordert fühlen und sich dadurch in einem psychosozialen Konflikt befinden. Gemeinsam mit den Jugendlichen, Frauen oder Paaren versuchen sie, einen annehmbaren Weg zu finden, geben Hinweise auf die oben genannten Unterstützungsangebote sowie Informationen zu Einrichtungen des betreuten Wohnens für junge Alleinerziehende und ihre Kinder oder Möglichkeiten der Adoption
  • informieren die Schwangere oder Paare über verschiedene Methoden eines Schwangerschaftsabbruchs und deren Finanzierung sowie rechtliche Rahmenbedingungen und zeitliche Abläufe
  • beraten schwangere Frauen und Mädchen in einer besonderen Notlage, die ihre Identität auch bei der Geburt nicht preisgeben wollen, zur vertraulichen Geburt und begleiten sie durch das Verfahren
  • zeigen Möglichkeiten auf, eine ungewollte Schwangerschaft zukünftig zu vermeiden
  • stellen nach Abschluss des Gesprächs eine Beratungsbescheinigung aus, wie es die gesetzliche Beratungsregelung nach §§ 218a und 219 Strafgesetzbuch für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch vorsieht.

Rechtliche Grundlagen

Jede Frau und jeder Mann hat gemäß dem Schwangerschaftskonfliktgesetz einen Rechtsanspruch auf Beratung bei "Fragen der Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung sowie in allen eine Schwangerschaft mittelbar oder unmittelbar berührenden Fragen". Gesetzliche Bestimmungen zur Schwangerschaftskonfliktberatung sind in den §§ 218a und 219 Strafgesetzbuch (StGB) sowie in §§ 5 bis 7 Schwangerschaftskonfliktgesetz geregelt.

Historie

  • 1933 bis 1945: Der Schwangerschaftsabbruch war verboten. Seine strafrechtliche Verfolgung ging auf das "Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich" aus dem Jahr 1871 zurück. Eine rassische Ideologie prägte die Abtreibungs- und Familienpolitik. 'Arische' Frauen erhielten materielle Hilfen und - waren sie unverheiratet - Unterstützung in Mutter-Kind-Wohnheimen. Der Zugang zu Verhütungsmitteln wurde erschwert. Jüdinnen, Frauen der Roma und Sinti sowie sogenannte ´Ostarbeiterinnen´ konnten hingegen straffrei abtreiben. Sie erlitten häufig Zwangssterilisationen und auch Zwangsabtreibungen, teils bis zum 7. Monat.
  • 1950 bis 1972 in der DDR: "Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" mit Indikationsansatz: Die Abtreibung war nur straffrei in medizinisch begründeten Fällen.
  • 1972 bis 1989 in der DDR: "Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft" mit Fristenlösung: Innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen war ein Abbruch straffrei, ohne notwendige Angabe von Gründen.
  • 1945 bis 1974 in der BRD: Die Abtreibung durch die schwangere Frau selbst oder durch eine andere Person stand unter Strafe, es drohte die Verurteilung zu einer Gefängnis- bzw. in schweren Fällen zu einer Zuchthausstrafe.
  • 1974 in der BRD: Abtreibung sollte erstmals straffrei werden, wenn sie in den ersten 12 Schwangerschaftswochen erfolgt. Dieser Entwurf einer Fristenregelung trat allerdings nicht in Kraft, da ihn das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärte.
  • 1976: Die Neufassung des § 218 StGB setzte für einen straffreien Abbruch voraus, dass einer der folgenden Gründe vorlag: Gesundheitsgefährdung der Mutter bei Fortsetzen der Schwangerschaft, Zeugung unter Gewalt oder eine schwerwiegende Notlage der Mutter bei Geburt des Kindes. Eine soziale Beratung und Bedenkzeit von 3 Tagen war ab jetzt Pflicht vor dem Schwangerschaftsabbruch bei sozialer Notlage. Auf Grund der Rechtslage verstanden Schwangere das Gespräch häufig als Zwang zur Rechtfertigung ihrer Notlage, Hilfeleistung war so kaum möglich.
  • 1992: Entwurf eines "Schwangeren- und Familienhilfegesetz" mit Fristenregelung und Beratungspflicht ohne Nachweis einer Notlage. Zentral ist bis heute die Überzeugung, dass Beratung ohne Rechtfertigungsdruck anstelle von Strafandrohung das ungeborene Leben schützen hilft. Das Bundesverfassungsgericht bekräftigte wiederum die Schutzpflicht des Staates gegenüber dem ungeborenen Leben und daher das grundsätzliche Verbot eines Schwangerschaftsabbruchs. Es erkannte aber Ausnahmen an, wenn die Austragung der Schwangerschaft für die Mutter unzumutbar ist.
  • 1995 trat das bis heute gültige Schwangerschaftskonfliktgesetz ("Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten") als Artikel 1 des "Schwangeren- und FamilienhilfeÄnderungsGesetzes" in Kraft. Die Abtreibung ist aus ethischen Bedenken grundsätzlich rechtswidrig, aber nach sozialer Beratung und innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen nicht strafbar.
  • Seit 2010 Schwangerschaftskonfliktgesetz mit neu aufgenommenem § 2a: Ärzte müssen bei Vorliegen einer pränatal erstellten Diagnose die Schwangere medizinisch und psychosozial beraten und sie über ihren Rechtsanspruch auf vertiefende psychosoziale Beratung, etwa in einer Schwangerschaftsberatungsstelle, informieren. Die Bedenkzeit von 3 Tagen zwischen Beratung und Abbruch betrifft nun auch die Fälle aus medizinischen Gründen, wenn also die Schwangerschaft zum Schutz der Schwangeren unterbrochen wird.
  • Seit 1. Mai 2014: Das "Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt" tritt in Kraft. Es ergänzt unter anderem das SchKG im "Abschnitt 6 Vertrauliche Geburt" mit den §§ 25 - 34.

Hintergrund und Zahlen

297 Beratungsstellen für Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikte gab es 2016 bundesweit in der Diakonie (Quelle: Einrichtungsstatistik der Diakonie 2016).

Bewertung der Diakonie Deutschland

Das seit 1995 gültige Schwangerschaftskonfliktgesetz stellt mit der "Beratungslösung" ein praktikables Unterstützungsverfahren dar, das sich bewährt hat. Die Schwangere und ihr Partner beziehungsweise ihre Partnerin erhalten im Konfliktfall umfassend und situationsangemessen Hilfe. Diese soll sie für ein Leben mit dem Kind ermutigen und Wege aufzeigen als auch - beim Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch- über alle Methoden, Finanzierungshilfen und Rechtsgrundlagen unterrichten. Ziel der diakonischen Beratungsstellen ist es, nicht gegen die Frau, sondern mit ihr zusammen nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Die bedingungslose Annahme von Frauen und Männern mit ihren physischen, psychischen und sozialen Konflikten ist Grundlage dieser Haltung. Die Wertschätzung und Würde jeder/s Einzelnen sowie die Schutzbedürftigkeit des ungeborenen Lebens sind als Kernstück des christlichen Glaubens handlungsweisend hierfür. Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist der Ergebnisoffenheit und dem Respekt vor der Gewissensentscheidung der betroffenen Frau verpflichtet.

Die psychosoziale Beratung (werdender) Eltern ist eine wesentliche familienpolitische Unterstützungsmaßnahme, die das Aufwachsen von Kindern frühzeitig unterstützt. Sie muss auch im ländlichen Raum wohnortnah gewährleistet sein.

Angesichts zunehmender Aufgaben im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik, Frühen Hilfen, Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch und Vertraulicher Geburt sollte der gesetzlich festgelegte Mindest-Beratungsschlüssel von einer Beratungskraft für je 40.000 Einwohner heraufgesetzt werden.

Im Sinne einer frühzeitigen interdisziplinären Familienunterstützung fordert die Diakonie, dass Einrichtungen des Gesundheitssystems, der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen und des Kinder- und Jugendhilfesystems noch enger miteinander und mit der Schwangerschaftsberatung zusammenarbeiten.

Text: Diakonie/Ulrike Pape und Sarah Spitzer

Ansprechpartnerin

© Hermann Bredehorst

Angelika Wolff

Familienberatung | Frühe Hilfen | Adoption | Pflegekinder

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