Mustafa Karadeniz: Unternehmer, der sich dem Wettbewerb stellt

24. September 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Integration und Teilhabe

Der Unternehmer Mustafa Karadeniz kam als Kleinkind nach Berlin. Integration war bei ihm kein Thema. Für ihn war klar, dass man in Deutschland Leistung bringen und sich dem Wettbewerb stellen muß, um etwas zu werden. Hören Sie seine Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Mustafa Karadeniz' Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Mustafa Karadeniz, bin fast 50 Jahre alt und lebe in Berlin und bin Unternehmer im Bereich Dienstleistungen, sprich Textilien und Wäscherei. Ich lebe seit 1972 in Berlin und habe von der Grundschule an über das Gymnasium bis zum Studium der Betriebswirtschaftslehre alles in Berlin gemacht. Geboren bin ich an der Nordküste der Türkei am Schwarzen Meer.

Meine Mutter kam mit der zweiten Welle der Gastarbeiterwerbung. Sie wurde als Raumpflegerin, was man heute sagt oder als Putzfrau halt geworben. Meine Mutter und mein Vater waren 17 Jahre in Berlin und 87 zurückgekehrt für immer in die Türkei, also richtig alle Zelte abgebrochen, und als ich dann 89 Mama anrief und meinte, Mama Mama die Mauer ist weg, , sagt meine Mama wirklich: welche Mauer? Sie hat in 17 Jahren nicht kapiert, dass diese Stadt geteilt ist. Die haben halt gearbeitet, um zu sparen um es dann in der Türkei halt zu investieren, und das ist die erste Generation Gastarbeiter.

Ich habe also mit acht Jahren, neun Jahren jedes Amt mit irgendwelchen Leuten besucht, um dort zu übersetzen und Formulare auszufüllen. Ich kenne heute noch die Sozialversicherungsnummer meiner Mutter auswendig, weil ich die so oft irgendwo eintragen musste.

Also Integration stand für uns halt nie zur Debatte, weil wir hatten noch alle was zu tun. Ich musste auch meine Hausaufgaben machen. Wir standen alle im gleichen Wettbewerb zu gleichen Bedingungen. Ein Dönerladen war ein Gewinn. Eine Pizzeria war ein Gewinn. Ein griechischer, ja der Grieche um die Ecke, man geht zum Griechen, das war alles völlig normal. Man hat sich nicht gefragt, ist der integriert, ist er nicht integriert. Der war da, hat gut gekocht, hat lecker geschmeckt, ist keiner dran gestorben, es war alles in Ordnung.

Die Leute sind natürlich erstmal sehr beeindruckt von dem Grad der Integration, den man hat, sprachlich, wirtschaftlich, von den Ansichten her. Ich stelle meinen Glauben, mein persönliches Leben natürlich hinten an, weil in Deutschland wird freitags gearbeitet. Da kann ich nicht sagen, ich möchte Freitag zur Moschee, ich kann nicht arbeiten.

Hier wirst du kaum etwas, nur weil du stolz bist, Deutscher zu sein. Du musst was leisten, du musst was bringen. Du musst gut in deinem Job sein und besser als manche anderen, damit man dich nimmt. Meine Landsleute sagen ganz schnell, wenn sie ein, zwei Ablehnungen bekommen haben im Job, ja, die Deutschen, die mögen uns nicht, die wollen uns nicht. Oder ich nachfrage, ja wie ist denn dein Zeugnisschnitt, wie ist denn dein Abschluss. Mit 3,4 sind die Chancen eben nicht gut für einen Ausbildungsplatz. Meine Generation macht sich das mit ihren Kindern fast genauso einfach, dass die sagen, ja, die kriegen ihren Studienplatz nicht, weil die Deutschen uns nicht mögen, sie kriegen den Ausbildungsplatz nicht, weil die Deutschen uns nicht mögen. Wir stehen im Wettbewerb, müssen alle Leistung bringen, und weil wir eben Ali heißen oder Emine oder Aische heißen, vielleicht sogar noch einen Tick besser.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt