Rainer*: "Wer will mit einem Knacki zu tun haben?"

6. Mai 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Rainer* lebt als Häftling in der JVA Plötzensee. Er glaubt, dass andere Menschen ihn nur nach seiner Straftat bewerten und er nach seiner Entlassung keinen Job findet. Hören Sie seine Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Rainers* Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Rainer (Name geändert), und ich lebe seit vier Jahren in Berlin und bin leider seit geschlagenen eineinhalb Jahren in Haft in der JVA Plötzensee. Ja ich habe ein Betäubungsmitteldelikt, ich bin auf Droge Auto gefahren und hatte bin eingeschlafen und ein Unfall. Ich muss jetzt fünf Jahre sitzen wegen diesem Autounfall.

Ich fühle mich unerhört. Ich fühle mich in diese alte Schiene gepresst. Als Straftäter gibt es eine Akte von Ihnen. Und nach dieser Akte, in der steht natürlich nichts Gutes, nur das Schlechte, ausnahmslos das, was sie getan haben, so wie man Sie einschätzt. Und nach dieser werden Sie beurteilt auch nach der Verurteilung weiterhin beurteilt.

Ein gutes Beispiel: Ich komme raus, suche einen Job, ich muss mein Führungszeugnis hinlegen oder ich muss meinen Lebenslauf tunen. Ich darf ja nicht mal reinschreiben, dass ich im Knast war. Glauben Sie, ich krieg noch einen Job?

Ich habe vier Berufe: ich bin Gutachter, ich bin KFZ-Meister, ich bin technischer Redakteur. Ich kann viel, konnte viel, es verfällt natürlich, ich degeneriere. Ich habe nach Jobs gesucht, ok in meinem Alter mit 55 kriegt man nicht mehr so schnell, aber man ist da alleine draußen, und keiner schert sich drum, was hier drin mit uns passiert, also was an seelischen Grausamkeiten passiert und wie tief man fällt.

Ich würde der Gesellschaft, den Richtern gerne sagen, wir sind ein Teil, wir sind der Spiegel eurer Gesellschaft. Also die Gesellschaft, so tolerant wie sie sein mag, meistens sind die, die etwas zu sagen haben, weniger tolerant. Denn die denken nach dem allgemeinen Schema, ich muss meine Firma am Laufen halten, also und ich sahne natürlich nur oben, ich nehme natürlich nur oben die Sahne schöpfe ich ab. Und wer möchte mit einem Knacki zu tun haben?

* Name geändert
Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt