Mustafa Yilmaz*: Die Gesellschaft driftet massiv auseinander

9. November 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!

Wer in der türkischen Community zu Hause ist, muss sich seine politischen Statements gut überlegen. Auch in Deutschland. Deshalb will der junge Ingenieur aus dem Ruhrgebiet, der hier geboren ist und bei einem weltweiten Konzern arbeitet, lieber anonym bleiben, wenn er von dem spricht, was er seinen "Schmerz" nennt: ein massives Auseinanderdriften der Gesellschaft. Ein neuer Nationalismus, der politisch instrumentalisiert wird, auf deutscher und türkischer Seite.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Mustafa Yilmazs* Geschichte zum Nachlesen

Mit dem Stichwort "besorgte Bürger" habe ich ein Thema - ob man es als Schmerz bezeichnen kann oder nicht - das ist, dass ich das Gefühl habe, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Dass man sich gegenseitig anfängt zu beschuldigen, zwischen Mehrheitsgesellschaft und ich nenn's mal: Minderheitsgesellschaft, obwohl diese Begriffe auch zu diskutieren sind.

Ich hab' einen türkischen Migrationshintergrund, also meine Eltern kommen aus der Türkei, ich bin hier geboren und da rede ich natürlich aus den Erfahrungen der türkischen, muslimischen Community, wo ich in letzter Zeit - das ist jetzt drei bis vier Jahre - dort auch die Tendenz sehe Richtung Nationalismus, um irgendwo Identität zu finden. Das macht sich daran fest, dass, wenn ich zum Beispiel WhatsApp-Nachrichten bekomme - man schickt sich in der türkisch-muslimischen Community freitags, weil der Freitag halt ein religiöser Feiertag ist - so Wünsche. Und wenn ich dann merke, in diesen Bildern sind im Hintergrund die türkischen Fahnen zu sehen oder dass ich in meinem privaten Umfeld sehe, dass in den Wohnungen jetzt viel mehr die türkische Fahne hervorgehoben wird oder auch als Accessoire da ist, daran mache ich das jetzt subjektiv fest. Und auch in den Gesprächen ist es natürlich für mich schon besorgniserregend, wenn halt immer gesprochen wird: Mein Land ist die Türkei und der Deutsche möchte mich doch eh nicht haben. Es geht eigentlich um Identität und Heimat und diese Themen werden ganz stark emotional angesprochen und darauf reagiert der einfache - also nicht abwertend gemeint - der einfache türkische Bürger, sag ich mal.

Wir haben jetzt über die türkische Community geredet, über dieses Driften nach rechts, definitiv, aber das erleben wir ja auch in der Mehrheitsgesellschaft. Der Zuwachs der AFD, dass auch dort Leute emotional angesprochen werden und auf komplexe Fragen einfach geantwortet wird und die Leute auch dort irgendwo ihre Heimat finden. Das Thema Heimat ist auf beiden Seiten und das finde ich eben besorgniserregend. Dass die Gesellschaft auf beiden Seiten rechts geht und man nicht mehr miteinander redet und sich begegnet. Meine Einschätzung ist, dass halt in der türkischen Community gesagt wird: Ok, ich muss jetzt hier Geld verdienen und wenn ich mir das finanziell abgesichert hab`, dann werde ich zurück gehen. Das Ziel ist es, in der Türkei zu leben.

Wenn ich gesagt habe: Auseinanderdriften - ich kann natürlich auch die Vorbehalte aus der Mehrheitsgesellschaft verstehen: Wenn eine ältere Dame über die Straße läuft oder am Bahnhof, dass sie sich vielleicht bedroht fühlen oder einfach nicht mehr wohl fühlen, das kann ich gut verstehen. Und ich würde gerne - Begegnung! in welcher Art auch immer. Das ist das Thema! Das ist nicht einfach, dass man halt Begegnungen schafft und über seine Meinung sich vielleicht auch streitet. Wenn ein türkischer Vater sagt, ich hab' Angst meine Tochter auf die Straße zu lassen, weil da zu viele Flüchtlinge rumlaufen, das sind ja genau die gleichen Empfindungen, die vielleicht ein deutscher Vater hat! Und in dem Augenblick, wo sie's beide sagen, sagen sie: Ok, was können wir dagegen tun? Eigentlich haben sie die gleichen Vorbehalte und die gleichen Vorurteile und auch die gleichen Ängste. Die werden unterschiedlich instrumentalisiert von der Politik, das ist ganz klar.

Mein Wunsch wäre, durch diese Begegnung gegenseitiges Verständnis zu schaffen, Vorurteile abzubauen und dadurch natürlich das Zusammenleben besser zu gestalten, das wäre natürlich mein Wunsch, ja.

Redaktion: Bettina v. Clausewitz

*Name und Bild von der Redaktion geändert