Rainer* wünscht sich Kontakt zu seinem Sohn

6. August 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Rainer* muss fünf Jahre Haft im Gefängnis verbüssen. Er fühlt sich einsam und sehnt sich nach seiner Familie. Aber er ist froh, diese Sehnsucht empfinden zu können.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Rainers* Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Rainer*. Ich lebe seit geschlagenen eineinhalb Jahren in Haft in der JVA Plötzensee. Ich muss jetzt fünf Jahre sitzen. Ich fühle mich oft einsam.

Ich fühle mich traurig, weil weil ich glaube, dass ich meine Gefühle teilen möchte, aber – das geht mir jetzt sehr nahe – aber die Gesellschaft oft überhaupt keinen Sinn, keine Zeit, keinen Nerv dafür hat. Dann spiele ich Gitarre oder male oder ich schreibe auch gern.

Einsamkeit ist ein Gefühl – sowohl positiv als auch negativ. Ich sagte neulich zu einem Kollegen, der gesagt hat, er vermisst seine Familie so sehr. Dann sag ich: „Sei froh, dass Du dieses Gefühl noch empfinden kannst, Liebe zu spüren, Sehnsucht. Denn nicht jeder kann das.“

Und man verteufelt das ja ganz schnell, ah scheiße, und ich will raus oder ich krieg das nicht. Aber wenn Sie alleine das Leben so nehmen, wie es ist, nämlich und spüren, ich habe Sehnsucht, dann kann das eine schöne Sache sein.

Ich wurde eingesperrt und dann versuchte ich, meinem Sohn zum Beispiel zu schreiben, und dann kommt keine Antwort, nicht einmal „ich bin sauer“ oder so. Und dann denke ich, bestraft mich jetzt meine Familie für das, was ich mir angetan habe?

Ich habe diesen einen Sohn. Er ist dreißig Jahre alt. Ich habe ihm geschrieben, jetzt auch zu Weihnachten, kannst Du mir verzeihen oder kannst Du mir wenigstens sagen, was Du denkst?

Ich kann mit Kritik umgehen. Ich kann auch bereuen, sühnen, büßen. Aber dazu muss ein Mensch mir sagen, was los ist. Ein Wunsch für mich wäre mehr Kontakt zu meinem Sohn zu bekommen, damit ich mich auch als Vater und somit auch als Teil der Gesellschaft fühlen kann.

Ich bin spirituell. Ich glaube, ja ich glaube, aber ich habe keine Vorstellung an einen Gott, der da als guter, als weißer alter Mann. Gott ist das Leben, die Fülle selbst, und ich weiß, wenn ich aufhöre, in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu denken, dann erlebe ich die Fülle des Lebens und die Schönheit.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt
* Name geändert