Themenschwerpunkt

Sucht im Alter

© Diakonie/Kathrin Harms

Tabuthema Sucht im Alter

Sucht im Alter ist in Deutschland nach wie vor ein Tabuthema und findet oft hinter verschlossenen Türen statt. Auch das Ausmaß wird häufig unterschätzt. Das trägt auch dazu bei, dass Abhängigkeitserkrankungen älterer Menschen häufig unentdeckt bleiben oder erst sehr spät auffallen. Deswegen will die Diakonie die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und geeignete Unterstützung bereitstellen.

Suchthilfe und Altenhilfe vernetzen

Die große Mehrheit alter Menschen mit Suchterkrankungen ist in ärztlicher Behandlung. Die Diakonie setzt sich für eine bessere Vernetzung zwischen Gesundheitssystem, Sucht- und Altenhilfe ein, um Suchterkrankungen früh zu erkennen, anzusprechen und gezielt Hilfe anzubieten. Dazu gehört unter anderem der Ausbau offener und gemeinwesenorientierter Angebote und qualifizierte Mitarbeitende in der Sucht- und Altenhilfe sowie spezielle Konzepte, die wir gemeinsam entwickeln müssen.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

„Die Diakonie Deutschland setzt sich dafür ein, das Thema Suchtentwicklungen im Alter in die Öffentlichkeit zu rücken und wendet sich gegen die weit verbreitete Tabuisierung”

Nachgefragt

Immer mehr ältere Menschen sind abhängig von Alkohol oder Medikamenten. Warum ihre Sucht oft erst zu spät erkannt wird und was dagegen getan werden kann, erläutert Katharina Ratzke.

Katharina Ratzke: Ältere Menschen zeigen ihren Suchtkonsum in der Regel nicht so in der Öffentlichkeit wie beispielsweise Jugendliche, die sich öffentlich zum Trinken treffen und so viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Weil ältere Menschen nicht mehr berufstätig sind, fehlt auch die soziale Kontrolle, die am Arbeitsplatz durch die Kollegen ein Stück weit vorhanden ist. Zudem leben viele ältere Menschen sehr zurückgezogen, zum Teil isoliert, so dass eine Sucht dem sozialen Umfeld gar nicht auffällt.

Selbst wenn jemand erkennt, dass Verhaltensweisen merkwürdig sind, lässt sich nur schwer einordnen: Ist dies eine Begleiterscheinung des Alterungsprozesses oder eine beginnende Depression? Sind es Anzeichen einer Demenz oder eben Folgen einer Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten? Ein weiterer Grund: Viele ältere Menschen haben sehr viel Scham, sich und anderen einzugestehen, dass sie suchtkrank sind. Anfangs haben sie auch mehr Probleme, sich professionelle Hilfe zu suchen als jüngere Menschen.

Ratzke: Am wichtigsten ist aus Sicht der Diakonie, erst einmal ein Bewusstsein für dieses Problem und dessen Ausmaß zu schaffen. Denn Sucht im Alter ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema. Wie lässt sich Sucht bei älteren Menschen erkennen? Was unterscheidet eine Depression oder eine Demenz von den möglichen Folgen einer Abhängigkeitserkrankung? Es muss in Betracht gezogen werden, dass auffällig veränderte Verhaltensweisen auch eine Folge von Suchterkrankungen oder Ausdruck einer psychischen Störung sein können.

Außerdem glaubte man lange Zeit, dass ältere Menschen von professioneller Hilfe kaum profitieren, da sie in ihren Verhaltensweisen schon zu eingefahren sind. Das ist inzwischen widerlegt. Man weiß, dass ältere Menschen, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen, sehr wohl davon profitieren. So haben einzelne Studien gezeigt, dass ältere Patienten zufriedener mit der Behandlung sind und währenddessen weniger Rückfälle haben als jüngere.

Ratzke: Die Diakonie hat 2008 aus einer Projktarbeit zu dem Thema, Handlungsempfehlungen abgeleitet. Wie zum Beispiel die bessere Vernetzung von Sucht- und Altenhilfe. Das Bundesministerium für Gesundheit hat unsere Ideen aufgegriffen und Modellprojekte zur Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften in der Sucht- und Altenhilfe ausgeschrieben. Allerdings erreichen wir so vor allem Menschen, die bereits Angebote der Altenhilfe nutzen. Die große Mehrheit der Betroffenen lebt aber in ihrer eigenen Wohnung. Um auch diese Senioren zu erreichen, lädt die Diakonie zu Bewerbungen für Projekte ein. Wir fördern Kooperationen der offenen und der kirchlichen Altenarbeit mit dem Suchthilfesystem sowie Projekte, die Suchthilfe mit dem Gesundheitssystem vernetzen, also beispielsweise Fortbildungen für Hausärzte oder Rettungsstellen zum Thema Sucht im Alter. Gerade wenn ältere Menschen sehr isoliert leben, sind es häufig die Hausärzte oder Rettungsstellen in Krankenhäusern, die die Sucht noch am ehesten bemerken können.

Aktuelles

Journal

  • Sucht im Alter

    Wenn die Zeit zum Feind wird

    Die Beratungsstelle "Sucht im Alter" der Stiftung Waldmühle und des Hufelandhauses ist ein Modellprojekt zur Vernetzung von Sucht- und Altenhilfe. Projektleiter Harald Spörl ist rund um die Uhr für Betroffene und Angehörige im Einsatz.

    © Diakonie/Mascha Schacht
  • Altenhilfe

    "Ein verdecktes Problem"

    Auch im Alter haben Menschen Probleme mit Alkohol und Medikamenten. Wie kann Suchtkranken geholfen werden? 

    © Diakonie/Kathrin Harms

Ansprechpartnerin

© Hermann Bredehorst

Dr. Katharina Ratzke

Sozialpsychiatrie und Suchthilfe

030 65211-1659

[email protected]

Fachverbände

Deutscher Evangelischer Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP)

Berlin

www.devap.info

Gesamtverband für Suchthilfe (GVS)

Berlin

www.sucht.org

Evangelischer Fachverband für Frauengesundheit

Berlin

www.eva-frauengesundheit.de