Sigurd Schneider: "Die Gesellschaft hat sich überfordert"

11. Oktober 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Freiwilliges Engagement
  • Flucht und Migration

Sigurd Schneider, 70 Jahre, hilft Flüchtlingen, eine Ausbildung zu machen. Er fragt sich, woher das Geld für die Integration der vielen Flüchtlinge sowie für die Renten der älter werdenden Menschen in Deutschland kommen soll. Hierüber werde nicht offen gesprochen. Das macht ihm Sorgen. Hören Sie seine Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Sigurd Schneiders Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Sigurd Schneider, Rentner, 70 Jahre alt, habe mein Berufsleben im Finanzsektor in leitender Position verbracht, und erst, nachdem ich in Rente gegangen war und die Flüchtlinge auf Deutschland zugekommen sind, habe ich mich auch mit sozialen Themen beschäftigt.

Ich habe also im Herbst letzten Jahres drei Flüchtlingen ne Ausbildung ermöglicht, die sie ohne mich nicht gemacht haben, und die haben die Anfangsschwierigkeiten gemeistert. Wenn nichts Besonderes passiert, werden die auch ihren Abschluss erreichen.

Ich mach mir Sorgen, weil ich einfach meine,  dass Deutschland zu viele Herausforderungen hat. Und das ist wie mit einem Boot, wenn da zu viele Leute an Bord sind, dann geht das Boot unter. Und die Sorgen sind einfach deswegen begründet,, weil wir eine alternde Gesellschaft sind, weil wir viele gesellschaftliche Probleme haben, um die sich auch Organisationen wie die Diakonie oder Caritas kümmern, aber die mir auch rückgemeldet haben, dass sie eigentlich ein Problem begleiten, aber nicht lösen.

Wir haben Fehler bei der Integration gemacht, und da denkt man ja überwiegend an die Türken, diese Parallelgesellschaften, diese Ghettos, dass zu Hause weiter türkisch gesprochen wird und nicht deutsch gesprochen wird. Die Schulprobleme sind alle bekannt. Das ist einfach die Unehrlichkeit, dass wir die Probleme nicht ernst nehmen oder öffentlich diskutieren.

Und was mir große Sorgen macht, auch über meine Flüchtlingstätigkeit, die Betreuung, das  ist das Drogenthema. In dieser Großstadt bekommen Sie Drogen an jeder Ecke. Im klassischen Asylsinne sind viele auch keine Asylanten. Nur, wenn sie erst mal drin sind, dann kann man sie nicht mehr abschieben.

Die Gesellschaft hat sich überfordert. Mich wird es weniger berühren, aber es berührt mich insoweit, dass ich zwei Söhne habe. Die werden nicht nur für ihren Vater und die anderen, die immer älter werden, bezahlen müssen, sondern sie werden auch für die Flüchtlinge bezahlen müssen.

Schweden ist ein wirklich sehr liberales Land. Auch dort beginnt die Angst um den Wohlstand. Und hier wird genauso die Angst um den Wohlstand beginnen.

Also in Dänemark haben sie entschieden, jeder bekommt 15 Jahre Rente, und die werden so kalkuliert, wenn man hier voraussichtliches Sterbedatum, da gibt's so Sterbetafeln, minus 15 Jahre. Und wenn das Land immer älter wird, müssen sie immer länger arbeiten. Hier tut man noch so, als könnte man das Renteneintrittsalter wieder nach unten setzen undsoweiter. Wo soll das Geld herkommen?

Wir brauchen eine ehrliche Diskussion, und wir müssen auch Menschen akzeptieren, die ein Gefühl haben, ein Deutscher zu sein und die Angst um ihr Gefühl haben. Und die darf man nicht gleich als Rassisten diffamieren.

Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt