Ole Jaeckel-Engler: "Dieses Gefühl von Opfersein ist etwas, das sich vererbt"

9. Oktober 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit
  • Diakonie und Glauben

Ole Jaeckel-Engler ist Pfarrer und baut in Berlin den Zeit.Laden auf. Er berät Alleinerziehende, die von Hartz IV leben und Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Er hilft Menschen, etwas in ihrer Situation zu verändern und sich nicht länger als Opfer zu fühlen. Hören Sie seine Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Ole Jaeckel-Englers Geschichte zum Nachlesen

Ja ich bin Ole Jaeckel-Engler, 46 Jahre alt, verheiratet, zwei kleine Kinder, Pfarrer bei der Berliner Stadtmission und hier im Zeitladen dabei, ein Beratungsangebot aufzubauen mit ‘nem Team von Ehrenamtlichen und ner Kollegin, die auch Seelsorgerin ist.

Wir haben Zeit für die Menschen für ihre Anliegen. Wir haben hier viele Alleinerziehende und viele Senioren. Und das heißt, das Thema, wie komme ich mit Hartz IV als Vater oder als Mutter zurecht und das Thema Einsamkeit auch bei Senioren das ist schon ein großes Thema. Das Thema Sorge oder Angst, weil Geflüchtete kommen, weil unsere Arbeitsplätze in Gefahr sind, weil Deutschland mir fremd wird – das taucht auch auf, aber in der Regel sind das Menschen, die schon in ihrem eigenen Leben Themen haben, und das bietet dann ja auch eine gute Projektionsfläche, das ich sozusagen lieber über andere schimpfe, weil es mir eigentlich selber eng ist, ich selber nicht mehr weiter weiß.

Die besorgte Bürgerin, der besorgte Bürger, dass die so direkt in Erscheinung treten und sagen „Hier bin ich, und dafür steh ich“ -  das wären ja besorgte Bürger, die selber merken, ich habe was zu sagen  und hab auch die Erwartung, indem ich was sage, dass ich was ändern kann. Das ist ja eher die Ausnahme.

Bei Pegida gehen sie mit, da ist ja auch eine niedrigere Schwelle. Da hat man da sozusagen einen Kreis der Gleichgesinnten, da muss ich mich auch nicht auseinandersetzen mit, warum ist das bei mir eigentlich so, warum bin ich so besorgt. Senioren, die auch in der DDR gelebt haben, können auch wirkliche Schauergeschichten erzählen von der Wendezeit, wie alles hier übernommen wurde, wie es finanziell auch den Bach runterging, wie sie in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden. Wenn die auf dieser Ebene erzählen, kann man das gut nachvollziehen, dass sie es nie gelernt haben, mit Fremden irgendwie  in Kontakt zu kommen, dass sie selber sich als Opfer verstehen. Und dieses Gefühl von Opfersein, das ist ja auch das, was dann auch weitergegeben wird.

Ich glaube, dieses Gefühl von Opfersein ist etwas, was sich vererbt. Wenn’s gelingt, über dieses Gefühl zu sprechen und einen Realitätsabgleich zu machen und die Leute wieder dahin zu bringen und zu sagen, wo bin ich denn kein Opfer, wo kann ich was tun, wo erlebe ich mich als selbstwirksam, dann kann sich das auch verändern. Aber das  ist ein mühsamerer Weg.

Was das Leben bereichert und was wirklich trägt, das sind vertrauensvolle Beziehungen. Das führt einfach dazu, dass Menschen rauskommen aus dieser Einsamkeit, wo sie so viel Raum haben für Ängste und für Sorgen. Letztendlich machen wir hier nichts anderes als was Jesus oder was Kirche schon immer gemacht haben, Menschen zu sehen auch in ihrer Bedürftigkeit und ihren Schwächen und zu sagen: so seid Ihr und Ihr seid geliebt und haben auch innerlich ein Bild davon, wo Menschen sich noch hin entwickeln können. Gnade ist das Wort der Bibel dafür.

Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt