Themenschwerpunkt

Unbegleitete minder­jährige Flüchtlinge

© Diakonie

Junge Flüchtlinge werden benachteiligt

Jedes Jahr kommen tausende minderjährige Flüchtlinge unbegleitet nach Deutschland. Ihre Lage hat sich in den letzten Jahren – auch aufgrund europäischer Richtlinien – verbessert. Trotzdem sind sie benachteiligt: Zum Beispiel ist ihre medizinische Versorgung gegenüber gesetzlich Krankenversicherten schlechter. Viele leben nur geduldet in Deutschland. Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erhalten sie oft nur bis zur Volljährigkeit. Dann sind sie auf sich allein gestellt.

Gleiche Rechte für Flüchtlingskinder

Für uns hat das Kindeswohl oberste Priorität. Deswegen müssen minderjährige Flüchtlinge schnell einen sicheren Aufenthaltsstatus erhalten, um nicht in Angst vor Abschiebung zu leben. Für ihr asylrechtliches Verfahren brauchen sie einen Ergänzungspfleger, der sie gut beraten kann. Sie benötigen Unterstützung und Ruhe. Gemeinschaftsunterkünfte, die nicht den Standards der Kinder- und Jugendhilfe entsprechen, sind weder zur Inobhutnahme noch zur Unterbringung geeignet. Zudem sollten sie notwendige medizinische Leistungen erhalten.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

„Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen eine gute Unterbringung, einen kindgerechten Alltag und schnelle Integration in Schule oder Ausbildung”

Nachgefragt

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen viel Unterstützung. Wieso die Hilfe aber nach wie vor unzureichend ist, erklärt Sebastian Ludwig, Flüchtlingsexperte der Diakonie Deutschland.

Sebastian Ludwig: Allgemein gibt es zu wenig Hilfe. Die jungen Flüchtlinge haben zwar unmittelbar nach ihrer Ankunft Anspruch auf Obhut durch das Jugendamt, aber dieses Recht wird nicht überall verwirklicht. Wenn sie nach illegaler Einreise – und alle Flüchtlinge reisen illegal ein, da es keinen legalen Weg gibt – durch die Polizei aufgegriffen werden, können sie sogar abgeschoben werden.

Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge werden in Deutschland immer noch nicht als Kinder gesehen, die Schutz brauchen. Nach wie vor wird befürchtet, dass zu viele minderjährige Flüchtlinge unbegleitet nach Deutschland kommen könnten, wenn die Bedingungen entsprechend gut wären. Die Flüchtlingskinder, um die wir uns als Diakonie kümmern, beraten und begleiten wir und helfen ihnen, ihre Perspektive zu klären. Alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sollten eine solche sozialpädagogische Unterstützung bekommen, damit die Fürsorge, die andere Kinder und Jugendliche durch ihre Familien bekommen und die sie entbehren müssen, so weit wie möglich kompensiert werden kann.

Ludwig: Grundsätzlich sollte angenommen werden, dass das Alter, das Kinder und Jugendliche angeben, stimmt. Teilweise wissen sie ihr Alter aber selbst nicht so genau, da das exakte Geburtsdatum im Alltag ihrer Herkunftsländer oft auch keine große Rolle spielt. Es gibt allerdings keine wissenschaftliche Methode, um das Alter zweifelsfrei zu errechnen. Da sie im Gegensatz zu volljährigen Flüchtlingen einen höheren Anspruch auf Schutz haben – den Staat demnach mehr kosten – werden sie häufig einfach für volljährig erklärt.

Wir fordern, dass nicht das medizinische Alter, sondern der spezifische Bedarf und die persönliche Situation der jungen Menschen über die weitere Betreuung entscheiden. Der individuelle Entwicklungsstand und der jeweilige Bedarf an Schutz und Unterstützung können allerdings erst bei längerfristiger Betreuung und Beobachtung festgestellt werden.

Ludwig: Insbesondere bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sollte das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen. Zwar hat sich die Lage in Deutschland für diese jungen Menschen schon deutlich verbessert, aber dennoch gibt es bei der Versorgung weiterhin viele Mängel. Ein wichtiger Schritt wäre eine einheitliche und schnell durchzuführende Aufenthaltsregelung für alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Es gibt bereits eine Aufenthaltserlaubnis für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende. Die Rechtsgrundlage von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen könnte hier vorgelagert werden. Denn um sich gut integrieren zu können, brauchen Kinder Sicherheit – insbesondere aufenthaltsrechtliche Sicherheit.

Darüber hinaus sollten die Rechte für die Flüchtlingskinder in allen Bundesländern gleich sein und eine ausreichende Betreuung durch Jugendamt, Vormünder und Ersatzpfleger garantieren. Die jungen Flüchtlinge haben traumatische Erlebnisse wie Krieg und Verfolgung hinter sich und wissen zudem nicht, ob sie ihre Familien jemals wiedersehen werden – das größte Augenmerk muss also darauf gerichtet werden, dass sie sich in Deutschland sicher aufgehoben und geborgen fühlen.

Reportagen

Jugendprojekt

Ein neues Zuhause

Junge Flüchtlinge werden von dem Projekt ALREJU aufgenommen – so auch Ewaz Ali Rahimi aus Afghanistan. Seine Geschichte über Flucht, Heimweh und Perspektiven.

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Ansprechpartner

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Sebastian Ludwig

Flüchtlingsarbeit und Asylpolitik

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