Evangelische Familienerholung

11. August 2017
  • Wissen Kompakt
  • Familie und Kinder

Ob groß oder klein, Patchwork oder alleinerziehend – in den Ferienstätten der Evangelischen Familienerholung sind alle willkommen. Das Wissen kompakt liefert Fakten und Infos zu Anmeldung, Bezuschussung und Historie.

Ein Vater fährt mit seinen drei Kindern in einem Boot auf einem See.
© Diakonie/Kathrin Harms

Einfach die Seele baumeln lassen – die evangelische Familienerholung bietet Familien einen tollen Urlaub

Was bedeutet Evangelische Familienerholung?

Die Evangelische Familienerholung bietet Familien in 31 Familienferienstätten bundesweit preiswerte Urlaubsangebote mit Freizeitgestaltung. Die Unterkünfte reichen von Ferienhäusern und -wohnungen bis hin zu Zimmern mit wahlweise Voll-, Teil- oder Selbstverpflegung. Generell fußen die Angebote auf einer Kombination aus Erholung und Bildung: In Familienferienstätten können Kinder auf spielerische Weise ihr Wissen erweitern und neue Erfahrungen machen. Die Familienferienstätten verstehen sich als Gemeinde auf Zeit – Eltern erleben so über ihre Kinder oft einen ganz neuen Zugang zum Glauben. Zertifiziert sind die Ferienstätten durch verschiedene Qualitätssiegel, die etwa die Familienfreundlichkeit auszeichnen.

Was ist die Stiftung Evangelische Familienerholung?

Viele Familien können sich trotz günstiger und von der Umsatzsteuer befreiter Preise keinen Urlaub in einer Familienferienstätte leisten. Bei der Stiftung der Evangelischen Familienerholung können sie finanzielle Unterstützung beantragen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Gegründet wurde die Stiftung im Jahre 1999 von etwa 30 evangelischen Trägern, unter anderem von Landeskirchlichen Gemeinschaften, Freikirchen, dem Christlichen Verein Junger Menschen, der Berliner Stadtmission und Landeskirchen. Zuvor hatten einige Bundesländer ihre finanziellen Hilfen für die Familienerholung eingestellt oder verringert. Heute kann die Stiftung etwa 20 bis 25 Familien im Jahr unterstützen. Pro Person beträgt der Zuschuss 10 Euro für jeden Tag.

Wie ist die Evangelische Familienerholung organisiert?

Die Evangelische Familienerholung ist ein Arbeitsbereich der Diakonie Deutschland. Sie bildet eine Anlaufstelle für Interessierte und beantwortet Fragen zur Familienerholung im Allgemeinen und zum Thema Zuschüsse. Außerdem koordiniert die Evangelische Familienerholung Fachtagungen und Fortbildungen für die evangelischen Familienferienstätten.

Wer kann die Angebote der Evangelischen Familienerholung nutzen?

Alle Familien sind in den Ferienstätten willkommen. Konfession und Familienkonstellation spielen keine Rolle. Die Zielgruppen sind: Mutter-Vater-Kind(er)-Familien, allein erziehende Mütter und Väter, Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen und/oder Familienmitglieder mit Behinderung, kinderreiche Familien, Patchwork-Familien und Großeltern mit Enkeln.

Was kostet der Urlaub in einer Evangelischen Ferienstätte?

Die Gäste Evangelischer Familienferienstätten können verschiedene Zuschüsse erhalten:

  • Individualzuschüsse

    8 Bundesländer – Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen – bezuschussen die Familien mit "Individualzuschüssen zum Urlaub". Einen Individualzuschuss müssen die Familien in dem Bundesland beantragen, in dem sie wohnen. Die Höhe der öffentlichen Zuschüsse ist von Land zu Land unterschiedlich. Vor Antritt der Reise kann entweder für jedes Kind oder für jedes Familienmitglied ein Zuschuss beantragt werden. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden nur spezielle Angebote mit Bildungscharakter unterstützt. Der Zuschuss ist eine Hilfe, aber keine Vollfinanzierung des Urlaubs.

  • Familienfreundlicher Preis

    Unabhängig vom Jahreseinkommen ist unter bestimmten Kriterien finanzielle Entlastung (Erlass der Mehrwertsteuer auf den Übernachtungspreis) für Familien möglich. Dazu zählen folgende Personengruppen: Familien, die ein geringes Einkommen haben, Personen, die das 75. Lebensjahr vollendet haben, die über eine ärztliche Bestätigung für die besondere Erholungsbedürftigkeit (zum Beispiel bei einer Asthma-Erkrankung) verfügen oder eine Schwerbehinderung haben.

  • Investitionszuschüsse für die Häuser

    5 Bundesländer unterstützen die Familienferienstätten mit Investitionszuschüssen über die sogenannte Drittelfinanzierung: Sanierungs- oder Neubaumaßnahmen der Einrichtungen tragen je zu einem Drittel das Bundesfamilienministerium, das Bundesland und der jeweilige Träger der Familienferienstätte.

  • Finanzierung einer pädagogischen Fachkraft

    Thüringen und Sachsen-Anhalt finanzieren anteilig je eine pädagogische Fachkraft in jeder Einrichtung.

Wie läuft die Anmeldung ab und welche Leistungen erwarten die Teilnehmenden?

Die Anmeldung geht direkt über die Familienferienstätten oder Kontaktstellen beim Träger des Hauses. Die Mitarbeitenden dort helfen im Vorfeld bei Fragen zur Beantragung von Zuschüssen und informieren gegebenenfalls über allgemeine Angebote der Sozialberatung am Heimatort der Gäste. Neben Beratung und Begleitung, Andachten und Gottesdiensten bieten die Familienferienstätten vor allem familienfreundliche Preisgestaltung: Für Kinderbetreuung und alle weiteren Angebote fallen keine Zusatzkosten an. Fast alle Häuser haben neben der qualifizierten Kinderbetreuung auch thematische Angebote beispielsweise zu Fragen der Erziehung und des Miteinanders oder zu Herausforderungen des Familienalltags. Auch praktische Fähigkeiten im Hinblick auf Haushalt, Gesundheit und Ernährung werden vermittelt. Aktivitäten in der Natur gehören ebenso zum Programm: zum Beispiel (Watt-) Wandern, Geländespiele, Geocaching oder Sportturniere. Außerhalb der Schulferien gibt es zudem Bildungsangebote für Schulklassen und Freizeiten für Seniorengruppen.  Das spezielle Angebot "Urlaub mit Pflegebett" eröffnet eine gemeinsame Urlaubsperspektive für pflegebedürftige Menschen und deren pflegende Angehörige: In einigen Familienferienstätten übernimmt  ein örtlicher Pflegedienst die Versorgung der pflegebedürftigen Angehörigen, was über die Verhinderungspflege abgerechnet werden kann. So können sich die pflegenden Angehörigen erholen.

Historie und Ausblick

1956

Der Bund fördert den Bau von gemeinnützigen Familienferienstätten – die Hauptzielgruppe sind kinderreiche Familien

1961

Familienerholung findet Eingang in das Jugendwohlfahrtsgesetz

1955-1970

Die Bundesländer der BRD beginnen, Individualzuschüsse für die Familienerholung einzuführen

1975-1998

Der ADAC legt in Kooperation mit dem Bundesministerium für Jugend, Familie- und  Gesundheit die Broschüre "Familienferien" auf, die alle Familienferienstätten bundesweit auflistet

1982

Angesichts des demografischen Wandels werden die Zielgruppen erweitert: neben kinderreichen Familien rücken auch Ein-Eltern-Familien und weitere Familienkonstellationen in den Fokus

1986

Durch den Abbau von Individualzuschüssen der Bundesländer haben immer mehr Ferienstätten Probleme, ihre gesetzliche Auflage – Familien als Hauptzielgruppe und Deckung von zwei Dritteln der Gesamtbelegung durch besonders belastete Familien – zu erfüllen

1991

Die Angebote der Familienfreizeit und Familienerholung sind als "Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie" jetzt Teil des Leistungskatalogs der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII § 16 Abs. 2) zusammen mit Familienbildung und -beratung

1995

194 öffentlich geförderte Familienferienstätten – darunter 59 evangelische - gibt es bundesweit – das ist bisher der Höchststand an Einrichtungen

1996

Schrittweiser oder vollständiger Rückzug einiger Bundesländer aus der Förderung der Familienerholung

2002-2011

Nach Hessen (bereits 1997) steigen auch Nordrhein-Westfalen (2002), Baden-Württemberg (2005), Hamburg und Schleswig-Holstein (2011) aus der Individualförderung aus. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen fördern nur noch Bildungsangebote für finanziell benachteiligte Zielgruppen

2014

Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen fördern weiterhin Familienerholung

Hintergrund und Zahlen

2017 gibt es 92 öffentlich geförderte Familienferienstätten. Davon sind 31 in evangelischer Trägerschaft mit insgesamt 3.400 Betten und rund 450.000 Übernachtungen im Jahr (2016). Heute überwiegen unter den Gästen der Familienferienstätten Familien mit 2 bis 3 Kindern. Einige wenige Familienferienstätten, wie der Zingsthof auf dem Darß, sind noch auf Familien mit mehr als 3 Kindern spezialisiert.

Bewertung der Diakonie Deutschland

Die Familienerholung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung und Unterstützung von Familien und Kindern. Angebote mit präventivem Charakter, etwa mit Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung, haben großes Entwicklungspotential. Auf dem Gebiet ist ein Ausbau wünschenswert. Familien mit geringem Einkommen müssen zudem mehr als bisher finanziell unterstützt werden. Auch die Familienerholungsstätten selbst brauchen als Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Planungssicherheit, das heißt kontinuierliche öffentliche Förderung. Die Diakonie Deutschland hofft, dass  die Bundesländer, die sich aus der Finanzierung zurückgezogen haben, wieder zur Förderung zurückkehren oder neue Wege finden, um die Familienferienstätten projektbezogen zu unterstützen. In Nordrhein-Westfalen enthält der Koalitionsvertrag von 2017 die Verpflichtung, Familienerholung wieder zur Verfügung zu stellen. 

Text: Diakonie/Melanie Zurwonne, Dr. Karin Germer, Ulrike Pape und Sarah Spitzer