"Zahnersatz kann ich mir nicht leisten"

13. Januar 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Sandra hat nach einer Firmenpleite ihre Arbeit verloren und bezieht Hartz IV. Mit ihren 55 Jahren sieht sie keine Chance, da wieder herauszukommen. Für wichtige medizinische Behandlungen hat sie kaum Geld, für einen Kinobesuch erst recht nicht. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Sandras Geschichte zum Nachlesen

Ich bin die Sandra. Ich komme seit fünf Jahren hierher, da ich mit 55 durch eine Firmenpleite meine gut bezahlte Arbeit verloren habe und seitdem trotz guter Qualifikation nicht wieder zu einer Arbeit kommen konnte.

Ich war vor fünf Jahren zuletzt im Kino. Ich war vor fünf Jahren zuletzt weiter als vier Busstationen von meiner Wohnung entfernt, weil alles andere ist nicht mehr drin. Wenn dann Krankheit oder irgendsoetwas noch zuschlägt, dann ist der Ofen eh ganz aus. Abgesehen von einer sowieso  Dreiklassenmedizin, wo die untersten gar nicht mehr berücksichtigt werden, wenn die Zähne ausfallen und solcherlei Dinge.

Es schmerzt mich am meisten, dass man, ich in meinem Alter keine Chance mehr sehe, jemals da wieder raus zu kommen. Dass ich das wenige bisschen für immer mehr Medikamente, Schmerzmittel, was weiß ich, irgendwelche Krücken aufbringen muss und immer weniger teilhaben kann an allem.

Für mich gibt es keinen Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit. Ich habe viele Interessen. Durch das Lesen von Büchern kann ich mich sehr gut beschäftigen und tu das auch, also das ist aber ne persönliche Sache, ganz für mich alleine. Ich bin kein Mensch, der sich gerne mit anderen zusammenschließt. Aber natürlich würde ich auch gerne auch mal was Anderes machen. Ich würde gerne auch mal zum Friseur gehen und vielleicht auch ein bisschen mehr machen lassen als nur die unteren drei Zentimeter wieder abzuschnippeln für ‘n Zehner, sondern vielleicht auch mal ne Frisur zu haben.

Was soll die Politik für mich tun? Sie soll für die älteren Menschen, die älter werdenden Menschen eine bessere medizinische Versorgung sorgen. Es ist entwürdigend, dass ich im Obergebiss mit nur noch vier Zähnen rumlaufen kann. Da muss was Besseres her.

Aber das große Anliegen ist die Zukunft der Kinder. Ich bin außer meiner Situation auch noch alleinerziehend, und wenn einer mit 60 in diese Hartz IV Geschichte reingerät, dann ist das sicherlich eine Sache, wenn man schon viel im Leben erlebt hat, was Positives, auch Erfolg und so weiter, aber wenn einer bereits mit 23 aufgrund der Elternsituation da drinne sitzt und nicht sieht, dass er da jemals raukommen kann oder wie er das tun soll, dann ist da halt ganz schlecht, dann sind das verpfuschte Leben.

Interview: Diakonie/Barbara Maria Vahl
Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt