Sabine Constabel hilft Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution

6. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Freiwilliges Engagement
  • Engagement und Hilfe

Sabine Constabel hat in Stuttgart den Verein Sisters gegründet, der Frauen hilft, aus der Prostitution auszusteigen. Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Sabine Constabels Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Sabine Constabel, arbeite überwiegend in Stuttgart und bin Vorstand von Sisters für den Ausstieg aus der Prostitution. Ich hab den Verein Sisters 2015 mit anderen Frauen gegründet -  mit Politikerinnen, mit Sozialarbeiterinnen, mit Aussteigerinnen aus der Prostitution, mit Journalistinnen, weil wir eben das Gefühl hatten, dass die Prostituierten alleine gelassen sind und dass die jemanden brauchen, der für sie eintritt und der sich stark macht für das Recht einer jeden Frau, aus der Prostitution auszusteigen oder erst gar nicht in die Prostitution zu geraten.

Wir machen das ehrenamtlich, ja. Dadurch, dass ich hauptberuflich für Prostituierte arbeite und das dann auch noch nebenberuflich mache, durchzieht das eigentlich mein ganzes Leben.

Ich arbeite ausstiegsorientiert. Das bedeutet, ich bin Ansprechpartnerin für die Prostituierten, die sagen, ich halt's nicht mehr aus. Ich sehe, dass es Beratungsstellen gibt, die sagen, wir arbeiten für die Entstigmatisierung der Sexarbeit. Und da fühlen sich nun die Frauen, die in der Prostitution leiden für die sind dann solche Beratungsstellen einfach nicht das Passende. Die Frauen die sagen zu uns, Prostitution das ist wie eine Vergewaltigung, zu der ich halt ja sage, weil ich eben diese 30 Euro brauche.

Sisters hat zwei Aufgaben. Die eine Aufgabe ist die Begleitung von Frauen, die aus der Prostitution aussteigen möchten. Dann sehen wir ja gleichzeitig, dass jede Frau, die wir aus der Prostitution begleiten, und deren Platz in der Prostitution frei wird, der wird sofort mit einer neuen Frau besetzt. Man muss dazu beitragen, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Prostitution ist eben nicht ein Job, den man mal so eben machen kann und dann steigt man halt wieder aus und macht was anderes. Die Schädigungen, die die Frauen haben, sind immens, und da ist es gar nicht so einfach, wieder auszusteigen.

Wenn eine Frau in einem Bordell sagt, heute will ich raus, ich schaff das nicht mehr, ich will keinen einzigen Tag mehr in diesem Bordell sein, dann finanzieren wir erst mal eine Pension, dass sie mal nen Platz zum Schlafen hat und helfen ihr dann, eine andere Tätigkeit zu finden.

Wir haben ganz viele positive Erlebnisse. Jede Frau, die ausgestiegen ist, zu sehen, dass sie plötzlich irgendwie wieder fröhlich ist, dass sie sagt, sie ist so dankbar, dass sie diese Zeit hinter sich lassen konnte und dass sie jetzt was anderes machen kann und die sagt, jetzt lebe ich wieder, ich putze nur irgendwie und finanziere mir damit meinen Lebensunterhalt, aber ich fühle mich wieder gesehen und wahrgenommen als Mensch und nicht wie ein Ding, dass gebraucht und weggeworfen werden kann wie im Bordell, also das zu erleben, wie diese Frauen aufblühen, wenn sie aus der Prostitution ausgestiegen sind, das ist toll.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt