Marita Drogatz pflegt ihren Vater, der sie als Kind missbraucht hat

23. April 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Psychische Erkrankungen

Ex-Stewardess Marita Drogatz kümmert sich um ihren pflegebedürftigen Vater, der sie als Kind misshandelt hat. Hören Sie ihre Geschichte!

Ex-Stewardess Marita Drogatz wurde von ihrem Vater misshandelt. Sie war längere Zeit in der Psychiatrie. Nun kümmert sich um ihren pflegebedürftigen Vater, der sie als Kind misshandelt hat. Ihre eigene Tochter hat sich von ihr abgewendet, um nicht durch das Trauma der Mutter belastet werden. Marita Drogatz akzeptiert das.

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Marita Drogatz' Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Marita, und dann bin ich Mutter, Ex-Stewardess, Ex-Psychiatriepatientin. Im Moment bin ich Tochter sehr, die sich um ihren Vater kümmert, der jetzt in einem Alter ist, wo er pflegebedürftig ist. Und es geht mir sehr nahe, der sehr nahe Kontakt zu meinem Vater, weil Kindheitserinnerungen hochgespült werden. Ich habe meine Kindheit als schwer empfunden, schwer mit Eltern, die Kriegskinder sind und dementsprechend auch Verhaltensmuster an mich weitergegeben haben. Gefühlskälte in der Art, Gefühle nicht zeigen zu können, nicht über Gefühle sprechen zu können. Dazu gehören Gewalterfahrungen und das mit dem Missbrauch ist schon schwer. Mein Vater ist dann manchmal so zu mir ins Bett gekommen und wollte dann unbedingt mit mir kuscheln und schmusen. Er hat mich dann so genommen und in den Arm genommen, Marita und ich immer so gesagt „nein“. Das war mir so übergriffig. Er hat eh so eine Art, wo er so übergriffig ist und so dominant. Sonntag sind wir oft schwimmen gegangen ins Schwimmbad. Ich bin auch klein, da bin ich aber schon sechs, sieben. Ich kann eigentlich schon allein in die Mädchendusche und mich abduschen oder? Da muss ich ja nicht zu meinem Vater in die Dusche. Ich habe ihm letztes Jahr auch mal gesagt, also als wir gesprochen haben auch über damals und ich so geweint habe, er hat es gesehen, da war er auch mal nett und liebevoll. Mensch Papa, warum warst du denn nicht so damals?

Ich bin nett zu ihm, ich habe unheimlich viel Geduld. Ich bin so, wie ich mir gewünscht, dass mein Vater zu mir ist. So bin ich mit meinem Vater. Ich wasche ihn. Ich wasche jetzt meinen Vater.

Was ich erkannt habe im Zuge der Aufarbeitung meiner Familiengeschichte, dass meine Eltern sich auch anscheinend gar nicht an das Schmerzvolle, was sie erlebt haben als Kinder, daran konnten sie sich anscheinend gar nicht erinnern. Und wenn man sich nicht erinnern kann und sich nicht mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt, dann führt das leider dazu, dass man Dinge überträgt. Also man möchte als Eltern nichts falsch machen, und wenn die Kinder dann kommen und sagen, oh, da hast du mir aber weh getan und mich verletzt, dann wehren wir das als Eltern ja meist ab. Und ich habe gemerkt, dass ich das bei meinen Kindern auch mache. Ich bin dann auch mit meinem Alltag nicht so richtig klar gekommen.

Ja, meine Tochter hat das gemerkt. Meine Tochter hat etwas gemacht, was ich in ihrem Alter, ein bisschen älter, nicht geschafft habe. Zu sagen, so, das ist mir jetzt zu viel bei meinen Eltern, ich komme da mit einigen Dingen nicht zurecht und brauche etwas anderes. Das habe ich damals nicht geschafft. Meine Tochter hat das geschafft und sagt, ja, du bist als Mutter ok, aber da funktionierst du nicht, und ich brauche jetzt was anderes. Und ich habe sie auch gehen lassen können. Für mich ist das dann eigentlich so, dass ich dann eben, dass ich dann nicht diesen roten Faden in der Familiengeneration übertrage auf meine Tochter.

Text und Audio: Diakonie/Ulrike Pape