"Wir Alleinerziehenden haben auch Potential"

10. Februar 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Julia Stange, die in Wirklichkeit anders heißt, ist alleinerziehend. Als sie schwanger wurde, hat sie sich gefreut. Aber niemand teilte diese Freude. Plötzlich zweifelte sie, ob sie das schaffen würde. Bei Notruf Mirjam erhielt sie Unterstützung. Alleinerziehende sollten bei der Vergabe von Kitaplätzen bevorzugt behandelt werden, findet sie. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Julia Stanges* Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Julia Stange*. Ich bin 39 Jahre alt, Bäckereifachverkäuferin und im Moment in Erziehungszeit. Ich habe ein schulpflichtiges Kind, ein Kleinkind und ein vier Monate altes Baby.

Ich habe mich in meiner Schwangerschaft an Notruf Mirjam gewendet, weil plötzlich alle meine Säulen ins Wanken geraten sind. Ich fühlte mich von allen unverstanden und furchtbar allein.

Niemand aus der der Familie oder dem Freundeskreis hat mir gratuliert, nur so Kommentare: Ist das gewollt gewesen, oder ist das jetzt ein großes Malheur? Ja, das musst Du ja wissen. Mutig. Stellungnahmen, die mir ganz schön zugesetzt haben.

Ich bin alleinstehend, aber ich habe mich trotzdem gefreut. Ich war in der Zeit berufstätig und hatte mein bescheidenes Einkommen. Wir sind auch verreist und waren zufrieden.

Wenn man alleine ist, dann ist es eben schwer. Dann geht man alleine ins Krankenhaus und danach geht man mit seiner Babytragetasche da auch alleine wieder raus und weiß, das ganze System steht auf Deinen Füßen. Du musst gesund bleiben. Da darf nichts Gravierendes dazwischenkommen. Und plötzlich dachte ich, wie lange reicht das Elterngeld? Kann ich meinen Kindern eine Perspektive bieten?

Als ich hier angerufen habe, war eine gewisse Leichtigkeit im Gespräch und auch so eine Willkommenskultur. Ich bekam dann auch eine kleine finanzielle Unterstützung für die Erstausstattung für das Baby.  Da fühlte ich mich ganz stark beschenkt.

Das Wichtigste war die liebevolle Reaktion und auch das Networking. Die haben mir eine andere Beratungsstelle angeboten, wo ich auch während der Schwangerschaft begleitet wurde. Das war sehr kostbar. Da gehe ich heute noch hin.

Bei der Elterngeldstelle habe ich vor fast fünf Monaten den Antrag gestellt und gestern habe ich das erste Elterngeld bekommen. Ich musste die ganze Zeit irgendwie überbrücken. Auch da hilft die Beratungsstelle. Wenn ich das im privaten Kreis erzähle, kommt da: ja, das hast du ja gewusst, jammer doch nicht. Dieses das-hast-du-ja-gewusst das ist immer, als ob du da mit deinem selbst-schuld-baby sitzt. Wenn ich aber ne verheiratete Mutter bin und sage, ich habe ein Schreibaby, dann kommt: – oh wie kann man dich unterstützen? Dann kommt Verständnis.

Ich wünsche mir von der Politik, dass man Alleinerziehende nicht nur als bedauernswerte Randgruppe sieht, sondern wir haben ja auch Potential und wir möchten auch wieder in den Beruf zurück. Ich wünsche mir, dass das Elterngeld zeitnah überwiesen wird. Das ist für Menschen wie uns oft das ausschließliche Einkommen. Ich wünschte mir eine Regelung, dass Alleinerziehende bei einem Kitaplatz bevorzugt behandelt werden, wenn sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen. Von meinen Freunden wünsche ich mir hin und wieder ein Lächeln oder ein Klopfen auf die Schulter oder einfach mal die Frage: Wie geht es Dir eigentlich? Aber von meinen richtigen Freunden fühle ich mich verstanden.

* Der Name ist ein Pseudonym

Sprecherin: Diakonie/Claudine da Rocha-Fahlbusch

Interview und Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt