Nachhaltige Textilien in der Wohlfahrtspflege

27. Januar 2022
  • Wissen Kompakt
  • Nachhaltigkeit

Textilien sind auch in der Wohlfahrtspflege allgegenwärtig. Der Deutsche Caritasverband und die Diakonie Deutschland sind gemeinsam die zweitgrößten Großverbraucher nach der öffentlichen Hand. Vor allem in Krankenhäusern und Pflegeheimen werden große Mengen von Arbeitskleidung und Flachwäsche benötigt. In einigen Einrichtungen sind nachhaltige Textilien bereits im Einsatz, aber es gibt auch viele Einrichtungen, die noch konventionell hergestellte Textilien nutzen. Die Diakonie Deutschland setzt sich für die Verwendung nachhaltiger Textilien ein. Das Wissen Kompakt bietet Hintergründe und Zahlen zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstandards in Unternehmen.

Illustration dreier Personen die eine Weltkugel umfassen
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Nachhaltig produzierte Textilien können sich in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht weltweit positiv auswirken.

Die Relevanz von Textilien

Textilien sind allgegenwärtig. Sie schützen unseren Körper als zweite Haut und verleihen selbst kahlen Räumen Gemütlichkeit. Textilien werden außerdem in vielen Industriebereichen verwendet (z. B. im Flugzeugbau, in der Medizin und der Chemiebranche) und sind auch in der Wohlfahrtspflege nicht wegzudenken. Vor allem in stationären Einrichtungen werden große Mengen an Arbeitskleidung und Flachwäsche, wie etwa Handtücher und Bettwäsche, benötigt.

Die Wertschöpfungskette von Textilien ist unübersichtlich, die Herstellung der Fasern und deren Verarbeitung zu Textilprodukten aufwändig. Entlang der langen Lieferkette geht das Material durch viele Hände. Die Komplexität der Textilkette erschwert es Käufern und Konsumentinnen, nachzuvollziehen unter welchen Bedingungen die Textilien hergestellt wurden.

Wann gelten Textilien als nachhaltig?

Es existiert keine allgemeingültige Definition für nachhaltige Textilien. Eine gängige Auffassung ist, dass bei verschiedenen Produktionsstufen – vom Anbau über die Entkörnung, Weberei, Konfektionierung und Veredelung bis hin zum Transport und Handel – auf die Einhaltung ökologischer und sozialer Mindeststandards geachtet wird. Es geht um den Schutz von Arbeiter- und Arbeiterinnenrechten sowie Menschenrechten, wie z.B. faire und sichere Arbeitsbedingungen, den Ausschluss von Kinder- und Zwangsarbeit, die Unterbindung von Diskriminierung sowie das Recht auf Versammlungsfreiheit.

Nachhaltige Textilien zeichnen sich auch durch die schonende Verwendung von Ressourcen aus. Wasser wird effizienter als beim konventionellen Anbau eingesetzt. Durch einen geringeren oder gar keinen Chemikalieneinsatz soll erreicht werden, dass das Grundwasser und andere Gewässer im Anbaugebiet und in Produktionsregionen nicht verunreinigt werden. Das Verbot von Monokulturen und der Verzicht auf Pestizide und Entlaubungsmittel auf den Feldern bewahren Böden und Biodiversität.

Um das Klima zu schützen, wird beim Transport und in der Verarbeitung auf die Verringerung von Emissionen bzw. deren Kompensierung geachtet. Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Produktion nachhaltiger Textilien ist die Achtung des Tierwohls, wenn Fasern tierischen Ursprungs verwendet werden.

Textilien in der Wohlfahrtspflege

Gemeinsam sind der Deutsche Caritasverband und die Diakonie Deutschland die zweitgrößten Großverbraucher nach der öffentlichen Hand. Daher verfügen Caritas und Diakonie über großes Potenzial, Markt und Produktionsweisen von Textilien durch ihre Nachfrage positiv zu beeinflussen.

Gemeinsam haben Caritas und Diakonie über eine Million Mitarbeitende in rund 56.000 Einrichtungen und über eine halbe Million Betten in stationären Einrichtungen. Vor allem in Krankenhäusern und Pflegeheimen werden große Mengen von Arbeitskleidung und Flachwäsche benötigt.

In einigen Einrichtungen sind nachhaltige Textilien bereits im Einsatz, aber es gibt auch viele Einrichtungen, die noch konventionell hergestellte Flachwäsche und Arbeitskleidung nutzen. Durch eine Umstellung auf nachhaltige Produktalternativen kann Verantwortung gegenüber den Menschen wahrgenommen werden, die direkt oder indirekt von den Produktionsbedingungen der textilen Lieferketten betroffen sind. Auch leisten Diakonie und Caritas auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz.

Gemeinschaftsprojekt „Nachhaltige Textilien“

Das Projekt „Nachhaltige Textilien" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), des Deutschen Caritasverbands und der Diakonie Deutschland zielt darauf ab, den Anteil nachhaltiger Flachwäsche und Arbeitskleidung in kirchlichen Einrichtungen signifikant zu steigern.

Die Kooperation geht zurück auf eine gemeinsame Absichtserklärung, die im September 2020 unterzeichnet wurde. Um Einrichtungen von Caritas und Diakonie bei der Umstellung auf nachhaltige Textilien zu unterstützen, sind im Auftrag des BMZ „Business Scouts for Development“ in beiden Wohlfahrtsverbänden eingesetzt. Die Business Scouts stehen den caritativen und diakonischen Einrichtungen für Fragen zu nachhaltigen Textilien zur Verfügung, bieten offene Lern- und Austauschformate an und begleiten Pilotunternehmen im Beschaffungsprozess.

Organisation und Finanzierung

Die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstandards in Unternehmen benötigt personelle und finanzielle Ressourcen. Der Dachverband Diakonie Deutschland setzt sich auf politischer Ebene für eine Refinanzierung nachhaltiger Textilien ein. Zusätzlich gilt es auf Unternehmensebene zu prüfen, welche Hebel genutzt werden können, um die eventuelle Preissteigerung zu minimieren.

Es gibt verschiedene Kostenkontrolloptionen:

  1. Die Menge: Wenn sich viele zusammentun, senkt das den Preis erheblich.
  2. Design: Vereinfachungen und Verzicht, z. B. auf Logos, können Kosten einsparen, aber auch die Faserwahl etc.
  3. Vergleichen: Es ist wichtig, verschiedene Angebote einzuholen.

Auch zu diesem Thema bieten die Business Scouts Beratung an. Die Business Scouts for Development sind von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des BMZ entsandt.

Hintergrund und Zahlen

1,2 Milliarden Tonnen CO₂ werden jährlich von der Textilindustrie verursacht. Damit gilt der Textilsektor als zweitschmutzigster Industriesektor nach der Ölindustrie und verschärft dadurch die globale Klimakrise. Hier können mit relativ einfachen Mitteln deutliche Verbesserungen spürbar werden: Allein die Wahl der Fasern kann zum Klimaschutz beitragen. Naturfasern haben zum Beispiel bei der Herstellung einen geringeren Energiebedarf als Chemiefasern.

Im Produktionsprozess von Textilien werden über 20.000 verschiedene Chemikalien eingesetzt. Darunter sind auch viele gefährliche Chemikalien, die zu Wasserverschmutzung und Gesundheitsproblemen führen. Für den Chemikalieneinsatz im Fertigungsprozess sind verschiedene Standards entwickelt worden, die den Lebensraum und die Lebensgrundlage von Menschen und Tieren bewahren, sowie Arbeiter und Arbeiterinnen schützen.

Es gibt verschiedene Initiativen und Standards. Bekannte Listen, die zur Orientierung dienen, sind:

In der Bekleidungsproduktion besteht ein hohes Risiko für die Verletzung von Menschenrechten. In Entwicklungs- und Schwellenländern arbeiten die etwa 75 Millionen vornehmlich weiblichen Beschäftigten häufig unter katastrophalen Bedingungen. Durch die Zertifizierung der Fertigungsstätten können faire und sichere Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Im Textilsektor verbirgt sich enormes Potenzial, die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen erheblich voranzutreiben. Das Gemeinschaftsprojekt „Nachhaltige Textilien“ trägt zu zehn der 17 Nachhaltigkeitszielen bei.

Bewertung und Vorschläge der Diakonie

Der Gedanke der Nachhaltigkeit und damit einhergehend die Bewahrung der Schöpfung und verantwortungsvolles Wirtschaften, liegt im Selbstverständnis des christlichen Glaubens. In der Wohlfahrtspflege übersetzt sich diese Grundeinstellung in ein soziales Unternehmertun, das wirtschaftlich und gleichzeitig sozial agiert.

Als integraler Bestandteil der sozialen Marktwirtschaft hat die freie Wohlfahrtspflege die Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. Daher fördert die Diakonie soziale Gerechtigkeit nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern trägt auch zur Linderung von Notlagen in anderen Ländern bei.

Der hiesige Konsum beeinflusst Lebens- und Arbeitsbedingungen in Produktionsländern. Die nachhaltige Beschaffung kann positive Entwicklungen – in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht – in Ländern des globalen Südens anstoßen bzw. diese verstätigen.

Der Dachverband Diakonie Deutschland hat die Herausforderungen von Einrichtungen, Textilien auf nachhaltige Produktalternativen umzustellen, erkannt. 2019 wurden in einer vom BMZ beauftragten Machbarkeitsstudie, zur nachhaltigen Beschaffung von Textilien in der Diakonie, Hemmnisse und Handlungsempfehlungen systematisiert.

Aus diesem Grund bieten die Business Scouts, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des BMZ entsandt wurden, ein Unterstützungsangebot an, dass durch fachliche Beratung und Praxisbeispiele den Zeitaufwand der Einrichtungen reduziert und gleichzeitig die Mitarbeitenden im Thema fortbildet.

Die Zielrichtung der Diakonie Deutschland ist: Nachhaltigkeit als neue Normalität in allen Einrichtungen zu etablieren. Denn wie das Nachhaltigkeitsleitbild der Diakonie Deutschland pointiert: “Die christlichen Werte ‘Nächstenliebe’ und ‘Bewahrung der (Mit-) Schöpfung’ bedingen einander und fordern uns angesichts von Problemen wie Klimakrise, Pandemien, Artensterben und ‘Modern Slavery’ zum Handeln heraus.” Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Tugend, es ist eine Entwicklung, die sich kontinuierlich verstetigt.

Redaktion: Diakonie/Cathleen Heine

Ansprechpartnerin

Claudia Lorek de Araújo

Business Scout for Development (in Elternzeit)

030 65211-1008

[email protected]