Krischan Johannsen: "Viele Menschen sind sehr einsam"

24. September 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Telefonseelsorge

Krischan Johannsen ist Leiter der Telefonseelsorge in Stuttgart. Er hört sich viele Sorgen an. Am häufigsten wenden sich Menschen an ihn, weil sie depressiv oder einsam sind. Rechtspopulistische Äußerungen seien für einige ein Ventil.

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Krischan Johannsens Geschichte zum Nachlesen

Ich heiße Krischan Johannsen, bin 62 Jahre alt und bin der Leiter der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart. Wir führen im Jahr ungefähr 23000 Gespräche, und das häufigste Thema ist, dass Menschen mit depressiven Störungen anrufen. Das heißt alles zwischen Angststörungen und den Folgen von ner Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit, und es gibt sehr viele Leute, die bei uns anrufen, die einfach sehr einsam sind. Ne große Vereinsamung, die hat nichts mit zu wenig Geld auch zu tun, sondern es ist, als würden manche Leute, wenn sie ein bisschen älter werden oder aus der Arbeit raus sind, aufwachen und merken, dass sie ihr ganzes Leben damit verbracht haben, zu arbeiten, und dass sie dann in ein großes Loch fallen und merken, da ist nichts, wenn man nicht mehr die Rolle der Arbeit hat und die Wichtigkeit aus der Position, die man mal hatte. Das ist eindeutig mehr geworden.

Was die Armut angeht, scheint es mir so zu sein, dass es schon ein größeres Thema geworden ist und dass die Menschen sich ihrer Armut auch durchaus schämen. Und in dem Zusammenhang gibt es auch Klagen über die Flüchtlinge, diese Befürchtung, die Fremden nehmen mir weg, was eigentlich vielleicht mir zustünde.. Es ist nicht mehr ganz so schlimm wie vor zwei Jahren. Da war es sehr stark, dass die Flüchtlinge als Gefahr empfunden wurden, als Bedrohung. Aber es gibt so wie eine Art depressiven Rückzug und immer noch wieder diesen Gedanken, so viele Ehrenamtliche kümmern sich um die Flüchtlinge, die kriegen Fahrten, um die Gegend kennenzulernen, die kriegen Führungen in Firmen  oder so, und wer macht denn sowas mit uns?

Also manche ältere Leute, die vereinsamt sind und seelisch es schwer haben, in Kontakt zu gehen, die bräuchten ja eigentlich, dass man auf sie zuginge und ihnen ermöglichen würde, dass sie minimal Kontakt haben, und das erlebe ich schon so, da fehlt viel, also gerade auch von den Kirchen.

Wir haben durchaus Anrufende, die ja so rechtspopulistische Sachen sagen - man müsste die rausschmeißen, man müsste die zurückschicken - und wenn ich genau gucke, ist es, als suchte da etwas ein Ventil. Man braucht halt einen, der schuld sein muss für jetzt für alles, wie es einem geht. Ich glaub nicht, dass da viel nachgedacht wird.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt