Themenschwerpunkt

Pflege­versicherung

© Diakonie/Annette Schrader

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff

Die Pflegeversicherung wurde 1995 eingeführt um Menschen gegen die Folgen von Pflegebedürftigkeit abzusichern. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wird eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung vorgenommen. Unter anderem wird zum 1. Januar 2017 ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt, der neben den körperlichen gleichermaßen die kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen berücksichtigt. Anstatt der drei Pflegestufen gibt es künftig fünf Pflegegrade, zudem werden die Leistungshöhen verändert.

Endlich gleiche Begutachtung

Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs wird die seit 20 Jahren bestehende Ungleichbehandlung von körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen aufgehoben. Wir begrüßen die Umstellung auf Pflegegrade, die eine differenziertere Einschätzung des benötigten Pflegeaufwandes ermöglicht. Damit wird auch die minutengenaue Berechnung des Pflegebedarfs abgeschafft. Allerdings stellt die Umstellung auf Pflegegrade eine große Herausforderung für die Pflegeeinrichtungen dar.

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland

„Wir begrüßen den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Allerdings hat das Gesetz zu viele Lücken für Menschen, die Sozialhilfeleistungen beziehen”

Nachgefragt

Mit den Pflegestärkungsgesetzen I, II und III wird eine Reform der Pflegeversicherung vorgenommen, Diese tritt größtenteils Anfang 2017 in Kraft. Diakonie-Pflegeexpertin Erika Stempfle erklärt die wichtigsten Änderungen.

Erika Stempfle: Der bis Ende 2016 gültige Pflegebedürftigkeitsbegriff ist vor allem auf körperliche Einschränkungen bezogen. Gerontopsychiatrische, psychische und kognitive Beeinträchtigungen werden nur eingeschränkt berücksichtigt. Die Hilfen für Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen werden nicht ausreichend berücksichtigt. Das ändert sich mit der Reform grundlegend.

Ab 2017 wird das Begutachtungsverfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit geändert: Maßstab ist künftig der Grad der Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen. In Zukunft wird es fünf Pflegegrade geben, die eine differenziertere Einschätzung des benötigten Pflegeaufwandes ermöglichen. Bei der Begutachtung kommt es dann nicht mehr darauf an festzustellen, wie viele Minuten Hilfebedarf ein Mensch beim Waschen und Anziehen oder bei der Nahrungsaufnahme hat. Im Mittelpunkt der Begutachtung stehen die Fragen, wie selbstständig der Mensch bei der Bewältigung seines Alltags ist: Was kann er? Wobei benötigt er Unterstützung?

Stempfle: Alle Personen, die bereits Leistungen der Pflegeversicherung beziehen, werden durch ihre Pflegekasse automatisch von ihrer Pflegestufe in den jeweiligen Pflegegrad übergeleitet. Generell gilt die Regel:

  • Versicherte mit körperlichen Einschränkungen werden in den nächsthöheren Pflegegrad übergeleitet: Also von Pflegestufe I in Pflegegrad 2, von Pflegestufe II in Pflegegrad 3 und von Pflegestufe III in Pflegegrad 4.

  • Menschen, bei denen eine Beeinträchtigung der Alltagskompetenz festgestellt wurde (PEA), werden von ihrer Pflegestufe in den übernächsten Pflegegrad übergeleitet: von Pflegestufe 0 in Pflegegrad 2, von Pflegestufe I in Pflegegrad 3, von Pflegestufe II in Pflegegrad 4 und von Pflegestufe III in Pflegegrad 5.

Stempfle: Zusammen mit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs werden die Leistungen der Pflegeversicherung in der vollstationären Pflege neu gestaltet. Die Zuschüsse werden in den niedrigen Pflegegraden teilweise abgesenkt. Menschen mit einem niedrigen Pflegegrad, die nächstes Jahr in ein Pflegeheim einziehen wollen, müssen teilweise höhere Eigenanteile zahlen.

Des Weiteren wird die Vergütungssystematik in der vollstationären Pflege verändert. Gerade gibt es für jede Pflegestufe einen Pflegesatz. Neben dem Anteil, den die Pflegekasse übernimmt, müssen die Betroffenen auch einen Eigenanteil bezahlen, der sich in den einzelnen Pflegestufen unterscheidet. 2017 wird es unabhängig vom Pflegegrad für die pflegebedingte Aufwendungen einen einheitlichen Eigenanteil geben. Diese Regelung kam überraschend ins Gesetz, sie wurde im Gegensatz zum neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff nicht erprobt, wir sehen hier Umstellungsrisiken.

Der vorliegende Gesetzentwurf hat eine Vielzahl an Lücken für die Menschen, die ergänzend zu den Leistungen der Pflegeversicherung Sozialhilfeleistungen beziehen müssen, weil das eigene Einkommen nicht ausreicht oder die Menschen keine Pflegeversicherung haben.

Journal

  • Interview

    Markthalle und Demenz-WG

    Das klassische Pflegeheim ist von gestern. Karin Stiebler von der Evangelischen Heimstiftung in Baden Württemberg erklärt, wie man heute baut.

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  • Pflege

    CARE-Paket für Angehörige

    Mit Information und Entlastung unterstützen Pflegebotschafter des Diakonischen Werkes Eschwege/Witzenhausen pflegende Angehörige.

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Ansprechpartnerin

© Diakonie/Stephan Röger

Erika Stempfle

Ambulante gesundheits- und sozialpflegerische Dienste, ambulante Altenhilfe

030 65211-1672

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