Wer Verantwortung übernimmt, darf auch Fehler machen

6. September 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit
  • Engagement und Hilfe

Christiane Dürr ist erste Bürgermeisterin in Waiblingen. Sie liebt dieses Amt, weil sie damit nach ihren Wünschen gestalten und für die Belange der Bürgerinnen und Bürger kämpfen kann. Die Arbeitszeit liegt häufig über 60 Stunden. Klar, dass man dabei Fehler macht. Kein Problem, findet die 57-Jährige, wenn man sie nur zugibt. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Christiane Dürrs Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Christiane Dürr, ich bin 57 Jahre alt, komme aus Stuttgart und bin erste Bürgermeisterin der Stadt Waiblingen. Zu meinen Aufgaben gehört insbesondere der ganze Bereich Bildung, Ordnungswesen, Personal, Organisation und auch das ganze Thema Flüchtlinge. Ich wollte unbedingt in der Praxis so'n Amt haben zum Gestalten, zum Bewegen, um mich dafür einzusetzen, was ich wichtig finde. Mir ist wirklich ganz besonders wichtig, dass wirklich jedes Kind gut aufwächst, dass es gute Chancen hat, dass es einen guten Zugang zu Bildung hat, und das ist ja in dem ganzen Kontext nachlassende Erziehungskraft der Familien jetzt egal, ob deutsch oder nicht deutsch, Fluchthintergrund oder nicht, ein Thema in dieser Zeit.

Meine Arbeitszeit beträgt üblicherweise mindestens 60, manchmal, je nach Jahreszeit 70 und auch 80 Stunden, wobei es so ist, das natürlich nicht nur Arbeitszeit am Schreibtisch darunter zu verstehen ist, sondern ganz viele Termine, auch repräsentative Termine. Und natürlich ist das viel Zeit. Man muss aber auch dazu sagen, dass es ja auch schöne Zeit ist, da gibt es einfach auch schöne Termine.

Mir macht Spaß, Verantwortung zu übernehmen, weil ich tatsächlich damit gestalten kann und weil ich für meine Vorstellungen, Lösungsansätze werben, manchmal auch kämpfen darf, und wenn das ne Mehrheit kriegt, dann freu ich mich, weil das ja ganz konkrete Auswirkungen hat. Und die sind ja so konzipiert, dass die Bürger viel davon haben. Und es gibt nichts schöneres, als die Lebenssituation von Menschen so zu gestalten, dass sie's gut haben.

Ich würde mir wünschen und seh ein bisschen mit Sorge, so die jüngere Generation die, dass sie gar nicht mehr lernen, Verantwortung zu übernehmen und dass sie, um es mal drastisch zu sagen, dann auch gar keinen Bock haben, Verantwortung zu übernehmen. Und da mache ich mir schon ein bisschen Sorgen, wie wird das künftig, dass wir noch genügend Menschen haben, die gerne Verantwortung übernehmen und sagen jawohl.

Und Verantwortung übernehmen heißt ja auch mal, einen Fehler machen, ne, aber da stürzt die Welt nicht ein. Wir sind Menschen. Und da muss man einfach auch Verantwortung für den Fehler übernehmen und sagen, ja, ist mir passiert, wollte ich nicht, hab ich falsch eingeschätzt, wie auch immer, und dann muss man dafür sorgen, dass man den Fehler wieder ausbügelt und wieder gut macht, und das geht.

Das Schlimmste ist, einen Fehler nicht zuzugeben, finde ich. Und wie gesagt, ich find's auch richtig, als Politiker mal ne Meinung zu ändern. Da fällt einem kein Zacken aus der Krone, im Gegenteil. Man kann im Laufe eines Lebens, an Erfahrung wird man sowieso reicher, und man kann ne Einschätzung ändern, und dann kann man auch sagen, ja, bisher habe ich es so gesehen, mittlerweile mein ich aber, dass es so und so ist.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt