Sieglinde Soppa macht Migrantenkindern klare Ansagen und hört ihnen zu

24. September 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Kinderarmut
  • Flucht und Migration
  • Integration und Teilhabe

Sieglinde Soppa arbeitet im Haus Leo der Berliner Stadtmission, wo sie für Flüchtlingsfamilien ein Nachmittagsprogramm organisiert. Sie plädiert dafür, gerade auch den Kindern zuzuhören, „weil man nur dann ihnen helfen kann, wenn man weiß, was sie bewegt“. Hören Sie, mit was für Sorgen die Kinder zu ihr kommen.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Sieglinde Soppas Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Sieglinde Soppa. Ich arbeite seit drei Jahren im Haus Leo, das ist ein Wohnheim für Geflüchtete mit besonderem Schutzbedarf. Wir haben einige Jugendliche, die mitbekommen haben, wie der Fluchtweg war. Sie haben das erlebt und was für mich sehr befremdlich war: Sie haben das alles gefilmt mit ihrem Handy, zum Beispiel eine Flucht auf dem Schiff, und sie gucken sich das immer wieder an. Und ich denke, das ist nicht irgendein Bild, das man im Fernsehen sieht, sondern das sind die Kinder und Jugendlichen, die konkret hier bei uns im Haus sind. Das muss ich auch mit nach Hause nehmen und brauche da Aufarbeitung.

Für mich war das gewöhnungsbedürftig, weil ich selber immer dachte durch viele, viele Jahre, Pädagogik kann ich, aber das hat hier ganz anders funktioniert. Ich musste hier noch klarere Grenzen setzen und Ansagen machen, die ich sonst so nicht gemacht habe - also klar, kurz und manchmal sehr streng, aber ich habe gemerkt, dass sie diese Ansagen brauchen, auch diese Grenzen brauchen und auch suchen.

Ich würde mir wünschen, dass es mehr Möglichkeiten gibt, den Kindern zuzuhören, weil man nur dann ihnen helfen kann, wenn man weiß, was sie bewegt. Ganz kleine Schritte machen wir, indem wir zum Beispiel einen Chor machen einmal die Woche mit Eltern und Kindern. Und ein ganz kleiner Teil wird gesungen, der Rest wird zugehört. Sie erzählen zum einen, was sie gerade aktuell bewegt. Sie erzählen, was sie sich wünschen, für jetzt und auch für ihre Zukunft, gerade die Kinder, was für Berufswünsche sie haben, wie sie sich ihre Wohnung vorstellen oder dass sie ein Auto möchten. Also alles die Wünsche, die andere Kinder auch haben.

Sie haben Probleme untereinander teilweise, weil hier Menschen wohnen, die aus unterschiedlichen Religionen kommen. Da gibt es manchmal ganz schön harte Kämpfe. Dann, denke ich, haben sie mehr als andere Kinder das Problem, weil so viele Kinder da sind, sie ganz oft auf die jüngeren Kinder aufpassen müssen. Das heißt, sie können ihre eignen Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen, zum Beispiel mal in Ruhe zu sein oder mal zu einem Nachmittagsangebot zu kommen, zum Beispiel "Wir kochen", ohne die kleinen Geschwister dabei zu haben. Sie müssen schon so erwachsen sein. Da ist es mein Ansatz, dass sie schon die Möglichkeit haben, irgendwann noch Kind zu sein.

Für meine Kinder hier und für Kinder, die auch noch Probleme mit der Sprache haben, ist es oft so, dass sie in der Schule sind, dann sind sie im Hort, um auch noch mehr die deutsche Sprache zu lernen im Umgang mit anderen Kindern, dann kommen sie hierher, müssen Hausaufgaben machen, dann müssen sie noch Nachhilfe machen, dann müssen sie manchmal auch noch in eine Moschee in die Schule oder in eine Sprachschule, wenn sie aus Tschetschenien kommen müssen sie auch noch Russisch lernen. Ich finde, sie haben wenig Freizeit und das ist auch wieder etwas, dass ich gesagt habe, da muss ich versuchen, sie dahinzuführen, dass es auch noch etwas Anderes als Lernen gibt.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape