Otto Hartmann (67): "Wohnungsproblematik muss dringend gelöst werden."

8. Februar 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Otto Hartmann war drei Monate obdachlos und sucht betreutes Wohnen. Der frühere Anwalt befürchtet, dass die Wohnungsnot durch die Flüchtlinge verstärkt wird. Hören Sie seine Geschichte!

Otto Hartmann geht seit 13 Jahren in die Vesperkirche in Stuttgart und arbeitet dort auch ehrenamtlich mit. In der Vesperkirche bekommen Menschen jedes Jahr zwischen Januar und März Kaffee, warmes Essen, medizinische Versorgung, Beratung und vieles mehr, was man zum Leben braucht. Otto Hartmann mag die Gespräche mit den Menschen, die er dort trifft. Im Chor der Vesperkirche "rahmenlos und frei" singt er mit Begeisterung mit. Er freut sich an seiner seiner kleinen Enkelin, möchte ihr Geschichten erzählen und vorlesen. Natürlich will er mit ihr auch singen.

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Otto Hartmanns Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Otto Hartmann. Nächste Woche werde ich 67 Jahre alt, wohne in Stuttgart, war Rechtsanwalt und ja habe dann Fachanwalt für Familienrecht also für Scheidungen insbesondere, hab auch sehr nach Fall der Mauer sehr viel Rückabwicklungen gemacht von Grundstücken, war auch kommunalpolitisch tätig. Die Ehe ging halt kaputt.

Als der Bruch dann kam, habe ich dann freiwillig dann auch meine Zulassung zurückgegeben. Da habe ich dann mal aber gewollt hier in Stuttgart mal drei Monate Platte gemacht.

Ja das war dann schon so, dass natürlich auch der Alkohol eine gewisse Rolle gespielt hat, und dann bin ich dann eben auch hier in der Obdachlosenunterkunft. Und dann habe ich natürlich ein Einzelzimmer bekommen. Und wie gesagt jetzt habe ich eine Wohnung.

Es ist so, dass es auf drei Jahre befristet ist, ja, damit einfach Leuten, die wohnungslos geworden sind aus welchen Gründen auch immer, dass die natürlich auch irgendeine Bleibe haben. Und ich such mir jetzt ein Betreutes Wohnen, weil ich sage jetzt mit 67 wer weiß wie lange man gesund bleibt, möchte ich nicht nochmal umziehen müssen. Das möchte ich mir eigentlich ersparen.

Verstehen Sie, das ist ja keine Arroganz, wenn ich sage, der Anwalt muss sich doch selber helfen können ja, und dann kommt aber jetzt eine Einschränkung rein: ich helfe gerne anderen Leuten, aber selber ist man der größte Schlamper, um das mal deutlich zu sagen.

Wohnungen ist für mich hier in Stuttgart eines der wichtigsten Probleme, die dringend gelöst werden müssen. Wenn ein grüner OB gewählt wird, dann erwarte ich aber auch ein bisschen Unterstützung der Familien, der kinderreichen Familien, sage ich mal, das fängt bei mir mit drei, vier Kindern an. Und da passiert nun gar nichts. Die Wohnungsnot, wenn man überlegt, die Stadt Stuttgart hat Wohnungen verkauft an irgendein Wohnungsunternehmen und natürlich sind Mieten explosionsartig in die Höhe gestiegen. Die können es sich nicht mehr leisten.

Die müssen sich mal klar werden, was unsere Flüchtlingsproblematik ist. Das ist das A und O. Es kann nicht sein, und glauben Sie mir, mir ist der Pass sowas von Jacke wie Hose, ob der deutsch oder spanisch oder italienisch ist, das man einfach mal sagen muss ja, man kann doch nicht unbegrenzt hier aufnehmen, das geht nicht ja. Da geht unser Sozialnetz in die Knie. Die wollen ja auch alle irgendwo wohnen ja. Und wenn man die eigene Leute, und ich sag nicht, dass irgendwo ein Deutscher Vorrang haben soll, das behaupte ich gar nicht ja. Aber ich muss einfach mal alle, die eine Wohnung suchen, muss ich mit Wohnungen versorgen können. Und da ist etwas ganz ganz Wichtiges, und das kann man nicht nur auf die Kommunen abwälzen, weil die eigentlich zuständig sind, ja, sondern da muss der Bund und somit die Frau Merkel mal sagen, wir müssen ein Finanzierungsprogramm aufstellen, damit das nicht nur zu Lasten der einzelnen Kommunen passieren muss

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt