Sarah Vecera (35) ist genervt vom Alltagsrassismus, auch gegenüber ihren Kindern

22. Oktober 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration
  • Integration und Teilhabe

Geboren in Oberhausen, aufgewachsen mitten im Ruhrgebiet - trotzdem ist die 35-jährige Sozialpädagogin Sarah Vecera schon ein Leben lang mit der Frage konfrontiert, wo sie denn "eigentlich" herkommt, mit ihrer dunklen Hautfarbe. Mittlerweile nervt sie der gedankenlose Alltagsrassismus auch gegenüber ihren Kindern.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Sarah Veceras Geschichte zum Nachlesen

Sarah Vecera meine Name, ich bin 35 Jahre alt, lebe im Herzen des Ruhrgebiets in Essen, Mutter von zwei Kindern, bin eigentlich Sozialpädagogin und arbeite im international-kirchlichen Kontext, zurzeit aber in Elternzeit. Was nervt mich und was besorgt mich? Ich muss sagen, ich sehe nicht aus wie die deutsche weiße Mehrheitsgesellschaft und bin aber dennoch Deutsche, werde aber ständig gefragt, wo ich denn eigentlich herkomme? Und die Antwort, dass ich sage, ich komme aus Oberhausen, das wird nicht akzeptiert, weil ich sehe wohl nicht aus wie die typische Oberhausenerin.

Wie gesagt: Deutsch ist meine einzige Muttersprache. Mein Vater kommt ursprünglich aus Pakistan. Das wird dann auch hinterfragt, ob ich denn auch muslimisch aufgewachsen bin etc. Wenn ich das dann verneine, wird dann gefragt, warum - und man landet direkt dabei, dass man intime Familienverhältnisse erfragt und man gleich einen Blick ins Familienalbum wirft - innerhalb der ersten zwei Minuten. Was man bei blonden weißen Frauen wahrscheinlich nicht tun würde, weil man damit Grenzen überschreitet - und das nervt total!

Ich denke, in den letzten Jahren hat der Alltagsrassismus in Deutschland zugenommen. Und ich würde es einen positiven Rassismus nennen, denn es ist erstmal von den Leuten ja nicht böse gemeint. Die Leute meinen, sie seien positiv und nett interessiert. Aber was sie eigentlich tun, ist, dass sie jemanden ausgrenzen und sagen: Du gehörst nicht dazu, dann erzähl doch mal deine ganze Geschichte.

Zum Beispiel sitze ich in der Krabbelgruppe und - meine Tochter, die hatte von Geburt an schon sehr viele Haare - und eine Mutter staunt über die Haarpracht meines Kindes und die andere Mutter erwidert: "Na ja, das liegt aber nur daran, dass dein Kind nicht urdeutsch ist." Daraufhin frag' ich, was sie mit 'urdeutsch' denn genau meint? Na ja, sie meint, so 'echt deutsch', sie ist ja nicht richtig 'urdeutsch'. - Das sind Sachen, wo ich denke, da wird ein Säugling schon ausgegrenzt und mit dem Konstrukt eines rassistischen Denkens konfrontiert, ohne sich wehren zu können. Das besorgt mich.

Mich wundert das, dass das gerade im Ruhrgebiet auch vorkommt, allerdings stelle ich auch fest, wenn ich Freunde besuche, die in ländlicheren Gebieten wohnen, dass es dort noch wesentlich schlimmer ist. Da fällt man auf, wenn man nur über die Straße geht oder auch, wenn man in die Kirche geht. Auch unsere Kirche ist bundesweit doch sehr weiß vertreten.

Ich denke, dass sich unsere Gesellschaft sensibilisieren muss in Hinsicht auf Alltagsrassismus. Und dass man erstmal selber auch erkennen muss, dass Dinge, die ich gut meine, nicht unbedingt gut sind! Die Menschen müssen auch sehen und akzeptieren, dass Menschen, die nicht der mehrheitlich weißen deutschen Gesellschaft zugehören, dennoch auch deutsch sein können. Und zwar nicht weniger deutsch, als blonde Menschen deutsch sind.

Redaktion: Bettina v. Clausewitz