Uwe Tobias (58): "Jeder soll wissen, wie es ist, auf der Strasse zu leben"

26. Januar 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Uwe Tobias war siebeneinhalb Jahre obdachlos. Heute macht er für den Verein Querstadtein Stadtführungen und zeigt anderen Menschen, wie Obdachlose leben. Hören Sie seine Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Uwe Tobias Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Uwe. Ich bin 58 Jahre alt und war siebeneinhalb Jahre obdachlos in der Zeit von 1991 bis 98.

Es gibt einen Verein, der nennt sich Querstadtein – Berlin aus anderer Sicht. Ich zeige da den Leuten wo ich geschlafen habe. Es kann jeder heutzutage auf die Straße kommen, weil wir dieses Mieterwachstum haben, weil die Mieten steigen und steigen. Die rekonstruieren die Häuser so um und das dreifache an Geld, dass das kaum noch einer bezahlen kann. Das sieht man ja auch bei den Rentnern. Die müssen in der Suppenküche essen gehen, weil sie sonst nicht zu essen zu Hause haben.

Ich habe mich für Politik noch nie interessiert. Die brauchen nicht zum Amt gehen und betteln. Und die kriegen ihre Diäten noch erhöht. Warum kriegen die Diäten? Ich als Diabetiker kriege nicht mal vom Amt Geld. Durch die Touren, die ich habe, kürzen die mir schon. Ich verdiene daran nicht viel. Aber ich mache das auch nicht wegen des Geldes. Ich mach das, weil jeder wissen soll, wie es ist, auf der Straße zu leben.

Wer hoch hinaus will, fällt ganz schnell tief. Und das ist bei mir nicht der Fall. Ich will nicht hoch hinaus. Ich bleibe so wie ich bin, und so ist es auch gut so.

Was ich eine ganz große Klasse finde, ist, was jedes Jahr der Frank Zander macht: 3000 Leute bewirten. Also da muss sich mal so’n Politonkel was einfallen lassen.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt