"Wir sind in einer gefährlichen Branche"

4. Mai 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Corona
  • Gesundheit und Pflege

Parthena Arvanitopoulou ist Wohnbereichsleiterin im Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart. Dem Corona Virus ist sie weit mehr ausgesetzt, als Menschen, die zu Hause arbeiten. Viele Bewohner leiden unter den Schutzmaßnahmen und verstehen sie nicht. Das alles erschwert die Arbeit. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Parthena Arvanitopoulous Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Parthena Arvanitopoulou, bin 25 Jahre alt und arbeite als Wohnbereichsleiterin im Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart. In dieser Corona Krise müssen wir den Bewohnern viel Zuwendung schenken. Auch den Mitarbeitern. Es besteht immer Redebedarf.

Die größte Herausforderung ist, die Schutzmaßnahmen einzuhalten. Ich arbeite ja auch im Demenzbereich. Die Bewohner erkennen uns oft nicht mit Masken. Da kommt dann: Wer sind Sie? Von Ihnen lasse ich mich jetzt nicht versorgen.

Normalerweise umarmt man die Bewohner. Die wollen das auch. Die weinen mal und suchen Nähe. Da ist diese enge Beziehung wichtig, aber sehr schwierig. Dann muss man die Maske kurz runtermachen und von weiter weg sprechen, damit sie unseren Mund sehen und uns verstehen.

Manche verstehen die Situation auch, sind aber dennoch verwirrt, weil ja auch die Angehörigen nicht kommen können. Und das fehlt wirklich.

Das finde ich sehr traurig. Man möchte den Bewohnern ja auch was Gutes tun. Das ist schwierig - auch für mich.

Überrascht hat mich, dass die Mitarbeiter alle an einem Strang ziehen. Oft gibt es ja unterschiedliche Meinungen in Teams, aber jetzt halten alle zusammen.

Wir sind schon in einer gefährlichen Branche. Wir sind mehr dem Virus ausgesetzt als Menschen, die zu Hause bleiben können. Ich fühl mich schon sehr als Alltagsheld. Vor Corona hatte unser Beruf ja nicht so ein tolles Bild in der Gesellschaft

Zum Teil hat die Wertschätzung zugenommen, auch in den sozialen Medien. Oder man liest ‘Danke ihr Pflegekräfte‘. Es wird auch oft gefragt: Wie geht es dir? Kriegt ihr das denn hin? Wir würden gerne helfen. Das höre ich öfter. Ich fühl mich da schon in einer guten Position.

Von der Politik wünsche ich mir eine gerechte Bezahlung. Das ist ja schon lange ein Thema. Das ist ja ein Beruf mit Arbeit an Wochenende und Feiertagen. Ich wünsche mir noch mehr Anerkennung in der Gesellschaft. Wir brauchen auch mehr Pflegekräfte. In einigen Jahren wird es vermutlich mehr ältere Menschen geben als jüngere. Der Beruf wird gebraucht.

Sprecherin: Malin Hübner
Interview und Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt