Sigrid Kronenfeld: "Bis Mittag hat man nur die Hälfte geschafft"

3. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Sigrid Kronefeld (68) aus Goslar, hat zwei erwachsene Söhne und ist seit zehn Jahren berentet. Ihr Mann starb vor 20 Jahren bei einem Autounfall. Seitdem kümmert sie sich allein um ihren Sohn Andreas, der körperlich und geistig behindert ist.  Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Sigrid Kronefelds Geschichte zum Nachlesen

Hallo, ich bin Sigrid Kronefeld, bin 68 Jahre alt, wohne in Goslar und bin seit 10 Jahren in Rente.

Ich habe zwölf Jahre in einer Spielhalle in Bad Harzburg gearbeitet, ich musste auch aufhören durch gesundheitliche Probleme, die ich hatte, ich habe eine schwere Rücken-OP gehabt, ich habe eine Verengung des Spinalkanals gehabt, dass die Nerven nicht mehr richtig durchgängig waren, und das war höchste Eisenbahn, sonst hätte ich im Rollstuhl gesessen. Die haben mir die Wirbel versteift, mit Platten im Rücken, das war der Anfang von meinem Leiden.

Ich habe danach ganz schwere Depressionen gekriegt, wegen dieser ganzen Belastung, Angst, dass ich im Rollstuhl sitze, ob ich wieder laufen kann dann mit Andreas, mit meinem Sohn, der bei mir zu Hause lebt mit seiner Behinderung, ob ich das alles wieder schaffe.

Ich hatte voriges Jahr eine Hüft-OP, musste zwei Mal dran operiert werden, weil sich ein schweres Hämatom gebildet hat, musste nochmal alles aufgemacht werden, hab mich danach wieder erholt, wieder gelernt, dass ich laufen kann, dass ich Auto fahren kann, und meinen täglichen Haushalt ausüben kann, hab ich zu Anfang nicht geschafft, hatte ich eine Haushaltshilfe gehabt, vier Wochen, von der Krankenkasse aus, die kam dann zweimal die Woche,bis ich dann wieder halbwegs laufen konnte,und zum Schluss war es dann auch so, dass ich wieder Auto fahren konnte, nach 14 Wochen.

Da habe ich einen Termin gehabt zum EKG, und da wurde festgestellt, dass ich ein Vorhofflimmern hatte, das schon richtig schwer war, und dann habe ich 5 Tage im Krankenhaus gelegen, dann haben die das Herz durch Schocktherapie wieder richtig zum Schlagen gebracht, das Herz schlägt wieder richtig, dass ich wieder Luft kriegte, weil ich eine ganz schwere Atemnot hatte, und das muss jetzt laufend kontrolliert werden, und behandelt werden, es kann auch jederzeit wieder in diesen Zustand zurückfallen, dann werde ich einen Stand oder einen Bypass kriegen.

Durch diese Krankheitsgeschichte, die ich im vorigen Jahr hatte, wurde mein Sohn krank, der bei mir lebt, hatte eine ganz schwere Anämie gehabt, das lag auch auf Messers Schneide, der hat fünf Blutübertragungen gekriegt, und dann kam er nach 16 Tagen nach Hause. Und dann habe ich das Problem hier zu Hause gehabt, ganz allein, ohne eine Hilfe, dass ich ihn versorgen musste, das heisst Toilette im Bett, Urinflasche, Waschen im Bett, Umdrehen im Bett, das Essen bringen, bis dann der Therapeut mit ihm die ersten Übungen gemacht hat, und dann am Rollator die ersten Schritte in seinem Zimmer vor dem Bett, dass er wieder langsam auf die Beine kam.

Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe und woher ich die Kraft genommen habe.

Was im Moment das Schwierigste ist, dass die Kraft und dieser Elan nicht da ist. Man merkt, man ist alt, oder älter geworden, und man schafft es nicht mehr. Was man sich vornimmt, so viel, wenn man morgens aufsteht, so, das und das und das, und bis Mittag hat man nur die Hälfte geschafft, wenn überhaupt.

Text und Audio: EKN/Katja Jacob