Wir leben in einer Postdemokratie!

29. März 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit
  • Engagement und Hilfe

Dr. Werner Peters wirbt für eine Reform des Wahlsystems. Er möchte die Gruppe der Nichtwähler im Parlament repräsentieren, sie an politischen Entscheidungen mitwirken lassen. Denn viele Wahlverweigerer sind zwar politisch engagiert, aber sie wenden sich zunehmend vom etablierten Parteisystem ab. Hören Sie seine Geschichte!

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Werner Peters Geschichte zum Nachlesen

Wir sind auf dem Wege in die Postdemokratie ganz eindeutig, wir sind längst da.

Ich bin Werner Peters, bin jetzt 77 Jahre alt und hab mich mit Politik eigentlich seit meiner Studentenzeit aktiv beschäftigt. Und vor etwa zwanzig Jahren hat es dann dazu geführt, dass ich auch eine eigene Partei gegründet habe. Weil ich der Meinung war und es auch bis heute bin, dass den Leuten die nicht zur Wahl gehen Gehör verschafft werden sollte und Repräsentation. Wir haben dann die Partei der Nichtwähler gegründet und sind sogar zu Wahlen angetreten, allerdings ohne einen direkten Erfolg im Sinne eines Mandats, dazu haben die Stimmen nicht gereicht.

Es geht um die Art und Weise, wie Politik gemacht wird und daran hapert, und daran krankt unser System und daran krankt die Politik. Und das wollen wir ändern. Und dann irgendwann hab ich gesagt, so jetzt ist Schluss. Und zwar nicht, weil ich einerseits natürlich auch keine Energie mehr dafür habe, aber weil ich auch jetzt ganz klar eingesehen habe, der Weg zur Veränderung der Politik über die Parteien ist nicht möglich.

Zur Auffrischung der Demokratie sollten im Parlament auch Menschen vertreten sein, die nicht den Parteien angehören. Die sich vorher bereitgefunden haben, diesen Job zu übernehmen, für eine Periode. Die sitzen dann mit im Bundestag und entscheiden mit. Und die sind nicht gebunden an Lobbyinteressen, was die Fraktionsführung sagt, die sind nicht gebunden, wenn die Partei den Kanzler stellt, dass der also ungeschoren mit seinem Programm durchkommt und ich denke mal, dass da ganz vernünftige Politik dabei herauskommen kann.

Der große Philosoph Aristoteles hat gesagt, "Wahlen sind eigentlich aristokratisch, das einzig demokratische Element ist das Losverfahren." Das wurde ja auch in Athen, in der Wiege der Demokratie wurde es auch praktiziert. Und Aristoteles hat auch einen Grund dafür gegeben und zwar der, dass der Regierte auch immer mal Regierender sein muss oder soll. Und das ist ein fantastischer Gedanke.

Mit welcher Häme inzwischen vonseiten der Politik das beurteilt wird, dass ein meiner Meinung nach absolut blödsinniges Urteil, dass also Attac nicht, also nicht mehr als gemeinnützig anerkannt wird! Ja, hallo!! Die bemühen sich also darum, die Politik zu verändern und in die Politik einzuwirken. Und die Parteien? Die werden gepampert, die kriegen also ihr Geld nachgeschmissen für genau dasselbe! Das ist doch lachhaft! Und dann wird also denen, die sowas außerhalb der Partei machen, wird es also untersagt. Was ist denn eine Partei anderes als angeblich gemeinnützig? Also, das ist ganz schlimm.

Ob der Weg, den ich jetzt so mal visionär im Auge habe, nämlich über eine völlige Veränderung des Wahlsystems, ob der je realisiert werden kann, das weiß ich nicht. Aber ich will es nicht ausschließen.

Text und Audio: Diakonie/Claudine da Rocha-Fahlbusch