"Stellt euch vor, ihr würdet jetzt aus Deutschland vertrieben"!

15. November 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration

Duc Long Dang (19) wurde in Greifswald geboren und arbeitet in der Gastronomie. Seine Eltern kommen aus Vietnam. Er ärgert sich, wenn Rechtsradikale fremdenfeindliche Parolen äußern und ihm sagen, er sei ja nicht gemeint. Hören Sie seine Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Duc Long Dangs Geschichte zum Nachlesen

Also mein Name ist Duc Long Dang. Ich stamme aus Zinnowitz, also von der Insel Usedom und wurde in Greifswald geboren. Ich bin 19 Jahre alt. Meine Eltern stammen ursprünglich aus Vietnam. Meine Eltern haben ein Restaurant in Zinnowitz. Sie sind eigenständig geworden und wir führen ein asiatisches Buffet sozusagen, aber mit à la carte. Beruflich mache ich zur Zeit eine Ausbildung als Restaurantfachmann, weil es eigentlich auch mein Traum ist seit klein auf, weil ich in das Familiengeschäft eintreten möchte.

So, ich bin auch zweisprachig aufgewachsen, ja klar. Ich kenn das ja auch mit deutschen Gerichten mit Schnitzel oder 'ne Bockwurst zu essen, aber mir fehlen halt einfach, wenn ich ne Zeitlang das übermäßig esse, muss ich sagen, mir fehlt einfach dieses Kulinarische von der Heimat. Das erinnert mich an zu Hause.

Was meine Persönlichkeit wirklich betrifft: wäre ich jetzt nur deutsch, wäre ich nicht ich, wäre ich nur Vietnam, das wär auch nicht ich. Ich bin beides.

Also auf unserer Insel, also meiner jetzigen Heimat, wo ich jetzt wohne, hat es in den letzten Jahren viel zu sag ich mal rechtsradikalen Übergriffen geführt. Am Bahnhof sieht man teilweise Aufkleber,  wo steht, dass ein Nazi im Vordergrund ist, ein Strichmännchen mit nem Hakenkreuz. Im Hintergrund ist ein Afroamerikaner, ein Strichmännchen mit nem Afro, ein kleines Kind und sowas, die ein bisschen eingerahmt mit Koffer sind komplett einmal im Kreis und durchgestrichen.

Und ich kenn diese Leute. Ich habe ihnen auch gesagt, wenn sie ein Problem damit haben, dann sollen sie mir das mal ins Gesicht sagen. Und die einzige Ausrede, die ich jedes Mal höre und die ich wirklich, wirklich niemals tolerieren würde, ist: du bist nicht gemeint. Du bist schon hier eingewandert. Ja schön! Und die Leute, die jetzt hier sind, die jetzt neu sind, sind auch eingewandert, müssen sich aber erst einleben. Was denkst du denn, wie lange ich dafür gebraucht habe? Und das einzige, was ihr damit tut, ist ihnen die Hölle heiß zu machen. Ihr habt euch nicht mal mit der Politik auseinandergesetzt. Ihr habt keine Ahnung, wie es ist, wenn man ein Mensch ist, der einfach keine Heimat mehr hat, der aus seinem eigenen Land vertrieben ist. Das ist ein Gefühl, das werdet ihr niemals nachvollziehen können.

Ich habe ihnen das auch gesagt, stellt euch vor, ihr würdet jetzt aus Deutschland vertrieben werden, ihr würdet jetzt meinetwegen in Spanien einreisen. Und stellt euch vor, ihr würdet jetzt so behandelt, als wärt ihr das letzte Stück Dreck der Welt. Ich bekam bis heute noch darauf keine Antwort.

Zu den Flüchtlingen habe ich tatsächliche ne gespaltene Meinung. Ich mein, ich weiß auch einerseits, es gibt hier viel mit Drogenhandel. Aber ich find's halt manchmal frech, wenn die Leute sagen, die Einheimischen, och ihr vergiftet mein Kind mit Drogen und alles, und dann denke ich mir in dem Moment, Tatsache ist, sie liegen nicht falsch. Andere Sache ist, wenn ihr keine Arbeitserlaubnis hättet und ihr an Geld rankommen müsstet, würdet ihr genauso kriminell werden. Ihr hättet keine andere Wahl. Ihr würdet versuchen, für eure Familien genauso das Geld zu verdienen oder für euch selbst, damit ihr euch über Wasser hält.

Und ich muss auch den Flüchtlingen dazu sagen: bemüht euch weiterhin. Das gilt für alle Menschen, die hier integriert werden möchten und die hier einwandern. Ihr schafft das! Ihr solltet euch niemals für eure Abstammung schämen. Wir sind alle Menschen. Wir sind alle gleichberechtigt. Er hat Gefühle genauso wie du, wie ich und wie Sie.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt