Liebe Manager, bitte mehr Demut!

10. Dezember 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Julia* war mal Kellnerin, jetzt ist sie Managerin in einem großen IT-Unternehmens. Warum sie sich nicht "da oben" sieht und Manager-Allüren ablehnt, hören Sie in Ihrer Geschichte. (*Name von Redaktion geändert)

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Julias* Geschichte zum Nachlesen

Ich arbeite im mittleren Management in der IT-Branche. Dass ich oben bin, das nehme ich so gar nicht wahr. Ehrlich gesagt, das fühlt sich für mich nicht so an, weil ich das Gefühl habe, ich arbeite sehr viel und muss auch Ziele verfolgen, die mir andere stecken. Und jeder fühlt sich am Ende abhängig. Das gibt es auf allen Ebenen. Ich glaube gar nicht, dass sich das so sehr unterscheidet.

Klar, ich habe tausend Privilegien. Das heißt, du kannst in tollen Hotels absteigen, du fährst Taxi, du fliegst mit dem Flugzeug.  Du hast angenehme Arbeitsbedingungen. Du hast ein tolles Büro. Aber das heißt ja nicht, dass man damit 100-prozentig happy ist.

Ich habe auch schon ganz andere Sachen gemacht. Ich habe auch schon gekellnert oder so. Das macht einen auch zufrieden unter Umständen, wenn man die richtigen Kollegen hat.

Ich habe auch jetzt schon manchmal Schwierigkeiten damit, das vor mir selber zu rechtfertigen, womit ich eigentlich so ein gutes Gehalt verdient habe.

Was macht das nun mit einem, wenn man da in solch einer Position ist? Man denkt auch irgendwann, wenn man jeden Tag irgendwie wichtige Entscheidungen trifft, dass man das eben kann und darf. Das macht einen manchmal ein bisschen unreflektiert, habe ich so den Eindruck. Manche Manager sind schon so unterwegs, dass sie denken, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und haben eigentlich eine Kompetenz für jedes Thema. Dann frage ich mich, woraus leiten die das ab? Wie kann das sein, dass jemand denkt, er dürfte das einfach und kein bisschen sich selbst in Frage stellt oder so was wie Demut an den Tag legt? Das finde ich einfach ziemlich schockierend. Man muss immer, finde ich, sich die Möglichkeit offenlassen, sich zu hinterfragen.

*Name von der Redaktion geändert

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape