"Wir Paketzusteller sind ganz unten"

10. Dezember 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Dass ein Paket pünktlich zugestellt wird, erwarten wir alle – mit einer Selbstverständlichkeit, die den Paketlieferanten Daniel*, auf die Palme bringt.  Egal welche Etage oder wie groß die Pakete - kaum jemand gibt Trinkgeld.  Hören Sie seine Geschichte! (*Name von Redaktion geändert)

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Daniels* Geschichte zum Nachlesen

Wir als Paketzusteller quasi sind so wie es manchmal rüberkommt echt das letzte Licht, das ganz letzte, ganz unten. Jeder trampelt auf uns rum, die Vorarbeiter, klar, die müssen, die Chefs und dann die ganzen Kunden, die der Meinung sind, sie sind was Besseres wie wir. Also mich nervt, dass Kunden uns als selbstverständlich ansehen, dass 90 Prozent der Kunden, die wir haben, gar keine große Dankbarkeit zeigen, wobei ein Pizzabote immer irgendetwas kriegt. Das ist ein bisschen undankbar in dem Job. Aber wir haben uns den alle ausgesucht, müssen wir durch.

Mein Arbeitstag beginnt früh um sechs, ich stehe um halb vier auf, fahre um fünf los. Und dann geht es darum, dass wir 10 Uhr 30 Pakete pünktlich zustellen und 12 Uhr Pakete pünktlich zustellen. Das dürfen wir nicht versauen, was allerdings manchmal passiert. Je nachdem wie viel wir im Auto haben, desto länger brauchen wir und desto früher oder später ist unser Feierabend. Wenn allerdings - gerade zu Weihnachten gibt es allerdings auch Tage, wo wir so viele Kunden haben, dass wir auch zwölf Stunden arbeiten. Wenn wir so lange brauchen, brauchen wir so lange. Dann ist das so.

In der Regel war das schon so, dass wir Überstunden bezahlt bekommen haben. Das wurde jetzt aber aufgrund eines Festgehaltes jeden Monat abgeschafft. Wir haben jetzt quasi, wenn wir langsam arbeiten, für die Tätigkeit weniger Geld raus. Ich persönlich bin, was Arbeit betrifft, nicht so gemütlich. Ich mache mir selber richtig Druck, damit ich aber auch sehr viel Nachmittag für mich allein habe, also für mich zu Hause und Familie und so was alles, damit ich die tagsüber sehe.

Es ist wie jeder Job, es macht schon Spaß, ja. Es gibt natürlich auch so Kunden und Kundinnen, Geschäfte und privat, die dann total würg sind, sag ich jetzt mal, und die sich herausnehmen zu denken, dass wir den ihre Bringhanseln sind und alles zu tun haben, was sie wollen und so was. Ansonsten macht es schon Laune, ich bin für mich alleine, mir geht keiner auf den Sack hier draußen, kein Chef, kein Vorarbeiter, kein gar nichts. Wenn das Auto leer ist, ist es leer. Da kommt keine zusätzliche Arbeit oder sonst irgendetwas. Und dann ist das schick.

*Name von der Redaktion geändert

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape