"Wir müssen die Einsamkeit aus der Tabuzone holen"

29. September 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!

Dagmar Hirche engagiert sich als Gründerin des Vereins Wege aus der Einsamkeit e.V. für ein lebenswertes Altern und selbstbestimmtes Altsein. Mit Erklärvideos, digitalen Schulungsangeboten und Partys per Zoom-Meetings erreicht sie in der Corona-Krise immer mehr Senioren. Hören Sie ihre Geschichte. 

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Dagmar Hirches Geschichte zum Nachlesen

Es ist wahnsinnig schwer, wenn man in einer Einsamkeit ist, diesen Schritt aus der Einsamkeit zu machen.

Mein Name ist Dagmar Hirche, ich bin 63 Jahre alt, Gründerin und Vorsitzende vom Verein Wege aus der Einsamkeit e.V.

Ich bin jemand, der die Möglichkeiten sieht und sie nutzt. Und dann auch oft sagt, ok, wenn ich heute einsam bin, dann habe ich heute auch selber Schuld, weil ich eigentlich auf meinem Sofa sitze und nichts mache. Und dann bin ich auch gewollt einsam an dem Tag, dann langweile ich mich auch gewollt und dann zappe ich auch mal 24 Stunden durch die Fernsehprogramme und dann ist das auch in Ordnung.

Das müssen wir immer sehen, dass es auch Menschen gibt, die sich genug sind. Die wollen keine anderen Menschen haben, wo auch andere immer denken, die sind total einsam. Und es gibt Menschen, die sich einsam fühlen und für die es extrem schwer ist, aus der Einsamkeit zu kommen. Das kann auch schon bei Kindern, bei Jugendlichen sein. Die Herausforderungen im Alter sehen wir als Verein darin, dass hier noch weitere Aspekte dazu kommen. Wir müssen in Deutschland kreative Ideen haben, wir brauchen noch die traditionellen Angebote, weil es noch sehr viele ältere Menschen gibt, die auch noch sehr traditionell sich was vorstellen. Aber die neuen Alten, die sind auch sehr modern und die gehen nicht mehr in alt eingerichtete Organisationen. Man muss aber auch Raum geben für Begegnungen von Generationen. Und das kann auch manchmal sehr ausgeflippt sein. Warum kann ein alter Mensch nicht nach Wacken gehen gemeinsam mit jungen Leuten? Ich glaube, je niedriger wir Hürden bauen, um sich zu treffen, um so eher ist eine Begegnung möglich, um so eher kann die Gesellschaft was gegen Einsamkeit tun.

Und Corona hat uns in voller Fahrt erwischt. Jetzt haben wir plötzlich noch viel mehr alte Menschen einsam zu Hause, die nämlich in Sportvereinen, in Chören, in Theatergruppen. Die haben ja nicht mal gelernt, einsam zu Hause zu sein. Denen ist alles weggebrochen. Und dann habe ich gedacht, ich schaffe jetzt einen Raum im Internet 24 Stunden täglich, wo sich alte Menschen treffen können. Die aber keine Ahnung haben, wie das geht. Ich war ja auch im Home-Office, hab meinen Mann zum Kameramann gemacht und hab gesagt, pass auf, du fotografierst mich jetzt mal, wie ich Zoom auf das Smartphone, Apple, Android, Tablet bekomme, wie ich das auf den Computer bekomme. Und dann machen wir auch noch Erklärvideos, wie man Zoom benutzt. Und jeden Tag war ich mit 30 bis 50 Personen online. Das war so eine Erfahrung, was das so für die alten Leute bedeutet hat, dass sie plötzlich doch Menschen gesehen haben.  Dass dann einer sagt, wo ist eigentlich Renate B. abgeblieben, die ist jetzt gar nicht mehr hier. Da wird sich gekümmert. Und das macht einfach Spaß. Was wir als Feedback bekommen haben, gerade in den ersten Wochen von den Senioren, die gesagt haben: Dagmar, wenn du das nicht gemacht hättest, ich wäre hier an Einsamkeit und Depressionen eingegangen.

Text und Audio: Diakonie/Claudine da Rocha