"Wir haben eine Meinungsdiktatur"

15. März 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit
  • Engagement und Hilfe

Hans Müller (80) ist politisch interessiert und SPD-Mitglied. Warum der pensionierte Ingenieur aus der ehemaligen DDR trotzdem nicht mehr wählen geht, hören Sie in seiner Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Hans Müllers Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Hans Müller. Ich bin 1939 geboren in Westpreussen. Durch die Kriegsereignisse dann Richtung Westen gewandert, bis Magdeburg gekommen. Da haben die Russen dann die Grenze dichtgemacht, da ging es nicht mehr weiter.

Ich wähle jetzt gar nicht mehr. Ich bin SPD-Mitglied, aber ich wähle nirgends mehr. Ich halte es für sinnlos. Das hat mich schon beeindruckt, als ich in Frankfurt ankam: An den S-Bahn-Brücken über dem Bahngelände da waren Transparente mit der Aufschrift "Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten". Darüber habe ich mich damals als frischer Übersiedler sehr aufgeregt. Ich habe gesagt: "Wie können die Leute so etwas schreiben, die sollten doch froh sein, dass sie wählen können." Heute würde ich auch so ein Plakat raushängen.

In die SPD bin ich eingetreten, um zu verhindern, dass die SPD diese große Koalition eingeht. Die Mitglieder sollten dagegen stimmen. Das war für mich ein Grund, dort einzutreten. Ich habe auch gegen die große Koalition gestimmt, natürlich erfolglos. Ich bin im Moment noch drin.

Die Entwicklung, die ich hier in den letzten Jahren erlebt habe, macht mich sehr tief betroffen, denn ich stelle fest, dass die Bundesrepublik von dem, was wir einstmals in der DDR so erstrebenswert angesehen haben, immer mehr entfernt. Wir haben hier inzwischen eine Art Meinungsdiktatur. Wir kommen hier in ähnliche Verhältnisse. Menschen, die anders sich äußern als das von der Mainstream-Presse und vom Fernsehen vorgegeben wird, werden diffamiert, haben ebenfalls berufliche Schwierigkeiten, werden ausgegrenzt. Das hat mit Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun. Ich sehe die Zukunft nicht positiv.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape